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28.10.2019
Bericht

Diese eine Blume, die uns verbindet – RückBlickPunkte I

Ein Praxisbericht

Die Entstehung des Buches „Diese eine Blume, die uns verbindet – RückBlickPunkte 1“ ist eng mit der Vereinsbiographie von Löwenzahn Erziehungshilfe e.V. verknüpft: Stets war ein Handlungsgrundsatz in Vereinsführung und Team, möglichst viel Kontinuität in der Begleitung der jungen Menschen zu erhalten. So entstanden über viele Jahre Beziehungen, die in gewisser Weise einem Patenverhältnis ähneln. Das Projekt entwickelte sich durch den Wunsch der ehemaligen Pflegekinder, auch weiterhin organisiert miteinander im Kontakt zu bleiben.

Die Entstehung des Buches „Diese eine Blume, die uns verbindet – RückBlickPunkte 1“ ist eng mit der Vereinsbiographie von Löwenzahn Erziehungshilfe e.V. verknüpft: Stets war ein Handlungsgrundsatz in Vereinsführung und Team, möglichst viel Kontinuität in der Begleitung der jungen Menschen zu erhalten. So entstanden über viele Jahre Beziehungen, die in gewisser Weise einem Patenverhältnis ähneln – häufig die größte Konstante im Leben der jungen Menschen, die im Rahmen öffentlicher Erziehung in Erziehungsstellen und Pflegefamilien aufgewachsen sind: Vom Zeitpunkt der Vermittlung im Kindesalter bis zu Verselbstständigung und Nachbetreuung vergeht leicht ein Vierteljahrhundert.

Das Projekt entwickelte sich durch den Wunsch der ehemaligen Pflegekinder, auch weiterhin organisiert miteinander im Kontakt zu bleiben: Die Erfahrung, außerhalb des eigenen Elternhauses aufzuwachsen, hat sie deutlich geprägt und die Wahrnehmung, dieses Lebensthema mit anderen zu teilen, viel Kraft gegeben. Teil einer Gruppe zu sein, die ähnliche Schicksale vereint, hat sie über viele Jahre gestärkt: Bei Löwenzahn konnten sie sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen und waren nicht die Exoten wie in vielen anderen Verbünden.

Zum Zeitpunkt des nahenden 20 Jährigen Vereinsjubiläums erhielten die ehemaligen Pflegekinder erstmals eine Plattform. Treffen wurden organisiert, finanzielle Unterstützung durch ortsansässige Wohltätigkeitsorganisationen ebenfalls. So konnte eine Wochenend-Fahrt finanziert werden mit Elementen aus früheren Freizeiten für Pflegekinder (großer Wunsch: Die Schnitzeljagd!), aber und vor allem auch der Austausch über die persönliche Situation. Kommentar einer Teilnehmerin: Das ist hier wie eine große Selbsthilfegruppe...ein Schwenk zurück: Wir haben als Organisation immer viel Wert darauf gelegt, dass die Kinder sich begegnen und erleben, dass sie nicht die Exoten sind, die nicht in ihrer leiblichen Familie aufwachsen können. Anders als in Schule, Vereinen, Kita, konnten sie sich so als Mitglied einer Gruppe erleben – bis dahin, dass die mitreisenden leiblichen Kinder aus Pflegefamilien gefragt wurden, warum sie KEIN Pflegekind sind...auch wurden Infos z. B. am Kicker oder bei der Schnitzeljagd ausgetauscht: Mama trinkt noch immer, Papa ist weg, ich fühl mich wohl, da wo ich bin, ich hab zwei Mamas und zwei Papas...

Darauf aufbauend entstanden Laien-Videoclips, die zusammengefügt eine berührende Collage ergaben und z.B. bei der Bundestagung Erziehungsstellen/Pflegefamilien 2016 in Köln das Publikum mitgenommen haben in die Lebenswelt von Pflegekindern: Berührende Momente, als die Protagonisten dann auch noch persönlich für Fragen und vor allem Antworten zur Verfügung standen. Der Film ist übrigens auf der Homepage von Löwenzahn Erziehungshilfe e.V. abrufbar https://loewenzahn-erziehungshilfe.de/projekte/

Der Schritt zum Schreibworkshop lag ab dem Zeitpunkt sehr nah, zumal zwei ehemalige Pflegekinder mit Unterstützung durch den Verein ihre Biographie protokolliert hatten, um sie im Rahmen von Fortbildungen für Fachkräfte aus der Szene zugänglich zu machen: Ein sehr mutiger Schritt!

Weiter ging es mit Beiträgen anlässlich von Fortbildungen für Pflegeeltern des Vereins über „Sprechstunden“ für jugendliche Pflegekinder bis zur Idee, mit mehreren Biographien ein Buch zu gestalten.

Für die Beteiligten bedeutete diese Auseinandersetzung eine intensive Beschäftigung mit Phasen ihres Lebens, durch die sie nachhaltig geprägt wurden und in denen sie sich in der Regel als Kinder und Jugendliche nicht als aktiv und frei handelnde, sondern im Rahmen von Hilfeplanung gesteuerte Personen erfahren haben, stets mit dem Fokus zwischen Defiziten und Entwicklung. Abweichungen von diesem Plan waren zwar möglich, konnten allerdings biographisch gesehen teuer werden, da stets mit Sanktionen zu rechnen war.

In der Retrospektive erkannten viele Schreibende Zusammenhänge in ihrem Lebensverlauf, die in den aktuellen Lebensbezügen verborgen waren, so dass sie mit einigen Entwicklungen in gewisser Weise abschließen und ihren Frieden finden konnten.

