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07.12.2022
Erfahrungsbericht

Nach der Inobhutnahme kommt das Kind zu uns in Bereitschaftspflege.

Eine langjährige Bereitschaftspflegemutter beschreibt ihre Erfahrungen von der Aufnahme der Kinder bis zu dem Zeitpunkt der Trennung.
Wenn das Kind kommt

Wenn ein Kind zu uns gebracht wird, ist es meistens verstört und geschockt. Das heißt in der Praxis: das eine Kind versteckt sich unterm Tisch, das andere geht aggressiv auf uns los, das nächstes Kind sitzt apathisch in der Ecke oder verschläft seinen Schock. Einige Kinder sind so distanzlos, dass sie zur Tür reinkommen, sofort alles untersuchen und einfach da sind.

In der ersten Woche nach einer Neuaufnahme wird unser Familienleben erst einmal ordentlich durcheinander gewirbelt. Je nach Alter des Kindes entwickelt sich immer wieder ein anderer Tagesablauf. Ein Schul- oder Kindergartenkind hat natürlich ganz andere Bedürfnisse und es ergeben sich andere Zeitabläufe als bei einem Säugling oder Kleinkind.
Je nachdem, wie traumatisiert oder vernachlässigt ein Kind ist, stellt es hohe Anforderungen an unser Einfühlungsvermögen und Verständnis. Meist haben diese Kinder keine Tagestruktur, sie kennen keine Grenzen und Regeln. Viele Kinder kennen keine regelmäßigen Mahlzeiten am Tisch. Es ist für sie auch nicht selbstverständlich in einem Bett in ruhiger Umgebung zu einer bestimmten Zeit schlafen zu gehen. Gleichzeitig stecken sie voller Angst und Misstrauen.

Medizinische und therapeutische Abklärung

Nach Aufnahme eines Kindes ist ein Kinderarztbesuch Pflicht, da wir dokumentieren müssen, in welchem gesundheitlichen Zustand sich das Kind befindet. Stellen sich hier erste Defizite heraus, wird in den ersten Wochen abgeklärt, welchen Therapie- oder Förderbedarf das Kind hat. Bei einem Kind hieß das für uns, dass wir fünfzehn Termine in zwei Monaten absolviert haben: 9 Termine beim SPZ zur Diagnose, darauf weitere Termine bei den entsprechenden Fachärzten wie Augenarzt, HNO, Orthopäde. Stellt sich bei den Untersuchungen heraus, dass das Kind fachliche Unterstützung benötigt, beginnen wir schon mal mit den entsprechenden Maßnahmen wie Ergotherapie, Logopädie usw.

Entwicklung des Kindes

Für viele Kinder reicht alleine der Aufenthalt in einer sicheren Umgebung mit Anregungen, Spielen und Zuwendung aus, um in ihrer Entwicklung zu explodieren. Manche Kinder kennen keinen Wald, keine Wiese und keinen Spielplatz. Demgegenüber erkennen sie häufig nur aufgrund der Logos die einzelnen Geschäfte im Einkaufszentrum. Es verwundert uns immer wieder, dass ein Kind nachweislich aus einer total verdreckten Umgebung kommt, aber Angst hat, sich beim Spielen schmutzig zu machen.

Die einen Kinder verweigern das Essen, andere können gar nicht mehr aufhören und haben jeden Abend die größte Sorge, ob am nächsten Tag noch was im Kühlschrank ist.
In den ersten Nächten sind wir bei einem neu aufgenommenen Kind immer gut beschäftigt. Die fremde Umgebung, die fremden Leute und die vorhandenen Ängste lassen diese Kinder nicht zur Ruhe kommen. Zur Zeit betreuen wir ein Kind, das oft eingesperrt war. Es hat diverse Überwachungszwänge entwickelt und geht nachts auf Wanderschaft, um das Haus zu untersuchen. Jetzt ist die Tür zu seinem Zimmer zwar immer auf, aber wir müssen alle gefährlichen und wichtigen Dinge wegschließen.

Haben die Kinder sich etwas eingelebt, muss bei älteren Kindern evtl. ein Kindergartenplatz gesucht werden. Wir haben schon Kinder im Alter von 5 Jahren aufgenommen, die noch nie im Kindergarten waren. Dementsprechend haben diese Kinder absolut keine Sozialkompetenz.

