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20.05.2008
Erfahrungsbericht

Galina, eine russische Adoption

Der Appell eines Adoptivelternpaares, Russland die Auflage zu erteilen, Hintergründe und Diagnosen bei Adoptionen genau aufzuschlüsseln, damit ihr Fall nicht der traurige Standard in der deutschen Adoptionsgeschichte wird!

Wir, das sind Lars und ich, Nina, konnten keine eigenen Kinder bekommen und somit entschlossen wir uns, ein Kind zu adoptieren. Altersentsprechend war es in Deutschland nicht möglich und so entschieden wir uns für Russland. Der Sozialbericht wurde vom JA erstellt und wir wandten uns an die deutsche Botschaft in Moskau, die uns eine russische Kanzlei empfahl. Dorthin schickten wir unsere Papiere und die Agentur erledigte Vermittlung und die damit verbundenen Hilfen bei den Behördengängen. Wir flogen am 5. Nov. 2001 und bekamen vom hiesigen Adoptionszentrum unseren Kindervorschlag Galina. Zunächst wurden die Krankheiten vorgelesen. Demnach hat sie ein psychomotorisches Entwicklungshemmungssyndrom, eine perinatale Schädigung am ZNS und Mittelohrentzündung. Die Mutter sei gesund und hätte noch 3 andere Kinder, die bei ihr lebten und auch gesund seien. Das Kind wurde aus schwerer wirtschaftlichen Lage sofort freigegeben.

Wir wollten Galina sehen und bekamen ein Kind in verwahrlostem Zustand vorgestellt. Lars und ich beschäftigten uns mit Galina. Sie reagierte und nahm Kontakt auf. Hin und wieder schaukelte sie, wie alle hospitalvisierten Kinder und kratzte am Sofa. Sie fing gerade an zu laufen, was aber auch mit Entkräftigung zutun hatte. Sehr neugierig untersuchte sie das Zimmer. Die Haare waren wohl ausgefallen, der Kopf sah vergreist aus. Ich sprach die Leitung auf eine mögliche Alkoholschädigung an. Das wurde verneint. Galina sei kerngesund bräuchte aber dringend Eltern, wie alle in einem Waisenhaus. Das Haus machte keinen guten Eindruck, ich verließ mich aber auf die Anwältin, die bestätigte "she is absolutely normal". Sie schlug aber zu meiner Beruhigung vor, noch einen anderen Arzt zuzuziehen, der auf eine Alkoholschädigung untersuchte. Über Alkoholembryopathie war ich soweit informiert, dass ich wusste, ich kann dieser Aufgabe nicht gewachsen sein. Ich ließ dies auch in den Sozialbericht schreiben, auch dass ich kein geistig behindertes Kind aufnehmen könne. Mit körperlichen Beeinträchtigungen hätte ich kein Problem.

Der Arzt wurde hinzugezogen und eine deutsche Dolmetscherin, da sich die Anwältin nicht zutraute die Diagnosen adäquat englisch zu übersetzen. Der Arzt schaute in Galinas Gesicht und wies eine Alkoholembryopathie von sich. Auf die Übersetzung die Mutter hätte sich nicht verhalten wie eine Schwangere, wurde gesagt, sie hätte vielleicht geraucht und sie sei ja nicht zu Vorsorge gegangen. Es gab keinen Grund die Adoption abzulehnen und wir sagten ja. Galina war 1,5 Jahre alt. In Ihrem Gesicht war nichts, was auf eine Alkoholembryopathie schließen könnte!

Wir waren natürlich wie alle "frischgebackenen Eltern" voller Freude. Nach 4 Wochen, nach dem Gerichtstermin holten wir Galina ab. Sie wirkte noch verwahrloster und schrie 2 Stunden bis in unsere in Russland gemietete Wohnung. Bis dato hatte sie wohl nie einen Himmel oder je einen Baum gesehen. Zuhause ließ sie sich dann auch nicht beruhigen und wir entdeckten einen 1 cm großen Eiterpfropf im Ohr. Der Notarzt kam und mit den entsprechenden Medikamenten ging es aufwärts. Diese rezidivierenden Mittelohrentzündungen begleiteten uns noch Monate. Durch die Weihnachtszeit waren wir 3 Wochen in Zwangsurlaub, die Einspruchsfrist der Mutter musste noch abgewartet werden, bis das Urteil rechtskräftig ist. Die Verhaltensstörung fiel auch schon dort auf. Sie war bindungslos und untersuchte alles, ließ es auf den Boden fallen und hörte dann. Sie schaukelte stark. Insgesamt dachten wir da noch es ist ein schwer traumatisiertes Kind. Bei Minus 20 Grad konnten wir die Wohnung eh nicht verlassen.

