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Beteiligung der Kinder und Jugendlichen

Ob das Pflegekind an einem Hilfeplangespräch teilnimmt hängt ausschließlich davon ab, ob es für dieses Kind einen Sinn macht und ob es das will. Es gibt also keine generellen Lösungen. Bei einem Hilfeplangespräch ist jedoch die Meinung des Kindes sehr bedeutsam.

Themen:

Hierzu ein Auszug aus dem Referat "Partizipation der Kinder als Qualitätskriterium der Pflegekinderhilfe" von Daniela Reimer und Klaus Wolf.

Partizipation von Pflegekindern konkret

Partizipation heißt, den Pflegekindern zuzuhören.

Die Grundlage aller weiteren Partizipationserfahrungen ist, dass die Pflegekinder Wünsche und Befürchtungen äußern dürfen und diese wohlwollend gehört werden. Das für sie spürbare Interesse an ihrer Meinung ist somit eine notwendige, allerdings noch nicht hinreichende Voraussetzung aller weiteren Partizipationselemente.

Partizipation heißt, dass die Pflegekinder auf eine ihrem Entwicklungsstand angemessene Weise informiert werden.

Wenn die Kinder nicht hinreichend informiert sind, fühlen sie sich oft den Entscheidungen der Erwachsenen - und manchmal anonymer: der Dienste - ausgeliefert. Sie basteln sich zwar ihre eigenen Erklärungen, aber letztlich bleibt doch vieles für sie unklar und unverständlich. Dadurch entstehen zusätzliche, vermeidbare Belastungen.

Partizipation heißt, den Pflegekindern Wertschätzung entgegenzubringen.

Kinder sind in mehrfacher Hinsicht von Erwachsenen besonders abhängig und Pflegekinder haben diese Abhängigkeit oft deutlich schmerzhafter erfahren als Kinder, die behütet und ohne biografische Brüche aufwachsen konnten. Wo sie erlebt haben, dass ihre Bedürfnisse vernachlässigt und ihre Stoppsignale übergangen wurden, sind sie für die Asymmetrie und die Macht der 8 Erwachsenen sensibilisiert. Daher sind sie besonders darauf angewiesen, dass ihre Anhörung und Information in einer wohlwollenden Atmosphäre stattfindet. Es geht also nicht nur um die schlichte Information, sondern um ihre Einbettung in von Wertschätzung gekennzeichneten Umgangsformen.

Partizipation heißt, dass Entscheidungen – so weit wie möglich – mit ihnen partnerschaftlich ausgehandelt oder von ihnen autonom getroffen werden.

Auch wenn wir etwas skeptisch sind, ob das Bild von den „gleichberechtigten Verhandlungen auf Augenhöhe“ die tatsächliche Situation und das Erleben der Kinder trifft (vgl. Wolf 2008), kann es als Orientierung doch nützlich sein, die Kinder als Experten ihrer Lebensverhältnisse ernst zu nehmen und bis auf Weiteres zu unterstellen, dass sie wissen, was für sie gut ist und was ihnen schadet.

Partizipation heißt, bei Entscheidungen gegen ihren Willen, um das Verständnis der Pflegekinder zu werben.

In manchen Situationen ist es unvermeidbar, Entscheidungen zu treffen, die den Wünschen und Hoffnungen der Kinder widersprechen. Wir haben solche Situationen insbesondere bei der Herausnahme von Kindern aus ihrer Herkunftsfamilie gefunden.

Partizipation bei Ortswechseln und Wendepunkten

MitarbeiterInnen der Sozialen Dienste -damit sind der Allgemeine Sozialdienst, Pflegekinderdienste und ggf. weitere gemeint- sind nicht die einzigen Akteure, die die Partizipation der Kinder steuern. So ist hochrelevant, ob die Kinder in einem Lebens- und Lernfeld bereits Partizipationserfahrungen gemacht und die entsprechenden Strategien und Deutungsmuster gelernt haben, die sie auf den weiteren Stationen verwenden können (Wolf/Reimer 2008). Andere Menschen -im Einzelfall zum Beispiel Großeltern oder ältere Geschwister- können auch wichtige Funktionen etwa in der Begleitung des Übergangs übernehmen. Auch viele Pflegeeltern können die Kinder wirkungsvoll unterstützen, wenn sie auf diese Aufgabe gut vorbereitet worden sind. Die Aufgabe professioneller Dienste besteht darin, dafür Sorge zu tragen, dass diese Funktionen erfüllt werden – w selbst diese Aufgaben zu übernehmen.

Partizipation der „leiblichen Kinder“

Ein gutes Leben in der Pflegefamilie und günstige Entwicklungsbedingungen sind das Ergebnis der Koproduktion der beteiligten Menschen, die unmittelbar in der Familie zusammenleben und der weiteren Menschen, mit denen die einzelnen Mitglieder der Pflegefamilie verbunden sind. Insbesondere die leiblichen Kinder der Pflegeeltern spielen eine wichtige, oft unterschätzte Rolle für die Stabilität der Pflegefamilie. Wenn sie das Gefühl haben, dass die Pflegekinder ihre Position oder gar die gesamte bisherige Familie bedrohen, können sie starke Aktivitäten zum Ausschluss der Pflegekinder starten. Andererseits können sie auch als „kleine Pädagogen“ (Marmann 2005) wichtige Funktionen zugewiesen bekommen und erfüllen.

