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23.11.2015
Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht Florian

Erfahrungsbericht über ein Pflegekind mit FASD, welches in der Pflegefamilie erwachsen wird.

Unsere Familie - heutiger Stand:

Wir Eltern, zwei leibliche erwachsene Kinder, drei nicht allzu auffällige Pflegekinder(12, 10 und 6 Jahre) und Florian (18 Jahre).

Florian kommt zu uns

Florian kam mit 3 1/2 Jahren in unsere Familie. Unsere leiblichen Kinder waren zehn und zwölf Jahre jung. Wir wohnen sehr ländlich auf einen ehemaligen Bauernhof mit vielen Tieren.

Florian hatte ein halbes Jahr Heimerfahrung und hat in den ersten drei Jahren in seiner Herkunftsfamilie gelebt. Er ist mit seiner Mutter zwei Mal ins Frauenhaus geflüchtet, hatte Gewalterfahrung gegen seine Mutter und sich selbst erlebt, wurde nicht regelmäßig versorgt (Hungererfahrung) und erkannte einige Biersorten an Hand des Etikettes. Er kannte keine Strukturen und unsere Sozialarbeiterin sagte ganz trocken zu uns: „Stellen sie sich vor, sie nehmen Alf (Fernsehsendung) auf und erklären ihm, dass er ihre Katze nicht essen soll“. Wir haben alle herzlich gelacht, aber nach einer Woche wussten wir was sie meinte.

Florian hatte einen großen Wortschatz und redete ununterbrochen. Er war der Gesprächspartner der Mutter, wusste allerdings nicht, was er dort sprach. Er beschimpfte uns als Arschloch und das war noch harmlos. Unsere Kinder und wir sagten ihm, bei uns wird so nicht gesprochen und “boten“ ihm Schimpfalternativen wie “rostige Bratpfanne“ o.ä. an. Das besserte sich aber nach einiger Zeit.

Die Mutter lernten wir bis heute nicht kennen. Der Vater hatte in den ersten 1 1/2 Jahren monatlichen Besuchskontakt, den er aber oft morgens absagte und einen anderen Termin, meist eine Woche später, angeboten bekam. Diese Termine nahm er dann wahr. Nach den Kontakten reagierte Florian ständig mit Einkoten, aß bis zum Erbrechen, besorgte sich Essen, machte Bücher und Kleidung kaputt. Er brauchte zwei Wochen um wieder “klar“ zu werden. Ich führte ein kleines Tagebuch und konnte unserer Sozialarbeiterin dies beim nächsten Besuchskontakt vorlegen. Über ein Jahr standen dort die Kontakte und Nachwirkungen drin und sie fand das, was sie da lesen konnte, doch sehr erschreckend. Der Besuchskontakt wurde etwas lauter nachdem auch der Vater diese Aufzeichnungen gelesen hatte. Er drohte mit einem Anwalt. Danach hatten wir fast ein Jahr keinen Besuchskontakt.

Wir werden Vormünder von Florian

Nach dieser Pause meldete sich der Vater beim Jugendamt und fragte nach Florian. Die Sozialarbeiterin, der Vater und ich trafen uns zu einem Gespräch im Jugendamt. Das Gespräch verlief gut und der Vater wollte, dass wir Pflegeeltern doch die Vormundschaft für Florian übernehmen sollten. Bisher lag sie beim Amtsvormund. Wir gaben dem Vater unsere Handynummer und später auch unsere Anschrift, damit er Florian Karten schreiben konnte. Der Vater hielt sich bis heute daran, immer nur eine Karte zu schreiben oder mich per SMS anzufunken.

Florian besuchte nach einem Jahr bei uns den Kindergarten. Auch dort eckte er an. Er verweigerte Dinge, an denen er keinen Spaß hatte und nahm sich Sachen, die ihm nicht gehörten. Das morgendliche Frühstück “überwachte“ er ganz genau. Die Erzieherin hatte Erfahrung mit Pflegekindern, denn sie ist selbst mit einigen aufgewachsen. Ein Glücksfall für uns alle. Sie setzte ihm Grenzen und achtete auch darauf, dass er sie einhielt.

