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Alltag mit Kindern

Aggressives Verhalten

Das aggressive Verhalten eines Adoptiv- oder Pflegekindes kann sich gegen Menschen, Tiere und Sachen richten, es kann gewollt oder ungewollt sein. Aggressives Verhalten kann entstehen aus dem Gefühl der Macht, aus dem Gefühl der Ohnmacht oder einfach daraus, dass das Kind kein anderes Verhalten kennt.

Das aggressive Verhalten eines Adoptiv- oder Pflegekindes kann sich gegen Menschen, Tiere und Sachen richten, es kann gewollt oder ungewollt sein und - die gleiche Handlung kann zwei ganz unterschiedliche Ziele haben:
1. erstens kann das Ziel haben, Abstand zu den Pflegeeltern herzustellen und
2. zweitens kann es das Ziel sein, genau das Gegenteil von Abstand nämlich Nähe herstellen zu wollen.

Aggressives Verhalten kann entstehen aus dem Gefühl der Macht, aus dem Gefühl der Ohnmacht oder einfach daraus, dass das Kind kein anderes Verhalten kennt.

Aggressives Verhalten eines Kindes in einer Pflege- und Adoptivfamilie hat verschiedene Ursachen.

Vorgeschichte des Kindes

Das Verhalten lässt sich häufig erklären durch die Lebenserfahrungen, die das Kind vor der Unterbringung in der neuen Familie hatte. Viele dieser Kinder kommen mit Gewalterfahrungen aus körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt. Diese Kinder sind Opfer die sich aus Überlebensgründen mit ihren Peinigern solidarisieren. Sie suchen die Schuld für die Gewaltanwendungen bei sich selbst: Ich bin so böse, dass er/sie nicht anders handeln kann und übernehmen diese Form des Handelns als übliche Form bei Auseinandersetzungen und Konfliktlösungen. Misshandelte Kinder reagieren impulsiv und spontan aggressiv, weil sie Dinge in ihrem Umfeld verzerrt wahrnehmen und als bedrohlich ansehen. Sie sind sehr empfindsam, sehen vieles als Angriff an und setzen sich sofort zur Wehr.

Integrationsprozess in die neue Familie

Nach der Phase der Überanpassung kommt die Phase der Übertragung alter Erfahrungen des Kindes auf die neue Lebenssituation und neue Familie. In dieser Phase ( also noch ziemlich zu Beginn der Inpflegegabe) können die Kinder verstärkt aggressiv sein. Immer wieder erleben Pflegeeltern dieses Verhalten nach Zeiten relativer Ruhe, ebenso dann wenn sich das Kind von der Pflegefamilie ablöst und – natürlich immer wieder im Zusammenhang mit Besuchskontakten mit den Herkunftseltern.

Handeln der Pflege-/Adoptiveltern

Misshandelte Kinder reagieren impulsiv und spontan aggressiv, weil sie Dinge in ihrem Umfeld verzerrt wahrnehmen und als bedrohlich ansehen. Sie sind sehr empfindsam, sehen vieles als Angriff an und setzen sich sofort zur Wehr. Das Kind hat vielleicht über Jahre intensiv unter dem gewalttätigen Verhalten der Herkunftseltern gelitten und hat gelernt, sein Verhalten ebenso rücksichtslos durchsetzen zu wollen.
So löst manches Verhalten der Pflegeeltern etwas in dem Kind aus, was von den Pflegeeltern so überhaupt nicht gemeint war. Das aggressive Handeln des Kindes macht dann meist auch die Pflegeeltern wütender und hilfloser und es kann eine Spirale der Vorwürfe und der Wut entstehen.

Hilfen

Es ist sicherlich hilfreich, den eigenen Anteil an der Entstehung der Wut des Kindes zu erkennen. Hin und wieder erleben wir auch, dass Pflegeeltern sich selbst in einen massiven Zorn hineintreiben lassen, der sie dann ebenso zu massiven, oft überhaupt nicht angemessenen Reaktionen dem Kind gegenüber treibt. Ein dauerhaftes Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit verbunden mit Druck von außen kann dann zu völlig unangemessenen Strafen führen.
Helfen Sie sich, in dem Sie Menschen haben, mit denen Sie über Ihre Gefühle sprechen können. Das kann eine Gruppe Gleichgesinnter sein oder natürlich auch professionelle Berater und Helfer. Holen Sie sich Hilfen. Der Umgang mit provozierenden, gewalterfahrenen Kindern ist ein hartes Stück Arbeit. Lassen Sie sich nicht im Regen stehen, fordern Sie Hilfe ein – Hilfe für sich selbst und Hilfe für das Kind.