Mittlerweile haben weitere ehemalige Pflegekinder des Vereins Interesse bekundet, ihre Erlebnisse schriftlich zu verarbeiten. Zurzeit findet dies in Einzeltreffen statt, ein nächster Schreibworkshop ist in Arbeit. Interessant wird sein, was die Autorinnen und Autoren von RückBlickPunkte 1 in einem 2. Band berichten möchten – einige haben bereits Interesse bekundet und wir sind sehr zuversichtlich, auch dieses Projekt weiter zu entwickeln.

Aus den Erfahrungen der Schreibwerkstatt mit ehemaligen Pflegekindern ist eine weitere Projektidee entstanden: Abgebende Eltern haben in aller Regel sehr damit zu kämpfen, ihre Rolle als kinderlose, verwaiste Eltern anzunehmen und zu gestalten, und ihre Sichtweise, ihr Erleben geht im Lauf des Heranwachsens ihrer Kinder außerhalb des eigenen Haushaltes verloren. Sie haben oft eine schwache Position, da sie das Aufwachsen ihres Kindes im eigenen familiären Rahmen aus gesellschaftlicher Sicht nicht sicherstellen konnten. Die Gründe für diese Situation sind vielfältig, spielen aber in den Automatismen von Hilfeplanung für die Kinder keine Rolle und werden nicht protokolliert, weil niemand mehr den Eltern zuhört, sobald die Kinder untergebracht sind. Das ist tragisch sowohl für die Eltern, die an ihrem Unvermögen gemessen werden, als auch für die Kinder, die mit zwei Familien aufwachsen. Ihnen bleibt ein großer Teil ihrer Familiengeschichte, der Erlebnisse und Bewertungen ihrer Eltern und damit ihrer eigenen Identität verschlossen.

Erste Erfolge konnten wir bereits mit Interviews erzielen, die den abgebenden Eltern Unterstützung gegenüber frei formulierten Texten geben sollen. Durch eigene belastende Lebenssituationen, nicht zuletzt durch den gefühlten Verlust des Kindes, ist das Verfassen von Fließtexten eine besondere Herausforderung, der sich nur wenige Personen stellen mögen: Es hat auch immer mit dem eigenen Schmerz zu tun. Hier einige Zeilen aus dem Brief einer Mutter, deren jugendliche Tochter den Kontakt zur Familie abgebrochen hat:

„Warum?

Meine Welt brach am 11. Juni zusammen – deine Welt schon früher, ohne dass mir das in dem Ausmaß bewusst war... Was war bloß geschehen? Wo habe ich dich verloren?“

Das Lesen der Aufzeichnungen elterlicher Empfindungen hat uns darin bestärkt, auch ihnen die Möglichkeit begleiteter biographischer Auseinandersetzungen zu eröffnen, was wiederum Auswirkungen auf die Situation ihrer Kinder hat.

In weiteren Schritten haben wir uns darauf verständigt, abgebende Eltern aufzusuchen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, aus ihrem Leben zu berichten. Dazu sind Interview-Leitfäden entwickelt worden, die eine rudimentäre Struktur bilden und dennoch viel Raum lassen für höchstpersönliches Erleben und eigene Interpretationen. Von großer Bedeutung ist für die Eltern hierbei, dass sie aufgesucht werden (weite Fahrten von 350 km + können kein Hindernis sein!), aber und vor allem, dass sie nicht bewertet, sondern einfach nur ihre eigenen Lebensumstände und Lebensentwicklungen durch sie selbst skizziert werden.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Weg zur Beschäftigung mit den Biographien unserer ehemaligen Pflegekinder in erster Linie auf dem Grundsatz entstanden ist, dass Kontakt Beziehung schafft.

Eine eindrückliche Reise in die familiäre Biographie eines Pflegekindes erfolgte, als ein Mädchen gern den Vater, den sie noch nie gesehen hatte, ausfindig machen wollte – die Beziehung der Eltern ging während der Schwangerschaft in die Brüche. Die Berater*in durfte sie auf dieser Reise zu den Wurzeln bis nach Valencia begleiten – eine berührende Erfahrung, die nur durch intensiven, kontinuierlichen Kontakt möglich wurde.

Daher kann eine intensive Beratung und Begleitung von Pflegeeltern, Pflegekindern und ihren Familien nur gelingen, wenn sie strukturell intensiv ausgestattet ist und möglichst kontinuierlich mit denselben Akteuren erfolgt. Zur Beratung von Pflegeverhältnissen braucht es unbedingt Beständigkeit: Oft haben wir erlebt, dass Sozialarbeiter*Innen aus Jugendämtern im Rhythmus von sechs Monaten wechseln, bei nahezu jedem HPG wird erneut erwartet, dass Kinder ihre defizitären Lebensumstände benennen. Diese Situation ist erniedrigend und motiviert nicht wirklich, sich weiter zu entwickeln. Von daher ist die kontinuierliche Beratung von Pflegeverhältnissen, eine konstante Ansprechpartner*In sowohl für (Pflege-) Kinder, als auch für Eltern und Pflegeeltern, unverzichtbar. Sich als Berater*In sich dabei noch erfahrbar zu machen kann helfen, eine authentische Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit über die Volljährigkeit hinaus zu schaffen.

Zu vielen Pflegekindern und Pflegeeltern besteht auch nach Jahren weiter der Kontakt. Unprofessionell? Nein, unbürokratisch.

Kurz vor dem Abgabetermin dieses Artikels wurde mir eine große Ehre zuteil: Ein ehemaliges Pflegekind bat mich darum, seine Freie Trauung durchzuführen, mit der Begründung: Ich sei der Mensch, den er am längsten kennt.

Die Trauung war sehr schön!

Wir freuen uns auf RückBlickPunkte 2!

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