Sie sind hier

22.01.2024
Arbeitspapier

Weiterentwicklung der Vollzeitpflege

Das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie – Landesjugendamt – hat seine Anregungen und Empfehlungen für die Niedersächsischen Jugendämter (und für alle weiteren Interessierten) aktualisiert und die vierte überarbeitete Fassung veröffentlicht.

Relevant in:

Auszüge aus der "Einführung"

Entstehung und Anliegen der Empfehlungen

Die Idee war von vornherein, die Empfehlungen in enger Kooperation mit der Praxis zu entwickeln. Anregungen und Vorschläge sollten nicht am „grünen Tisch“ und in wissenschaftlicher Akribie, sondern von den beteiligten Jugendämtern und den weiteren beteiligten Institutionen und Personen in einem diskursiven, eng an Praxis und Erfahrungen orientierten Prozess erarbeitet und gleichzeitig in Modellregionen erprobt werden. [....]

Für die hier vorliegende vierte Auflage waren umfangreiche Überarbeitungen notwendig, zum Ersten aufgrund der Ergebnisse der Folgebefragung von 2018, zum Zweiten vor allen Dingen, um den neuen rechtlichen Regelungen des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes 2021 (KJSG) gerecht zu werden, und zum Dritten wurden im Abschlussbericht der „Lügde-Kommission“ eine ganze Reihe von Themen aufgeführt, die in den Empfehlungen berücksichtigt werden sollten. Zudem wurde die Erarbeitung dieser Auflage auch dadurch bestimmt, dass immer weniger Menschen sich bereitfinden, ein Pflegekind aufzunehmen, und damit eine qualitative Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe in Niedersachsen dringend notwendig wurde. Die Arbeit der Projektgruppe an der vierten Auflage begann im März 2022 und endete im September 2023. Die Ausführungen zur Sonderpädagogischen Vollzeitpflege wurden vom Bundesverband behinderter Pflegekinder (BbP) durchgesehen, der Abschnitt zur Vormundschaft geht auf Vorschläge von Henriette Katzenstein zurück, und alle Textstellen, die rechtliche Vermerke enthalten, wurden von Diana Eschelbach geprüft. Die Aufstellung der Mitarbeitenden und beteiligten Institutionen ist oben unter „Auflage 4 erarbeitet von:“ einzusehen.

Ein großes Ziel der Empfehlungen ist weiterhin, möglichst einheitliche Standards für die 54 kommunalen niedersächsischen Pflegekinderdienste zu erarbeiten, denn nur unter den Bedingungen von einheitlichen Verfahren, Pflegearten und Finanzierungsformen ist eine möglichst reibungslose Zusammenarbeit von Pflegekinderdiensten unterschiedlicher Jugendamtsbezirke möglich (z. B. im Rahmen des § 86 Abs. 6 SGB VIII). Dass hier schon viel erreicht worden ist, konnte in der Strukturuntersuchung 2018 abgebildet werden – so hat z. B. der Großteil der 54 niedersächsischen Jugendämter die drei „klassischen“ Vollzeitpflegeformen (Allgemeine Vollzeitpflege, Sozialpädagogische Vollzeitpflege, Sonderpädagogische Vollzeitpflege), wie sie in den Empfehlungen definiert sind, übernommen. Auch wenn eine ganze Reihe weiterer Vereinheitlichungen gegriffen haben, so zeigen sich gleichwohl noch Handlungsbedarfe in unterschiedlichen Feldern, zumal mit dem KJSG viele Handlungsaufforderungen verbunden sind. So muss der Begleitung und Unterstützung der Eltern mehr Gewicht gegeben werden, dem Austritt aus der Jugendhilfe (Careleaving) ist mehr Bedeutung beizumessen, und der Sicherung der Rechte der Kinder (auch im Rahmen von Schutzkonzepten) ist deutlicher zu entsprechen – um nur einige Punkte zu nennen. Es geht generell um die Förderung der Eigenständigkeit der Pflegekinder/Jugendlichen, deren Möglichkeit der Partizipation und Teilhabe und deren Aufwachsen durch eine Struktur, die, soweit möglich, die Kontinuität des Lebens ohne weitere Unterbrechungen sichert und gewährleistet.