Tipps für den Alltag

Trotz des Verhaltens des Kindes ist das Kind darauf angewiesen, dass Sie bereit sind, eine Beziehung mit ihm zu wollen und diese aufzubauen. Gelingt diese Beziehungsarbeit, dann kann das Kind langsam sein Verhalten selbst kontrollieren und so eine vorsichtige Veränderung des Verhaltens ermöglichen. Dies kann aber auch dazu führen, dass das aggressive Verhalten, welches bisher nur außerhalb der Familie gezeigt wurde, nun nach innen verlagert wird.
Darf ich mir erlauben, Sie darauf hinzuweisen, dass diese Verlagerung also ein Fortschritt ist? Sie bieten dem Kind nun einen geschützten Rahmen, in dem es umlernen und neues Verhalten probieren kann.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, wie Sie sein Verhalten empfinden, was schwierig für Sie ist und überlegen Sie, welche Möglichkeiten des besseren Umgehens miteinander es gäbe. Aber klar, man kann nicht immer über alles reden - konsequentes Verhalten bei Regelverstößen gehören einfach zum Alltag der Familie und muss nicht dauernd diskutiert werden.

Es ist wichtig für Sie und das Kind, dass die Berechtigung der Wut nicht in Zweifel gezogen wird – auch wenn Sie diese Reaktion für wirklich übertrieben halten – für das Kind hatte diese Form der Reaktion offensichtlich Notwendigkeit. Aber: achten Sie darauf, dass es so etwas wie einen „Opferausgleich“ gibt, wenn jemand durch die Wut geschädigt worden ist. Versuchen Sie, sich im Nachhinein die Situation noch einmal anzusehen und die einzelnen Schritte nachzuvollziehen. Vielleicht lässt sich ja dann ein Muster entdecken, welches dann zu Beginn einer neuen Eskalation abgebogen werden kann.

Wut, Aggression und die damit verbundenen Gefühle von Hilflosigkeit und Trauer müssen raus. Versuchen Sie mit dem Kind zu überlegen, was getan werden kann, wenn es merkt, dass diese Gefühle kommen. Hilft ein Boxsack oder ein Kissen zum draufschlagen, hilft Schreien, hilft Laufen und körperliches Abreagieren? Kann das Kind sich mit ihrer Hilfe vielleicht schon von der Wut ablenken, indem es anfängt zu zählen oder beginnt ruhig zu atmen?

Wenn Sie merken, dass Ihnen die Galle so richtig hoch kommt, dann entziehen Sie sich der Situation. Verlassen Sie den Raum, gehen Sie spazieren, gehen Sie in die Küche und kochen sich einen Tee, mit dem Sie sich dann in einen gemütlichen Sessel setzen – oder, oder, oder. Zeigen Sie sich und dem Kind durch Ihre Handlung, dass Sie so mit sich nicht umgehen lassen wollen. Und sprechen Sie mit dem Kinder hinterher darüber.

Das aggressive Verhalten kann auch ANGST in Ihnen auslösen. Wenn Sie spüren, dass dies häufiger passiert und Sie schon bemerken, wie Sie Schutzmaßnahmen für sich ergreifen, dann nehmen Sie dies Gefühl sehr ernst. Sprechen Sie mit Ihnen vertrauten Personen, sind Sie ehrlich zu sich, versuchen Sie herauszufinden, wo Ihre Grenzen sind (z.B. wenn ich mit einem Messer bedroht werde) und suchen Sie einen Lösungsweg. Das Ziel dieses Weges kann auch bedeuten, dass Sie und Ihr Kind nicht länger unter einem Dach zusammen wohnen können. Wenn Sie jedoch weiter für das Kind da sein wollen, dann machen Sie dies deutlich. Machen Sie klar, dass dies aber nicht bedeutet, den Alltag in Ihrer Familie weiterhin zusammen leben zu müssen, denn oft ist ein solch aggressives Verhalten des Kindes genau diese Mitteilung: du bist mir zwar wichtig, aber du bist mir auch zu nah. Das kann ich nicht aushalten, dagegen muss ich mich mit allen Mitteln wehren. Hier hilft es , wenn das Kind z.B. in einer Wohngruppe lebt, aber zu Ihnen noch Kontakt hat und erlebt, dass es für Sie noch etwas bedeutet.

hier können Sie sich den Kurzfilm NIEMALS GEWALT (6 min.) herunterladen oder ansehen

Letzte Aktualisierung am: 
22.09.2009

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