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Eigene Erfahrungen als ehrenamtlicher Einzelvormund

Die Umsetzung des Gesetzes in der Praxis ist mit viel Diskussion, Abwertung, Unverständnis, Überforderungsgefühlen, Ängsten und selten mit Zuversicht und positivem Empfinden verbunden. Die Ämter tun sich schwer, die Amtsvormünder müssen sich umstellen, andere Beteiligte um das Pflegekind herum müssen sich sortieren – es muss sich jeder bewegen. Ich begrüße diese Veränderung und bin der Überzeugung, dass sie für die Kinder und Jugendliche mit Vormündern oder Pflegern eine positive und sinnvolle Verbesserung bedeutet.

Die Umsetzung des Gesetzes in der Praxis ist mit viel Diskussion, Abwertung, Unverständnis, Überforderungsgefühlen, Ängsten und selten mit Zuversicht und positivem Empfinden verbunden. Die Ämter tun sich schwer, die Amtsvormünder müssen sich umstellen, andere Beteiligte um das Pflegekind herum müssen sich sortieren – es muss sich jeder bewegen. Ich begrüße diese Veränderung und bin der Überzeugung, dass sie für die Kinder und Jugendliche mit Vormündern oder Pflegern eine positive und sinnvolle Verbesserung bedeutet. Der Vormund erhält die Bedeutung, die der Gesetzgeber ihm schon immer gegeben hat. Der Vormund war nie nur als "Schreibtischtäter" formuliert sondern immer als ein Mensch, der sich um ein Kind kümmern sollte. Daher bevorzugt der Gesetzgeber auch den ehrenamtlichen Einzelvormund und möchte nur dann Amts- oder Vereinsvormünder akzeptieren, wenn geeignete ehrenamtliche Einzelvormünder nicht zu finden sind.
Ich führe die Aufgabe eines Vormundes seit fast 20 Jahren aus und war (bin) ehrenamtlicher Einzelvormund von Kindern, die in Pflegefamilien, Erziehungsstellen oder Wohngruppen leb(t)en. Für die meisten meiner 14 Mündel wurde ich Vormund, als die Kinder schon älter oder jugendlich waren, so dass ich diese Aufgabe nur einige Jahre für sie innehatte. Ein Junge war 15 Jahre mein Mündel. Ich habe nie mehr als drei Vormundschaften gleichzeitig geführt.
NATÜRLICH habe ich meine Mündel in ihrem Zuhause besucht, manchmal oft – mehr als einmal monatlich, manchmal weniger- je nach Bedarf. Die Kinder/Jugendlichen kannten mich meist bevor ich ihr Vormund wurde. Von den älteren Kindern und Jugendlichen habe ich mir deren Einverständnis eingeholt, bevor ich mich zur Verfügung stellte. Als ihr Vormund kannten sie mich gut. Sie hatten meine Handynummer. Ich verbrachte viele Stunden in ihrer Familie oder mit ihnen. Sie hatten Vertrauen zu mir.
Meine obersten Anliegen bestanden darin, die Kinder und Jugendliche zu verstehen, ihnen Sicherheit zu geben, sie zu schützen und ihre Interessen zu vertreten. Es zeigte sich, dass es für meine Mündel unerlässlich war, Klarheit über die Rollen der verschiedenen Personen um sie herum zu haben. Was macht mein Vormund? Wie ist das mit den Pflegeeltern? Was dürfen die Herkunftseltern? Was macht der Berater, das Jugendamt? Ebenso wichtig war es, dass die beteiligten Personen und besonders der Vormund und die Pflegeeltern positiv miteinander umgingen. Mir lag es besonders am Herzen, dem Kind und den Pflegeeltern diese Klarheit zu verschaffen. Das tat ich, indem ich die Pflegeeltern als die Haupt(bezugs)personen für das Kind wertschätzte und akzeptierte. Ich ging nicht in Konkurrenz, ich spielte nicht Mama. Ich machte klar, dass der Alltag durch sie bestimmt wurde. Hin und wieder kamen Anrufe von unzufriedenen Jugendlichen, die mir mitteilten, dass dies oder jenes ihnen nicht gefiele und dass ich das doch in ihrem Sinne nun bei den Pflegeeltern oder in der Wohngruppe anders bestimmen sollte. Immer wieder stellte ich richtig, dass dies nicht meine Aufgabe sei. Alltag ist nicht mein Ding. Aber nun wüsste ich es ja – und ob wir beim nächsten Besuch gemeinsam darüber reden sollten?
Diese klaren Vereinbarungen zwischen mir als Vormund und den Pflegeeltern/Erziehern sind unumgänglich notwendig, um den Kindern Klarheit und Sicherheit zu geben. Immer wieder zeigte es sich, dass die Kinder oder Jugendlichen uns gegeneinander ausspielen wollten – und wie wichtig es war, dass sie erfuhren, dass dies nicht geht.
Selbstverständlich nahm ich an allen Hilfeplangesprächen teil und erlebte dort manchmal, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes, die ja oft wechselten, immer wieder verblüfft bemerkten, dass das Kind, der Jugendliche mich gut kannte und sich häufig neben mich setzte. Meine Art der Vormundschaftsführung irritierte vielleicht zuerst, aber dann habe ich überwiegend sehr kooperative und hilfreiche Jugendamtsmitarbeiter erlebt. Wir gemeinsam – Pflegeeltern, Vormund, Fachkräfte, andere Helfer – haben gute Entscheidungen für das Kind oder den Jugendlichen getroffen. Natürlich auch, weil alle Beteiligten wussten, dass ich als Vormund des Kindes die Interessen des Kindes mit einem breiten Kreuz, viel Wissen, Gelassenheit und Durchsetzungsvermögen vertreten habe – wenn notwendig auch vor Gerichten.

Fazit

Aus eigener Erfahrung weiß ich also, dass der Vormund für das Kind eine wichtige Person ist. Für das Kind und seine Pflegeeltern muss der Vormund gut sein – unabhängig davon, ob er ein Amtsvormund, Vereinsvormund oder Einzelvormund ist. Kind und Pflegeeltern müssen das Gefühl haben, dass der Vormund für sie da ist, dass er oder sie gut tut, dass man sich vertrauensvoll an ihn wenden kann und dass er Kindesinteresse vertritt und Pflegeeltern wertschätzt.
Der Vormund muss weg vom Schreibtisch – hin in das Leben seines Mündels. Das soll durch die Änderung des Vormundschaftsrechts erreicht werden. Der Vormund hat Pflege und Erziehung des ihm anvertrauten Mündels zu fördern und sich daran zu beteiligen. Er kann eine bedeutende Rolle für das Kind und die Pflegefamilie spielen.
Die Änderungen sind noch frisch, die Praxis muss sich noch einspielen. Vormünder, Berater, Jugendämter müssen sich noch zurechtfinden und ihre Rollen zu klären.
Aber auch die Pflegeeltern müssen dem Vormund eine Chance geben. Erst einmal, in dem sie ihn die neue Rolle und eine Beziehung zum Kind ermöglichen. Dann aber auch, indem sie ihm zu verstehen geben, wie sie seine Aufgabe sehen und worin sie seine Unterstützung brauchen.
Es wäre großartig, wenn Sie den Vormund in ihrem Zuhause willkommen heißen würden und ihm dadurch sein Amt erleichterten.
Glauben Sie mir, ein starker Vormund, der als Schutz VOR dem Kind steht und als mögliche Rückenstützen HINTER Ihnen ist ein Segen.

Letzte Aktualisierung am: 
18.06.2012

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