Alle Teile der Empfehlungen befassen sich – unter den vorstehend formulierten Zielen – mit der inhaltlichen Arbeit von Pflegekinderdiensten und den Fachfragen im engeren Sinne. Das bestimmende Element ist eine konsequente Praxisorientierung, in die auch konkrete Empfehlungen zu Fallzahlen und Finanzierungen eingebettet sind. Die Diskussion aller Themen wurde in den Fachdiskussionen in der Projektgruppe zu Empfehlungen verdichtet. Einbezogen wurden, neben den Erfahrungen der Projektgruppenmitglieder, neuere Literatur, die Empfehlungen der dritten Auflage und die Befunde der Strukturuntersuchung von 2018. Gleichwohl ist zu konstatieren, dass die Empfehlungen zur Ausgestaltung des Pflegekinderbereichs nicht „objektiv“ formuliert werden können, sondern immer auch ein subjektives Moment beinhalten und von grundlegenden Menschen- und Gesellschaftsbildern abhängig sind. Überhaupt sollten die Empfehlungen nicht als ein ein für alle Mal fertiges „Produkt“ betrachtet werden. Die Dinge – Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Voraussetzungen, Fachdiskussionen, das Methodenrepertoire – entwickeln sich weiter. Man wird den Empfehlungen darum am besten gerecht, wenn man sie als Angebot zur Reflexion und zur Überwindung gegenwärtiger Strukturmängel und als Angebot zur permanenten Weiterentwicklung der fachlichen Arbeit liest.

Aufbau und Gliederung

Die Empfehlungen sind in zwei Hauptteile gegliedert.

Teil A ist Strukturfragen und Strukturqualitäten für die niedersächsische Pflegekinderhilfe gewidmet.

Er enthält eine Empfehlung über Differenzierungsformen im Pflegekinderbereich, Empfehlungen zur Organisation und Kooperation in der Vollzeitpflege, Erörterungen über Aufgabenbereiche von Pflegekinderdiensten und Empfehlungen zu Finanzierungs- und Personalbemessungsfragen. Zentrale Punkte bilden Kapitel 1 (Formen der Vollzeitpflege) und Kapitel 4 (Kosten und Personalbemessung). Diese Kapitel werden als unabdingbare Voraussetzungen für eine einheitliche Grundausrichtung der Pflegekinderhilfe in Niedersachen angesehen. Die Vorschläge zur Gestaltung der Organisation und Kooperation sind als Anregungen zu verstehen, die dazu beitragen sollen, eine eigene Praxis zu entwickeln. In der Form sind die Abschnitte dieses Teils unmittelbar auf Umsetzung gerichtet, wofür z. B. konkrete Leistungsbeschreibungen für Pflegeformen, tabellarische Zusammenfassungen und konkrete Vorschläge für Kooperationsvereinbarungen stehen.

Teil B folgt im Aufbau den von Fachkräften im Pflegekinderbereich zu leistenden Arbeitsschritten von der Beteiligung an der Hilfeplanung über die Gestaltung des Hilfeprozesses im Vorfeld der Pflege, die Gestaltung des Hilfeprozesses in der Begleitung des Pflegeverhältnisses bis zur Gestaltung des Hilfeprozesses bei der Beendigung der Pflege. Darüber hinaus beschäftigt sich ein Kapitel mit fallübergreifenden Aufgabenbereichen (Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung und Qualifizierung von Pflegeeltern, öffentliche Berichterstattung und Evaluation). Die einzelnen Kapitel und Unterkapitel spiegeln den Diskussionsstand in der Projektgruppe, sie sind mal intensiver ausgearbeitet, beschränken sich in anderen Fällen auf kurze Anmerkungen zu einem Regelungsbereich. Ein besonderes Augenmerk wurde auf das gleichzeitig schwierigste wie aktuell(st)e Thema des Pflegekinderbereichs gelegt, die Gestaltung von persönlichen Kontakten der Herkunftsfamilie zu dem untergebrachten Pflegekind und den Pflegeeltern sowie auf die Arbeit bei einer Rückführungsoption. Wie schon erwähnt, handelt es sich bei den Abschnitten dieses Teils weniger um „harte“ Empfehlungen, als mehr um eine Anregung an die Leserinnen und Leser, sich mit den vorgeschlagenen Qualitätsstandards auseinanderzusetzen und sie für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen.

