Sie sind hier

04.12.2008
Erfahrungsbericht

Leben mit traumatisierten Kindern - 4. Beispiel

Das Kind hat das sexuelle Leben der Eltern voll mitbekommen und zugeguckt. Es hat viel Gewalt und reichliche Übergriffe gegeben. Für das Kind gehören sexuelle Handlungen nicht ausschließlich zur Liebe zwischen Erwachsenen sondern auch zur Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern.

Ein erfahrenes Pflegeelternpaar überlegte sich, erneut ein Pflegekind aufzunehmen. In der Vorstellung der Pflegeeltern konnte das Kind durchaus älter sein. Es war den Pflegeeltern klar, dass das Kind eine schwierige Vorgeschichte haben würde. Als einzigen Punkt in dieser Hinsicht glaubten sie, sich nicht den Umgang mit sexuellem Mißbrauch zutrauen zu können. In den Gesprächen beim Jugendamt machten sie dies deutlich.

So kam ein 7jähriges Mädchen zu ihnen, aus einer Familie, die schon seit 8 Jahren vom Jugendamt betreut wurde. Vorher war das Kind einige Monate in einer Bereitschaftspflege gewesen. Nach einiger Zeit wurde deutlich, dass das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie bleiben würde. Als dies auch dem Mädchen klar wurde und es sich dessen sicher war, begann es, die Pflegemutter ins Vertrauen zu ziehen und über ihre Erfahrungen zu sprechen. Diese Erfahrungen waren Erfahrungen sexualisierter Gewalt.

"Wir wollten ja auf keinen Fall ein Kind mit solcher Vorgeschichte“ erklärte die Pflegemutter „aber wo es sich mir doch jetzt anvertraut hatte, können wir doch nicht sagen, nun musst du gehen."

Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass das Kind aus einer Herkunftsfamilie mit sexuell sehr weiten Grenzen kam. Das Kind hat das sexuelle Leben der Eltern voll mitbekommen und zugeguckt. Es hat viel Gewalt und reichliche Übergriffe gegeben. Für das Kind gehören sexuelle Handlungen nicht ausschließlich zur Liebe zwischen Erwachsenen sondern auch zur Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern.

So bietet sich Caren der Pflegemutter an: "Trockne mir die Scheide ab", sagt sie auffordernd zur Pflegemutter. "Nein das mache ich nicht, weil du das ja eigentlich gar nicht willst und es dir außerdem weh tut" antwortet die Pflegemutter. Und Caren antwortet: "Ja das stimmt".

Sie robbt an der Pflegemutter rauf und runter und beklagt sich dann: "Du machst ja gar nichts". Als die Pflegemutter fragt "Willst du das denn" antwortet sie "eigentlich nicht" und trotzdem geht sie unzufrieden ins Bett, weil sie das Gefühl hat, dass die Pflegemutter nicht RICHTIG mit ihr geknudelt hat.

Wenn Freunde zu Besuch kommen fragt sie deren Kinder: "Küsst dich dein Vater auch mit Zunge?" Obwohl das, was der Vater machte einerseits in ihren Augen Zeichen von Liebe sind, sagt sie andererseits: "Väter sind schlecht."

Schöne Momente in der Pflegefamilie beendet sie rabiat, weil sie Angst hat, der Pflegevater könnte ihr näher kommen. Sie könnte beginnen, ihn vielleicht zu mögen.

Es gibt zwei Punkte, die für die Pflegemutter im Umgang mit Caren von besonderer Bedeutung sind:

1. Die schwierige Beziehung und das verletzende Verhalten des Kindes ihrem Mann - dem Pflegevater - gegenüber und der Versuch des Kindes, die Pflegeeltern zu spalten.

Caren überträgt ihre Erfahrungen mit dem leiblichen Vater auf den Pflegevater. Sie hat einerseits Angst, er würde mit ihr etwas tun, was sie nicht will, andererseits fühlt sie sich vom Pflegevater nicht angenommen WEIL er nicht das mit ihr macht, was der Vater gemacht hat. Sie lehnt den Pflegevater ab, weil er ihr nicht die ihr vertrauten Zeichen der Liebe gibt, hat aber Angst, dass er dies tun könnte.

Sie sagt: Vater küsst immer so eklig und Väter dürfen immer alles und deswegen will ich keinen Vater mehr.