Florian wurde immer auffälliger in seinem Verhalten. Er redete wie ein Wasserfall und wusste oft nicht was er da quasselte. Er zerstörte seine und auch unsere Sachen und zeigte gar kein Reuegefühl oder eine Traurigkeit. Wenn wir am Wochenende oder im Urlaub einen anderen Tagesablauf hatten, oder nur die fünf einmal gerade sein lassen wollten, bekamen wir sofort die Quittung. Er nahm sich Sachen, die ihm nicht gehörten, log dann und beschuldigte andere. Nur auf Druck gab er es zu und meinte dann, einmal Drücken und Umarmen und alles sei gut. So hatte er es ja drei Jahre lang in seiner Herkunftsfamilie erfahren. Bei uns war es aber nicht gut, wir waren traurig, enttäuscht und konnten sein Verhalten nicht nachvollziehen. Wie es weitergeht erfahren Sie mit unserem Abonnement.
  • Überdies finden Sie dort die Vorlage für einen Antrag auf Einrichtung einer Betreuung beim Amtsgericht.
Florian wurde immer auffälliger in seinem Verhalten. Er redete wie ein Wasserfall und wusste oft nicht was er da quasselte. Er zerstörte seine und auch unsere Sachen und zeigte gar kein Reuegefühl oder eine Traurigkeit. Wenn wir am Wochenende oder im Urlaub einen anderen Tagesablauf hatten, oder nur die fünf einmal gerade sein lassen wollten, bekamen wir sofort die Quittung. Er nahm sich Sachen, die ihm nicht gehörten, log dann und beschuldigte andere. Nur auf Druck gab er es zu und meinte dann, einmal Drücken und Umarmen und alles sei gut. So hatte er es ja drei Jahre lang in seiner Herkunftsfamilie erfahren. Bei uns war es aber nicht gut, wir waren traurig, enttäuscht und konnten sein Verhalten nicht nachvollziehen. Nun beklaute er auch unsere Eltern, die mit uns im Haus wohnten. Er durfte daraufhin deren Wohnung nur noch betreten, wenn einer von uns dabei war. Wir mussten ihn ständig kontrollieren und das war sehr anstrengend. Unserem Freundes- und Bekanntenkreis war es nicht verständlich, warum Florian sich so verhielt und warum wir dem “armen“ Jungen so enge Grenzen setzten. Wir boten an, dass einer Florian ja für zwei Wochen in den Sommerferien nehmen könnte, damit wir einmal entspannt Urlaub machen könnten. Keiner wollte das!

Jetzt kam ein weiteres Pflegekind von 5 1/2 Monaten zu uns. Florian war richtig bemüht und lieb zu ihm. Nun stand Florian nicht mehr ständig im Mittelpunkt und das tat ihm auch gut.

Die Einschulung rückte heran und Florian besuchte die erste Klasse unserer Grundschule. Die Lehrerin war streng, gerecht und sprach Klartext. Nach kurzer Zeit hatte Florian seinen Platz gefunden, kommandierte die Schulkameraden herum und war nicht so beliebt. Auch in der Klasse setzte er sein Verhalten fort. Es wurde immer deutlicher, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Wir erfahren etwas über die Beeinträchtigung von Florian

Durch Zufall besuchten wir ein Seminar über FAS. Bis zu diesem Zeitpunkt dachten wir FAS steht für Fohlen-Anpassungs-Syndrom. (Wie wir darauf kamen? Wir haben viel mit Pferden zu tun). Den Unterschied erklärten uns Dr. Feldmann und Prof. Spohr in Mülheim auf diesem Seminar. Dort berichteten fremde Menschen über unseren Sohn. Ich machte umgehend einen Termin bei Dr. Feldmann an der Uni Münster aus. Für Dr. Feldmann stand schnell fest, dass Florian FAS hat. Er hatte alle Merkmale dieser Behinderung und wir bekamen eine Nachricht, dass die Mutter Alkohol in der Schwangerschaft getrunken hatte.

Nun wussten wir warum Florian so reagierte, für uns eine Erklärung, aber ein großer Schock. Wir hatten ein behindertes Kind und mussten unser Leben danach ausrichten. Erst einmal suchten wir eine passende Schule. Nach achtmonatigen Vorsprechen, und an jedem Fest teilnehmende nette Eltern, durfte Florian für zwei Wochen vor Ostern den Unterricht besuchen. In der ersten Woche war Florian total angepasst und petzte ständig. Er wollte sich beliebt machen bei seiner zukünftigen Lehrerin. Die fand das nicht so toll und sagte ihm, dass er mit dem Verhalten dort nicht hinpassen würde. In der zweiten Woche benahm er sich normal und die Schule nahm ihn an. Jetzt gingen wir zusammen mit der Grundschule an das Schulamt, um das AO-SF Verfahren einzuleiten. Florian wurde geprüft und der Prüfer kannte sich mit Pflegekindern und FAS aus und sah Florians Bedürfnisse. So ein Glück für uns alle.

