Sie sind hier

01.09.2012
Erfahrungsbericht

Bericht einer Sozialarbeiterin

Da ist es wieder, was wir am meisten fürchten – ein totes Kind in Hamburg. Und da ist auch wieder mein schlechtes Gefühl. Ich schließe die Bürotür auf und setze mich an meinen Schreibtisch. Vor mir liegen neue Konzepte zum Fallmanagement, Eingangsmanagement, Netzwerkmanagement und zur sozialpädagogischen Diagnostik. Und der neue 20-seitige Kinderschutzbogen zum Ausfüllen im Gefährdungsfall.

Da ist es wieder, was wir am meisten fürchten – ein totes Kind in Hamburg. Und da ist auch wieder mein schlechtes Gefühl. Ich schließe die Bürotür auf und setze mich an meinen Schreibtisch. Vor mir liegen neue Konzepte zum Fallmanagement, Eingangsmanagement, Netzwerkmanagement und zur sozialpädagogischen Diagnostik. Und der neue 20-seitige Kinderschutzbogen zum Ausfüllen im Gefährdungsfall.

Über mir schwebt die Anweisung, allen Gefährdungsmeldungen umgehend nachzugehen. Ich muss jederzeit Erreichbarkeit gewährleisten – denn „Hamburg schützt seine Kinder“. Ich rufe meine E-Mails auf und höre meinen Anrufbeantworter ab. Die Aufträge stapeln sich. Auf meiner Mailbox ist wieder die junge Mutter. Sie weint. Sie sagt, sie fühle sich überfordert. Sie habe diesen Monat kein Geld mehr und wisse nicht, wie sie ihre drei Kinder versorgen solle. Sie habe keine Kraft mehr, fühle sich leer und allein. Sie bittet um Rückruf und einen Termin.

Ich gucke in meinen Kalender und stelle fest, dass ich in den nächsten drei Wochen so gut wie keinen Termin frei habe. Dann fällt mir siedend heiß die Meldung vom Tag zuvor ein. Ein Junge (8), der in der Schule mehrmals gesagt hat, er möchte nicht mehr leben. Ich rufe die Schule an. Eine Meldung löst die nächste ab. Der Tag rast vorbei und ich, ich hetze hinterher. Am Ende des Tages fällt mir der Anruf der Mutter ein. Ich schreibe die Bitte um Rückruf auf einen Zettel und lege ihn zu den vielen unerledigten Anfragen. Ich habe ein schlechtes Gefühl, wie jeden Abend, wenn ich meine Bürotür hinter mir schließe.

Am nächsten Tag erwarte ich eine Mail, mit dem Auftrag, ein Formular zu jeder Pflegefamilie in meiner Zuständigkeit auszufüllen – höchste Priorität – damit kein weiteres Kind stirbt. Auch heute werde ich es nicht schaffen, die Mutter zurückzurufen und abends werde ich wieder mein Büro verlassen – mit einem schlechten Gefühl.

Aus: Hamburger Morgenpost – online, 3. Februar 2012

Das könnte Sie auch interessieren

Politik

Bundesrat fordert mehr Informationen für Jugendämter

Gerichtsbehörden und Jugendämter sollen leichter Informationen austauschen können, um den Kinderschutz zu verbessern. Dies fordert der Bundesrat mit einem Gesetzentwurf vom 9. Oktober 2020, der nun in den Bundestag eingebracht wird.
Tiefergehende Information

Beistand in einem Hilfeplangespräch

Pflegeeltern, Herkunftseltern, Jugendliche und junge Erwachsene können zum Hilfeplangespräch einen Beistand -eine Person ihres Vertrauens- mitnehmen, wenn sie dies sicherer macht. Hier erfahren Sie die rechtlichen Grundlagen dazu - und warum das oft sehr hilfreich ist.
Projekt

von:

Jugendhilfeb@rometer - Bundesweite Befragung der Jugendämter zur Pflegekinderhilfe

Das Deutsche Jugendinstitut e. V. (DJI) führt mit Unterstützung der kommunalen Spitzenverbände eine Online-Erhebung bei allen Jugendämtern zur Pflegekinderhilfe in Deutschland durch.
Erfahrungsbericht

Fachkräfte gaben sich in den Familien die Klinke in die Hand

Bei mehreren Familien wurden kurzfristig, neben den regulären Hausbesuchen vom Pflegekinderdienst (PKD), Termine von ASD-Kollegen bzw. als ASD-Vertretung von nicht zuständigen PKD-Kollegen gemacht, um vor Ort zu kontrollieren. Die Erklärungen für diese Besuche entsprachen nicht dem Beratungs-/Betreuungsbedürfnis der Familie, sondern dienten offenkundig der Erfüllung formaler Vorgaben.
Erfahrungsbericht

Luzie kommt - Erfahrungsbericht einer Pflegemutter

Luzie wurde als sechstes Kind ihrer Mutter in der 31. Schwangerschaftswoche geboren und kam mit 20 Monaten zu uns. Die anderen Halbgeschwister leben seit ihrer Geburt ebenfalls in Pflegefamilien. Die Eltern sind nicht verheiratet und leben heute getrennt voneinander. Die Mutter ist seit langem alkoholabhängig. Auch in bzw. kurz vor der Schwangerschaft wurde sie mit einer akuten Alkoholvergiftung stationär behandelt. Lesen Sie weiter...
Erfahrungsbericht

Übernahme von Kosten durch das Jugendamt

Meine Frau und ich haben nun seit 7 Jahren ein Pflegekind. Dieses Pflegekind hat in Mathematik große Probleme.
Interview

von:

Interview zum neuen Adoptionskonzept des Jugendamtes Mülheim/Ruhr

Voraussetzungen und Ergebnisse der neuen Konzeption zur Adoption der Stadt Mülheim/Ruhr. Das Erarbeitung des Konzeptes wurde 2013 fertiggestellt und beinhaltet neben der Vermittlung von Kindern zur Adoption die Nachbetreuung der Adoptivfamilie, wenn diese eine weitere Beratung wünscht.
Tiefergehende Information

Hinweise und vorläufige Umsetzungsempfehlungen zum KICK

Das Gesetz zielt auf eine Verbesserung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen bei Gefahren für ihr Wohl, die Stärkung der Steuerungsverantwortung des Jugendamts, die Verbesserung der Kinder- und Jugendhilfestatistik, eine Reduzierung des Verwaltungsaufwands durch eine Neuregelung der Kostenheranziehung, eine stärkere Realisierung des Nachrangs der Jugendhilfe sowie die Weiterentwicklung der Regelungen zum Sozialdatenschutz und ihre Anpassung an europäisches Recht ab.
Tiefergehende Information

Wie suchen Jugendämter Pflegefamilien?

Jugendämter beschreiten verschiedene Wege der Werbung und Information, um Menschen für das Pflegeeltern-Sein zu interessieren. Hier finden Sie eine Übersicht.
Tiefergehende Information

Landesjugendämter und ihre Aufgaben

Die Aufgaben der Landesjugendämter sind im SGB VIII beschrieben. Die Landesjugendämter haben sich zu einer Bundesarbeitsgemeinschaft BAGLJÄ zusammengeschlossen.