In Kapitel 10 sind verwendete Literaturstellen sowie verschiedene Onlinedienste und -zeitschriften aufgelistet. Hier ist anzumerken, dass diese eher den Hintergrund für die im Kern praxisorientierten Diskussionen innerhalb der Projektgruppe bilden – auf eine systematische Literaturauswertung wurde daher verzichtet. 

Anmerkungen und Hinweise zur Benutzung der Empfehlungen

Die Empfehlungen sind klar auf die Arbeit der Pflegekinderdienste bezogen. Arbeiten, die von anderen Sachgebieten (z. B. dem Allgemeinen Sozialdienst) ausgeführt werden müssen, werden hier nur angerissen. Insgesamt wird von vielen Kooperationen mit unterschiedlichen Kooperationspartnern ausgegangen, die ein wichtiges Feld in der Arbeit der Pflegekinderdienste darstellen.

Den Verfasserinnen und Verfassern ist bewusst, dass sich die Arbeit in kleinen und größeren Jugendamtsbezirken nicht ohne Weiteres „über einen Kamm scheren“ lässt. Was für große Jugendamtsbezirke innerhalb des Jugendamts lösbar ist, lässt sich in kleinen Jugendamtsbezirken manchmal nur in Kooperation mit benachbarten Jugendämtern oder mit freien Trägern der Jugendhilfe lösen. Die Anregung, nach solchen Kooperationen zu suchen, ist – auch wenn nicht in jedem Kapitel erwähnt – Teil des in diesen Empfehlungen vorgeschlagenen Gesamtkonzepts für die niedersächsische Pflegekinderhilfe.

Viele Textstellen sind als Kompromisse zu betrachten, die über intensive Diskussionen zustande gekommen sind und daher Anregungen zum Vorgehen in der Praxis darstellen. Ebenso existieren aber auch Stellen, die bewusst idealtypisch formuliert sind, um auf speziell wichtige Vorgehensweisen hinzuweisen. In diesen Fällen dient das Ideal als Horizont, dem man unter den gegebenen Umständen so nahe wie möglich kommen sollte, den man aber – möglicherweise – nie ganz wird erreichen können.

An vielen Stellen im Text wird klar, dass sich die Empfehlungen auf Kinder und Jugendliche in einem bestimmten Alter und Entwicklungsstand beziehen – dies wird nicht an jeder Stelle immer wieder explizit genannt. Es wird davon ausgegangen, dass durch den behandelnden Kontext diese Differenzierung auch ohne permanente Nennung erkennbar ist.

Zumeist wird im Text von „Pflegeeltern“ gesprochen anstatt – so der korrektere, aber sehr „technische“ Begriff – von „Pflegepersonen“. Gemeint sind natürlich immer auch alleinerziehende Pflegemütter oder Pflegeväter sowie Familien- bzw. Partnerschaftsmodelle außerhalb des traditionellen Familien- und Ehemodells.

Im gesamten Text werden die Begriffe „Umgangskontakte“ und „persönliche Kontakte“ alternativ verwendet, da der häufig verwendete Begriff „Besuchskontakte“ konzeptionell zu eng gefasst ist und nicht die Spannbreite der möglichen Kontakte erfasst. Auch wenn der Begriff „Umgangskontakte“ für Regelungen verwendet wird, die das Verhältnis von Kindern zu geschiedenen oder getrennt lebenden Eltern betreffen, so zeigt sich in der Praxis der Pflegekinderhilfe gleichwohl, dass er auch hier gebräuchlich ist. Im Text werden an unterschiedlichen Stellen Abkürzungen und Symbole benutzt. Um diese nicht immer wieder neu zu erläutern, sind sie in Tabelle 1 zusammenfassend aufgeführt.