Ab dem vierten Schuljahr durfte Florian an die Waldorfschule für sozial-emotional geschädigte Kinder und LB. Jetzt fuhren wir täglich 120 km hin und her um ihn zur Schule zu bringen und auch wieder abzuholen. Das Jugendamt bezahlt diese Schule. Nach intensiven Gesprächen mit dem Buskreis der Schule wurde die Buslinie umgelegt und Florian in Hausnähe abgeholt. Welch ein Aufatmen der gesamten Familie, weniger Stress!!

Allerdings hat Florian auch an dieser Schule keine Freundschaften knüpfen können, aber alle nehmen ihn so wie er ist. Diese Schule hat 12 Schuljahre und Florian wird im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss dort erreichen.

Florian wird selbständig

Jetzt ist er 18 Jahre alt und zwei Monate vor seinem Geburtstag haben wir beim Betreuungsgericht die Betreuung für ihn beantragt. (Siehe Anhang) Die Dame von der Betreuungsstelle kam zu uns und nach dem Gespräch mit Florian und uns sah sie seine Bedürftigkeit und schreib ihren Bericht ans Gericht. Dann kam ein Gutachter für Florian zu uns, der vom Gericht bestellt wurde, um Florian zu begutachten. Auch dieser Psychologe sah die Notwendigkeit für eine Betreuung durch uns für Florian. Nächste Woche haben wir eine Ladung vom Gericht und hoffen, dass der Richter sich dem Gutachten anschließt und wir die Betreuung für ihn übernehmen können.

Danach werden wir uns einen erneuten Termin beim Reha-Berater im Arbeitsamt holen, um den weiteren Lebensweg für Florian zu ebnen. Einen Termin hatten wir schon vor den Sommerferien und haben uns dort vorgestellt und schon einmal Arztberichte, Hilfepläne etc. abgegeben. Als der Reha-Berater meinte, dass seine Kinder auch schon mal diese Auffälligkeiten hätten fragte ich, ob seine Frau auch in der Schwangerschaft getrunken hätte? Die armen Kinder, auch behindert! Daraufhin nahm er die von uns mitgebrachten Unterlagen und lud uns zu einem weiteren Termin ein. Der Reha-Berater meinte, dass Florian sich erst einmal finden muss und überall hinein schnuppern soll. Ich fragte, und dann?

Für uns ist ganz klar, dass Florian im nächsten Jahr ins betreute Wohnen wechseln wird und an den Wochenenden oder zu Familienfeiern nach Hause kommen soll. Wir brauchen auch einen räumlichen Abstand, damit wir weiterhin als Familie leben können. Florian hat uns verdammt viel Kraft und Nerven gekostet und mit dem Verstand von heute, würden wir ihn nur noch mit mehr Hilfe und Betreuung bei uns aufnehmen.

Florian wird keine Ausbildung machen können, vielleicht eine Helferausbildung in Kombination mit betreutem Wohnen. Er hat dann im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss, weiß aber nicht, wann er duschen soll und dass die Wäsche auch gewaschen werden muss. Er bekommt seinen Alltag nicht geregelt und braucht ständige Anleitung und Hilfe.

Aus den o.a. Gründen haben die Vormünder/Pflegeeltern einen Antrag auf Betreuung von Florian an das örtliche Amtsgericht gestellt.

Antrag auf Einrichtung einer Betreuung bei unserem örtlichen Amtsgericht

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit stellen wir den Antrag unser Mündel/Pflegesohn Florian [...], geb. [...] unter Betreuung zu stellen. Gerne möchten wir für ihn diese Betreuung übernehmen und stellen uns hiermit zur Verfügung.

Florian hat eine Fetale Alkoholschädigung (FAS) und kam als traumatisiertes Kind im Alter von 3 1/2 Jahren in unsere Familie. Er besucht die Förderschule in G. mit dem Schwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung und wird im nächsten Jahr diese Schule verlassen. Florian bekommt seinen Alltag nicht ohne Hilfe geregelt. Er ist leichtgläubig, naiv und vergisst viel. Er braucht einen strukturierten Tagesablauf und ganz klare Grenzsetzungen.

Wir würden gerne persönlich bei Ihnen vorsprechen, um über Florians Betreuung zu reden. Florian weiß, dass wir diesen Antrag stellen.

In Kopie fügen wir den letzten Hilfeplan vom Jugendamt [...], den Bericht von Dr. Feldmann aus der FAS Ambulanz, unsere Bestallungsurkunden und den Schwerbehindertenausweis bei.

Mit freundlichen Grüßen [...]

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