Herkunftsfamilie

In den meisten Fällen finden während der Bereitschaftspflege Umgangskontakte mit den Herkunftseltern statt  - meistens einmal wöchentlich. Bei den meisten Kindern bedeutet das, dass wir hinterher mit den Ängsten, der Unsicherheit und der Trauer des Kindes umgehen müssen.
Andere Eltern kümmern sich überhaupt nicht mehr. In diesem Fall müssen wir dem Kind verständlich machen, warum das so ist, ohne die Eltern in ein schlechtes Licht zu setzen. Ein Junge von vier Jahren erklärte seine Eltern nach ein paar Wochen für tot, da er mit dieser Begründung leichter leben konnte als mit dem Wissen, dass seine Eltern sich nicht für ihn interessieren.

Das Kind muss wieder gehen

Je nach Alter wissen oder spüren die Kinder, dass sie nicht für immer bei uns bleiben werden. Wenn sich die Kinder gut bei uns eingelebt haben, ist es für sie schwer zu verstehen, warum sie im Falle einer Dauerunterbringung noch mal die Familie wechseln müssen. Eigentlich fühlen sie sich ja wohl und wollen bleiben. Es entsteht selbstverständlich auch mit der Zeit eine Bindung zu uns, vielleicht die erste sichere Bindung, die diese Kinder erleben. Trotzdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass dann bei einer Anbahnung und einem Wechsel das Kind (auch ein Säugling), ganz genau spürt, dass es nun an einem Platz angekommen ist, wo es hoffentlich bis zur Verselbständigung bleiben kann. Bei älteren Kindern bieten wir immer an, dass es zu unserer Familie noch Kontakte haben kann. Wir richten uns da ganz nach dem Wunsch des Kindes. Ist ein Kind in unserer Stadt in Dauerpflege untergebracht worden, werden wir es immer wieder auf diversen gemeinsamen Veranstaltungen des Jugendamtes treffen. Es ist schön die Entwicklung dieser Kinder aus einer gewissen Distanz weiter mit zu erleben.

Schwierig wird es für uns, wenn ein Kind zurückgeführt werden muss und wir erkennen konnten, dass sich an der Ausgangssituation vor der Inobhutnahme bis jetzt nicht wirklich etwas geändert hat. Dann fällt es uns schwer, Abschied zu nehmen und wir trösten uns damit, dass dieses Kind zumindest eine zeitlang Verlässlichkeit und Bindung erleben konnte. Vielleicht hilft es ihm auf seinem weiteren Lebensweg.

Die Verweildauer in einer Bereitschaftspflege variiert sehr. Das Jugendamt ist bemüht einen Zeitraum von sechs Monaten nicht zu überschreiten, doch wenn wir auf einen Gerichtstermin oder ein Gutachten warten müssen, dauert es auch schon mal wesentlich länger. Hier haben uns die Erkenntnisse der Fachleute geholfen, den Zeitdruck aus dem Pflegeverhältnis zu nehmen. Früher hatten wir immer ein ungutes Gefühl wenn eine Pflege zu lange dauerte, da wir möglichst keine Bindung zulassen sollten. Gerade bei einem Säugling oder Kleinkind, das noch viel körperliche Zuwendung braucht, ist das jedoch unmöglich. Aber auch ältere Kinder entwickeln sich besser, wenn sie sich angenommen und geliebt fühlen.
Den Wohnortwechsel führt meistens die zuständige Fachkraft des Pflegekinderdienstes durch. Vorausgegangen sind bei einer Unterbringung in Dauerpflege einige Wochen der Anbahnung mit gegenseitigen Besuchen. Bei einer Rückführung zu den Eltern wird die Übersiedlung nicht so lange dauern, da dann ja über den gesamten Zeitraum der Pflege Umgangskontakte mit den Herkunftseltern bestanden haben.

Wenn ein Umzugstermin feststeht, beginnt die Zeit der Verabschiedung. Wir suchen alle Dinge zusammen, die dem Kind wichtig sind und packen sie gemeinsam ein. Wir fertigen ein Fotoalbum über die gesamte Zeit bei uns an, damit das Kind diesen Lebensabschnitt bei uns in Erinnerung behalten kann. Auch feiern wir mit allen Menschen, die diesem Kind wichtig geworden sind, ein Abschiedsfest. Und wir zeigen dem Kind auch durchaus unsere Trauer, dass es uns verlässt. Wir vermitteln ihm aber auch, dass wir uns freuen, wenn es ihm in Zukunft gut geht.
In den nächsten Tagen fällt es uns schwer zum Alltag zurückzufinden. Denn jedes Kind hinterlässt eine Spur…….

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