Die Partizipation der Kinder der Pflegeeltern ist eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen. Hier gelten die gleichen Dimensionen, die wir auch vorher dargestellt haben: ob die Erwachsenen ihnen genau zuhören, sie angemessen informieren, ihnen auch bei Widerstand und Befürchtungen Wertschätzung entgegen bringen, wichtige Fragen mit ihnen partnerschaftlich aushandeln und – bei Entscheidungen gegen ihre Wünsche – weiterhin um ihre Zustimmung werben. Auch die Zuordnung der Partizipationsthemen zu Stationen und Übergängen kann analog erfolgen: bei der grundsätzlichen Entscheidung, Pflegekinder aufzunehmen, bei der Gestaltung der Aufnahme und den dadurch ausgelösten Veränderungen der Familie, im Alltag des Zusammenlebens und den Entscheidungen, die im Zusammenleben und der Erziehung getroffen werden müssen und schließlich beim Verlassen der Familie und ihrer Reorganisation. Unterschiedliche Profile von Themen ergeben sich von Kindern, die in die Pflegefamilie hineingeboren werden und solchen, die bewusst die Aufnahme eines zunächst fremden Kindes erleben.

Alle Mitglieder von Pflegefamilien stehen immer wieder vor neuen Aufgaben. Ihre Lösung und die Bewältigung der dabei notwendigerweise auftretenden Probleme können nur gelingen, wenn auch die schwächeren Familienmitglieder die Erfahrung machen, dass sie beteiligt werden und den Verhältnissen nicht ausgeliefert sind, sondern sie beeinflussen können.

Partizipation bedeutet,

  • dass die Kinder (gemeint sind jeweils auch Jugendliche) die Erfahrung machen, dass die Erwachsenen ihnen in einer günstigen Gesprächssituation zuhören,
  • dass die Kinder in angemessener Weise informiert werden,
  • dass sie Wertschätzung erfahren, auch wenn sie Schwierigkeiten machen,
  • dass Entscheidungen mit ihnen partnerschaftlich ausgehandelt oder auch von ihnen autonom getroffen werden können und
  • dass um ihr Verständnis und ggf. ihre nachträgliche Zustimmung geworben wird, wenn eine Entscheidung gegen ihre Wünsche unvermeidbar war.

Daniela Reimer und Prof. Klaus Wolf arbeiten im Rahmen der Pflegekinderforschung an der Universität Siegen.

Das komplette Referat ist auf der Seite des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) verfügbar unter:
www.dji.de/pkh/reimer_wolf_partizipation.pdf

Muss das Pflegekind an dem Hilfeplangespräch teilnehmen?

Ob das Pflegekind an einem Hilfeplangespräch teilnimmt hängt ausschließlich davon ab, ob es für dieses Kind einen Sinn macht und ob es das will. Es gibt also keine generellen Lösungen. Diese Entscheidung ist immer eine Einzelentscheidung: Richtig für dieses Kind - oder nicht?
Bei einem Hilfeplangespräch ist jedoch die Meinung des Kindes sehr bedeutsam. Das Kind muss nicht als Person am Hilfeplangespräch teilnehmen, seine Meinung jedoch ist hier wichtig. Wenn das Kind also nicht selbst teilnimmt, muss jemand für das Kind sprechen. Dazu fühlen sich meist die Pflegeeltern angesprochen.

Aus meiner Sicht wäre es effektiver, wenn die Pflegeeltern ihre persönlichen Vorstellungen vertreten könnten und jemand anderes die Vorstellungen des Kindes darlegen würde.
Dies könnte (oder sollte)

  • der Vormund des Kindes sein, wenn es denn einen gibt und er seine Rolle so versteht. Zunehmend erleben wir Vormünder, die ihre Mündel regelmäßig in der Pflegefamilie besuchen. Dadurch kann das Pflegekind eine eigenständige Beziehung zum Vormund entwickeln und erleben, dass dieser wichtig und sinnvoll ist und seine Interessen vertreten kann.
  • Natürlich auch die betreuende Fachkraft des Pflegekinderdienstes sein. Wenn in Vorbereitung eines Hilfeplangesprächs die betreuende Fachkraft das Kind in der Pflegefamilie aufsucht und sich mit ihm bespricht, oder schaut wie es ihm geht und was seine Bedürfnisse sind, wird sie seine Meinung gut vertreten können. Die Fachkraft kann dann sehr authentisch die ‚Stimme‘ des Kindes im Hilfeplangespräch sein.
  • Wenn dies so nicht möglich ist und die Pflegeeltern auch das Kind vertreten müssen, dann sollten sie deutlich machen, dass das, was sie nun sagen, gewissermaßen in Vertretung des Kindes gesagt wird.

Manchmal möchten Pflegekinder -erst recht, wenn sie etwas älter werden- durchaus an einem Hilfeplangespräch teilnehmen. Aber auch hier: Vorsicht! Genau hinschauen, was besprochen wird. Vorher überlegen, zu welchen Themen das Kind denn dabei sein könnte und sollte. Dies mit der Sozialarbeiterin vorher abstimmen.
Jugendliche können durchaus ermuntert werden, an den Hilfeplangesprächs teilzunehmen. Es ist wichtig für sie zu erleben, dass ihre Meinung von Bedeutung ist und dass gegen ihren Willen Entscheidungen nicht mehr durchsetzbar sein können.

Letzte Aktualisierung am: 
18.11.2013

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