Bei einem gemeinsamen Verwandtenbesuch, bei der die Pflegemutter noch eine Weile etwas zu erledigen hatte, der Pflegevater und Caren aber schon einmal nach Hause gehen sollten weil es schon spät war, sagt sie: "Wenn ich schon mit ihm nach Hause gehen soll, dann soll er mich auch gebrauchen." "Ja wie gebrauchen" fragte die Pflegemutter nach. "Kann ich nicht so richtig ausdrücken, gebrauchen, eben wie so ein richtig liebes Kind." "Papa darf das nicht, das macht man nicht mit Kindern". "Aber klar doch darf er, Väter machen das doch" ist Carens Antwort.

Während der Pflegevater mit diesem widersprüchlichen und verletzenden Verhalten verhältnismäßig locker umgehen kann, ist die Pflegemutter dadurch sehr berührt.

"Man muss als Frau vertragen können, das der Mann vom Pflegekind so behandelt wird".

2. Die Pflegemutter fühlt sich durch das grenzüberschreitende Verhalten des Pflegekindes durchaus sexuell belästigt. Sie fühlt sich durch das Pflegekind bedrängt. Die Handlungen des Kindes empfindet sie als sexuelle Übergriffe. "Das ist kein Schmusen, sondern ein zielgerichtetes Handeln und Anfassen" sagt sie.

Dieses Verhalten des Kindes steigerte sich noch, als es nach einem Wochenendbesuch bei einer lesbischen Tante und deren Partnerin zurückgekommen ist. "Es gibt kein normales Familienleben mehr", sagt die Pflegemutter "kein ruhiges, harmonisches Familienleben mehr".

Die Pflegemutter hat das Jugendamt über die Erfahrungen des Kindes informiert. Sie hat lange darüber nachgedacht, ob dies nicht ein Vertrauensbruch dem Kind gegenüber ist. Sie hat sich jedoch zu dem Schritt entschlossen, weil sie erstens wissen wollte, ob im Amt wirklich keine Ahnung davon war und zweitens um gegenüber weiteren Entwicklungen bis hin zu evtl. zukünftigen Anschuldigungen von Caren vorzubeugen.

Im Jugendamt hieß es: "Ja vor zwei Jahren war da wohl schon mal was, aber das konnten wir ja nicht beweisen". Außerdem möchte das Jugendamt nicht, dass die Pflegeeltern mit Caren die Situation besprechen.

Der sexuelle Missbrauch ist nicht Carens einzige Erfahrung. Dieser Missbrauch bündelt sich mit anderen Erfahrungen wie verlassen werden, Gewalterfahrung, dass Vater Mutter prügelt und sexuelle Übergriffe des Vaters gegenüber Mutter und Schwestern.

"Wir wissen gar nicht was gewesen ist. Hat er die älteren Schwestern benutzt, wie weit hat er sich an IHR vergangen, was ist ihr selber geschehen, was hat sie zugucken müssen, was ist in den aggressiven Ausbrüchen gegenüber der Mutter passiert?" rätseln die Pflegeeltern.

Carens Gewalterfahrung spüren die Pflegeeltern besonders dann, wenn die Pflegeeltern kuscheln oder sich küssen. Dann will das Kind die Pflegemutter vor dem Pflegevater beschützen.

Von besonders hilfreicher Bedeutung in dieser Familie ist die absolute Klarheit und Deutlichkeit der Pflegemutter im Umgang mit Caren. Es ist ihr wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass sie und der Pflegevater zusammengehören und ein Paar sind.

Wenn Caren sagt: "Ich habe Angst vor dem Pflegevater" dann sagt die Pflegemutter nicht "dann komme zu mir" sondern sie sagt "du brauchst vor ihm keine Angst zu haben, er tut dir nichts".

Wenn Caren fragt "wen hast du lieb" dann antwortet Pflegemutter "den Ralf, den habe ich am liebsten".

"Es muss völlig klar sein," sagt die Pflegemutter "dass wir nicht auseinander zu dividieren sind, sonst würde sich die Tür für Beschuldigungen des Kindes gegenüber dem Pflegevater weit öffnen."

Die Pflegeeltern haben große Angst, dass Caren einmal erzählen könnte, der Pflegevater habe sich an ihr vergriffen – und wenn sie es nur sagt, um nicht zugeben zu müssen, dass er sie "nicht mag" in dem verqueren Sinne, wie sie seine Gefühle ihr gegenüber einschätzt, weil er ja nicht "Zeichen" der Liebe setzt, so wie sie es (noch) versteht.