Kurz vor Sylvester konnten wir dann nach Hause fliegen. Dort zeigte sich dann erst mal das ganze Ausmaß der Verhaltensstörung. Sie fing an zu jaulen und schreien und kratzte alles. Das ging so den ganzen Tag. In der Zeit konnte ich das Haus kaum verlassen, da Galina im Kinderwaren weitermachte. Eine Ablenkung war unmöglich. Kein Trick funktionierte. Nach nunmehr 3 Monaten jaulen und kratzen, (die Finger waren in Dauerbewegung), waren meine Nerven so zerschlissen, dass ich mich an die Beratungsstellen wandte. Nun ging ein für mich sehr steiniger Weg los, die Suche nach der Ursache, der Diagnose. Innerlich war mir inzwischen klar, dass Galina geschädigt ist. Insgesamt verschlissen wir 3 Kliniken und mehrere Ärzte. Die erste Klinik erklärte mir dann, sie sei intelligenzgemindert, die Mutter war wohl schon dumm. Außerdem läge eine schwere Deprivation vor.

Eine Hilfe zwecks Frühförderung gab es nicht, bzw. mit einer endlosen Wartezeit, wo mir der nette Herr der Frühförderstelle des Main-Taunuskreises erklärte, ich kann und will ihnen nicht helfen. In der Verzweiflung ging ich dann zur nächsten Beratungsstelle, wo mir dann gesagt wurde "Sie wollen wohl mit Röntgenaugen in das Kind schauen und alles genau wissen". Die Frankfurter Situation hat sich dann so zugespitzt, dass wir unser Haus verkauften und wieder nach Baden Württemberg zogen. In der nächsten Uniklinik wurde dann eine Beziehungsstörung diagnostiziert und die russischen Diagnosen nur abgeschrieben. Die Ärztin verzog dabei ständig das Gesicht und ich war nur noch fertig. Die ausgeprägten autistischen Züge wurden zwar bemerkt aber nicht erwähnt. Hier hilft nur noch die Krisenintervention. Das Drehen und Tippen muss man eben akzeptieren und außerdem liegt eine Microcephalie vor und sie hat einfach auch nicht die Hirnmasse, diesen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Wahrscheinlich kommt noch ein Syndrom dazu, welches weiß man nicht! Galina war inzwischen 3 und auf einer geistigen Stufe von einem 1,5 Jährigen Kind. Sprechen konnte sie immer noch nicht und Wenn, waren es Geräusche. Sie brauchte starke Reize um sich zu spüren, was sich dann eben in Geräuschkulisse wie kratzen oder auch Tiergeräuschen zeigte. Von einer Freundin auf das FAS Forum aufmerksam gemacht, bin ich da eingetreten und hatte dann durch die entsprechenden Infos in kurzer Zeit die Diagnose, die in Münster gestellt wurde. Dort wusste man auch was ich meinte.

Galina hat FAE (Fetale Alkoholeffekte). Ich habe es die ganze Zeit geahnt, doch kein Arzt kannte sich genug aus, um diese Diagnose zu erkennen. Der Alltag mit Galina ist sehr schwer. Sie kann sich nicht alleine beschäftigen und ist stereotyp mit autistischen Zügen. Die autistischen Züge haben sich dank klassischer Homöopathie wesentlich gebessert. Ist sie da, ist keine Sekunde Ruhe. Soziale Kontakte sind auch schwer, da sie distanzlos ist. Durch 4 Mal die Woche Therapie konnte nun zwar vieles verbessert werden, aber die Sprache kann sie einfach nicht richtig verknüpfen. Eine Bindung baut sie am besten auf, wenn einer pausenlos Programm bietet. Wenn man nicht weiß wie alt sie ist, wirkt sie dann fast wie ein normales Kind.

Inzwischen habe ich mehrmals versucht in Russland eine Aktenanforderung durchzusetzen. Mit jedem der drei Anforderungen kamen neue Diagnosen, die ich vorher nie hörte: Es gab wohl eine Placentainsuffizienz, eine venerologische Registrierung der Mutter, und einige andere Diagnosen, die, wenn ich sie gehört hätte, mich die ganze Adoption überdenken ließen. Ansonsten ist unsere Akte wohl einfach "verschwunden". Dank der Beratung unserer Lebenshilfe haben wir inzwischen Pflegestufe und einen Schwerbehindertenausweis von 80 % BGH. Wir suchen nun einen Heimaufenthalt, da wir uns erst wieder körperlich und seelisch regenerieren müssen. Wie unsere Zukunft wird, wissen wir heute noch nicht.

Mit diesem Bericht richte ich ein Appell an die zuständigen Stellen, Russland die Auflage zu erteilen, Hintergründe und Diagnosen genau aufzuschlüsseln damit unser Fall nicht der traurige Standard in der deutschen Adoptionsgeschichte wird!

Der Bericht ist der Rubrik FAS Adoption der Internetseite www.fasworld.de entnommen. Dort finden Sie noch einige Erfahrungsberichte ähnlicher Fälle.

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