Das könnte Sie auch interessieren

Konzept

„Erweiterter Förderbedarf“ in den Ausführungsvorschriften des Landes Berlin zur Vollzeitpflege

Vollzeitpflege mit erweitertem Förderbedarf des Kindes/Jugendlichen ist dann gegeben, wenn besondere, über den allgemeinen Erziehungshilfebedarf hinausgehende Anforderungen auf Grund erheblicher Erziehungsschwierigkeiten und Entwicklungsbeeinträchtigungen, ggf. in Zusammenhang mit einer Behinderung, vorliegen. Um den Förderbedarf messen zu können, hat das Land Berlin einen Leitfaden erarbeitet, der Beeinträchtigungen des Kindes aufzeigt, die einen erweiterten Förderbedarf rechtfertigen.
Fachartikel

von:

Kinder in Vollzeitpflege und ihre Krisen

In seiner langjährigen Praxis hat der Autor ein Modell für Fachberater, Pflegefamilien, Adoptivfamilien und Erziehungsstellen zur Entwicklung von Pflegekindern und ihren Krisen entwickelt.
Stellungnahme

Stellungnahme zu direkten Pflegegeldzahlungen bei Vollzeitpflege durch Freie Jugendhilfeträger

Die Bayrische Finanzverwaltung hat zu Leistungen des Jugendamtes für die Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII, die über einen zwischengeschalteten freien Träger an die Pflegepersonen ausgezahlt werden, Stellung genommen und Bedingungen zur Einkommensteuer-Befreiung benannt.
Gerichtsbeschluss erklärt

Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII wird auch gewährt, wenn Großeltern, Elternteil und Kind zusammenleben

Großeltern gelten nicht als Herkunftsfamilien, sondern als eine 'andere Familie', wenn sie ihr Enkelkind bei sich aufnehmen. Zur Herkunftsfamilie zählen nur die Eltern und deren Kinder. Eine Vollzeitpflege im Sinne von § 33 SGB VIII wird demnach auch dann 'außerhalb des Elternhauses' gewährt, wenn - wie hier - die Pflegeeltern und ein Elternteil im selben Haushalt leben. Ein Auszug aus der Begründung mit Link zum kompletten Urteil.
Empfehlung

Baden-Württemberg - neue Empfehlungen zu den Leistungen in der Vollzeitpflege

Das Land Baden-Württemberg hat neue Empfehlungen zur Vollzeitpfleger verabschiedet, die ab 1.Juli 2009 gültig sind.
Empfehlung

von:

Weiterentwickelte Empfehlungen des DV zu Pauschalbeträgen der Vollzeitpflege 2007

Im Rahmen einer grundsätzlichen Neubetrachtung der Vollzeitpflege-Finanzierung hat der Deutsche Verein diese Empfehlungen erarbeitet.
Empfehlung

von:

Weiterentwickelte Empfehlungen des Deutschen Vereins für Öffentliche und Private Fürsorge zur Vollzeitpflege/Verwandtenpflege

§ 33 Satz 2 SGB VIII verpflichtet die Jugendämter zur Schaffung besonderer Pflegeformen für besonders entwicklungsbeeinträchtigte junge Menschen. Jedoch erhalten heilpädagogische Pflegefamilien diesen Status (und die mit ihm verbundene höhere Honorierung) keineswegs immer, weil sie ein besonders entwicklungsbeeinträchtigstes Kind aufnehmen, sondern allein auf Grund der Tatsache, dass eine der Pflegepersonen über eine – regional sehr unterschiedlich interpretierte – besondere Qualifikation verfügt.
Konzept

von:

Westfälische Pflegefamilien

Westfälische Pflegefamilien (WPF) sind eine besondere Form der Vollzeitpflege gem. § 33 Satz 2 SGB VIII für besonders entwicklungsbeeinträchtigten und/oder behinderte Kinder und Jugendliche. In diesen Westfälischen Pflegefamilien leben die Kinder und Jugendlichen in einem familiären Rahmen.
Konzept

Gemeinsame Konzeption zur Vollzeitpflege

Das Jugendamt des Rhein-Sieg-Kreises und die Jugendämter der Städte Bad Honnef, Königswinter, Lohmar, Sankt Augustin und Siegburg haben in ihrem regionalen Arbeitskreis "Vollzeitpflege" eine Rahmenkonzeption entwickelt.
Empfehlung

Empfehlungen des Landes Bandes-Württemberg zur Heranziehung von Kosten

Das Land Baden-Württemberg hat Empfehlungen zur Kostenheranziehung erarbeitet.