Es ist daher für die Pflegeeltern äußerst wichtig, dass sowohl diese früheren traumatischen Erfahrungen des Kindes, die jetzt durch ihr Verhalten in der Pflegefamilie deutlich geworden sind, als auch das Verhalten selbst im Hilfeplan festgehalten werden, denn die Gefahr der Beschuldigung ist extrem hoch.

Wenige Monate nach dem die Pflegemutter dies alles erzählt hat, ist genau das Befürchtete eingetreten. Caren hat den Pflegevater des sexuellen Missbrauchs bezichtigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Geänderte Rechtslage

Rechtliche Verbesserungen für Opfer sexualisierter Gewalt

Für Taten sexualisierter Gewalt gibt es spätere strafrechtliche Verjährung.
Interview

von:

Spiegel-Interview: Zu viele Familienrichter sind ahnungslos

Der Spiegel veröffentlichte am 14. Juni ein Interview mit Prof. Ludwig Salgo zum Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs. Prof. Salgo ist nicht der Überzeugung, dass verschärftes Strafrecht die Kinder besser schützen würde, er sieht einen Mangel an politischen Entscheidungen und z.B. auch daran, dass Jugendämter zu wenig Beschwerden nach Urteilen der Familiengerichte einlegen.
Hinweis

Wissen hilft schützen

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs hat auf der Internetseite "Wissen-hilft-schützen.de" begonnen, umfassende Informationen zusammen zu tragen. Auf diesem Webportal haben Sie Zugang zu Materialien und Angeboten, die Sie in Ihrer Arbeit als Lehrerin, Erzieher, Betreuerin oder Sozialarbeiter zum Thema „Schutz vor sexualisierter Gewalt mittels digitaler Medien“ nutzen können.
Hinweis

Medien warnen vor Kita-Spiel „Original Play“

Im ARD-Politikmagazin „Kontraste“, im rbb und der ORF-Sendung ZIB 2 wurde am 24. Oktober 2019 und einen Tag später im Tagesspiegel vor dem Kita-Spiel "Original Play" deutlich gewarnt. Jetzt warnt die Berliner Bildungsverwaltung: „Original Play“ werde insbesondere bei „jüngeren Kindern als kritisch gesehen“, da es „zu Grenzüberschreitungen kommen könnte“. Eltern in Berlin und Hamburg zeigten Missbrauchsfälle und sogar Vergewaltigungen an.
Politik

„Schieb den Gedanken nicht weg!“

Kampagne für ein Umdenken bei sexueller Gewalt gegen Kinder gestartet

Sexuelle Gewalt kann es überall und jederzeit geben – auch im persönlichen Umfeld. Anlässlich des 8. Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexueller Gewalt haben Bundesfamilienministerin Lisa Paus und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, heute in Berlin die gemeinsame Aufklärungs- und Aktivierungskampagne „Schieb den Gedanken nicht weg!“ vorgestellt. Die Botschaft: Kinder und Jugendliche sind vor allem im eigenen Umfeld der Gefahr sexueller Gewalt ausgesetzt.
Nachricht

Die Familie ist der Hauptort sexualisierter Gewalt an Kindern

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat vor fünf Jahren ihre Arbeit begonnen. Mehr als 1.000 Betroffene aus dem Tatkontext Familie haben sich bisher bei ihr gemeldet. Die Kommission fordert, dass diesem größten Bereich von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit zukommt.
Projekt

Start der Kampagne „Kein Raum für Missbrauch"

Mit der Kampagne „Kein Raum für Missbrauch“ werden Eltern und Fachkräfte in Kitas, Schulen, Sportvereinen, Kirchengemeinden oder Kliniken aufgefordert, den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt zu verbessern
Politik

„Jetzt handeln!“

Missbrauchsbeauftragter Rörig stellt „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ für die 19. Legislaturperiode vor.
Tiefergehende Information

Leistungen aus dem Fond sexueller Missbrauch im familiären Bereich

Leistungen aus dem Fond sexueller Missbrauch im familiären Bereich können natürlich auch für Pflegekinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, gewährt werden.
Nachricht

Neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Die Journalistin Kerstin Claus wurde heute zur Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) berufen. Mit Kerstin Claus wird das Amt ab dem 1. April für die nächsten fünf Jahre neu besetzt. Die Unabhängige Beauftragte ist im Auftrag der Bundesregierung verantwortlich für die Anliegen von Betroffenen und eine Stelle für alle, die sexualisierter Gewalt und Ausbeutung an Kindern und Jugendlichen entschieden entgegentreten.