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03.04.2021
Erfahrungsbericht

Lukas, 14 Monate, knapp 6.000 g

Bericht einer Bereitschaftspflegemutter über die zweimalige Aufnahme eines tief emotional verletzten und auch körperlich massiv geschädigten Kindes.

Angst bestimmte Lukas. Er war zu schwach, um ohne Abstützung sitzen zu bleiben und kaum fähig, sich von der Bauchlage in die Rückenlage oder umgekehrt zu drehen. Dieser kleine Kerl hatte panische Angst vor den Händen Erwachsener.

Seine geistig sehr begrenzten Eltern lebten im Chaos, wollten nicht, dass er etwas in den Mund steckte, was ihm hätte schaden oder ihn verletzen können und schlugen ihn deshalb immer fest auf seine kleinen Hände, wenn sie sahen, dass er etwas in den Mund stecken wollte. Auch erzählte mir sein Vater, er habe einmal mit Lukas auf dem Bett gespielt, musste dann mal raus und habe dem Kleinen befohlen, still liegen zu bleiben. Bei seiner Rückkehr lag Lukas am Boden, er hatte sich gedreht und war heruntergefallen – Lukas war damals etwa sechs bis sieben Monate alt und hatte sich laut Untersuchungsheft und Wiegekarte bis dahin ‚altersgemäß’ entwickelt. „Da musste ich ihm doch den Hintern verhauen, dass er lernt, zu tun was man ihm sagt, damit ihm nichts passiert!“ waren die Worte des Vaters. Dass hier Kindesmisshandlung aus Liebe geschah, war bei den Erzählungen der Eltern deutlich spürbar - was sie dem Jungen zufügten, war für sie unverständlich.

Der Junge entwickelte dadurch so panische Ängste gegenüber Händen Erwachsener, dass er nichts mehr an sich heranlassen wollte, was diese berührt hatten. Das hieß, dass er sich auch nicht mehr füttern ließ und das Essen verweigerte, das Erwachsenenhände ihm reichten. Er war mit lebensbedrohlicher Unterernährung ins Krankenhaus gekommen und dort schon wieder aufgepäppelt worden, als ich ihn kennen lernte. „Was haben Sie zuhause für einen Fußboden?“ fragte mich der Arzt, der mich an Lukas Krankenbett führte. Ich muss ihn so verblüfft angesehen haben, dass er ergänzte „davon hängt ab, ob sie ihn zu sich nehmen können“. „Fliesen“ war meine Antwort, „dann geht es!“ die des Arztes. Nahrung konnte man Lukas zu dem Zeitpunkt nur mit Zwang zuführen. Und von dem wenigen, was man in ihn hineinbekam, spuckte er das meiste wieder aus, gleich, oder auch noch Stunden später. Wenn ich z.B. im Keller die Waschmaschine mit unserer bespuckten Kleidung füllen musste - und damit konnte ich nicht immer warten bis er schlief - , wusste ich, dass ich ihn bei meiner Rückkehr in den Wohnbereich umziehen musste.

Lukas hatte so wenig Vertrauen in die Welt um ihn herum, dass er wohl nicht leben wollte. Er war ein todtrauriges Kind, das zu niemandem Blickkontakt aufnahm oder zuließ, das mit leeren Augen durch sein Gegenüber hindurchschaute und sich auch kaum für seine Umgebung interessierte. Wollte man ihn im Gesicht streicheln, wandte er sich ab, wollte man seine Händchen berühren, riss er sie ängstlich hoch hinter seinen Kopf. Nach meiner ersten Begegnung mit Lukas konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.

Nach vier Tagen holten wir ihn zu uns. Seine tägliche Versorgung war für uns beide eine Qual. Wenn ich ihn beim Wickeln und Anziehen mit meinen Händen berührte, fühlte ich seine Angst. Tagsüber lag er im Laufstall in meiner Nähe, konnte sich umsehen, Spielzeug anfassen, das ich vorher hingelegt hatte, oder auch schlafen. Als ich ihn abends ins Kinderbett legte, schlief er sofort ermüdet ein, schrie aber einige Zeit später und ließ sich nicht beruhigen. Sein Körper war so schlaff wie eine halbleergelaufene mit Sägemehl gefüllte Stoffpuppe. Da ich ja wusste, dass ich mit meinen Händen nichts erreichen konnte, hab ich versucht, ihn mit meiner Stimme zu beruhigen. Er reagierte überhaupt nicht auf mich. Es dauerte sehr sehr lange, bis er vor Erschöpfung mit Schreien nachließ und wieder einschlief. Als sich diese Situation in der nächsten Nacht wiederholte, wollte ich diesen Zustand auf jeden Fall schneller beenden. In meiner Hilflosigkeit habe ich ihn unter kaltes Wasser gehalten. Da strafften sich seine Muskeln wieder, aus dem Schreien wurde Weinen und meine Stimme erreichte ihn. Ich hab ihn seitdem nicht wieder ins Bett gelegt.

Von da an schlief er dort, wo er gerade war, im Laufstall, im Kinderwagen oder auf meinem Bauch. Ich habe ihn ganz viel im Tragetuch an mir getragen, ohne dass meine Hände ihn berührten. Ich hoffte, dass er über diesen Körperkontakt etwas Vertrauen zu mir fasste und sich dann vielleicht auch ohne Zwang füttern ließ. Ich wollte ihn aus seiner ‚Selbstmordhaltung’ heraus und zurück ins Leben holen. Das erreichte ich aber erst sehr viel später. Zunächst hatte mir der Kinderarzt eine kalorienreiche Sondernahrung verschrieben, sodass ich sowohl die Nahrungsmenge als auch die Häufigkeit der Nahrungsgabe verringern konnte, was für Lukas und mich schon eine große Erleichterung war. Und da kleine Kinderhände ihm keine Angst machten, er ihnen sogar Spielzeug wegnahm, habe ich auch jede Gelegenheit genutzt, ihm von einem Kind einen Keks geben zu lassen. Als er allmählich etwas kräftiger wurde, zu krabbeln begann und sich für seine Umgebung interessierte, hat er mehr Zeit außerhalb des Laufstalls verbracht. Dafür war es gar nicht so gut, dass wir im Wohnbereich Fliesen hatten, denn seine Autoaggression beschränkte sich nicht nur auf Nahrungsverweigerung.

Wenn er sich nicht wohl fühlte, schlug er mit dem Kopf recht heftig auf den Boden und, als er sie krabbelnd erreichen konnte, auch gegen Wände. In Absprache mit dem Kinderarzt und der Krankengymnastin, die sehr einfühlsam mit Lukas umgingen, erweiterten wir das ‚Bewegungsangebot’ noch um Frühförderung und Ergotherapie. In beiden Fällen gestalteten sich die ersten Termine wenig effektiv, da beide Therapeuten mir nicht glauben wollten, dass sie mit Lukas nicht mit Dingen arbeiten konnten, die sie selbst vor seinen Augen in die Hand genommen hatten. Erst eigene Beobachtungen konnten sie überzeugen. Die drei Therapietermine und der Arztbesuch bestimmten unseren Wochenrhythmus.

Nach sieben Wochen wurde Lukas in eine Dauerpflegefamilie vermittelt zu kompetenten Eltern – Krankenschwester und Krankenpfleger - und einem kleinen Mädchen, etwa doppelt so alt wie Lukas. Sie waren berührt von Lukas Zustand und wollten ihn nach besten Kräften fördern. Nach neun Wochen fragte die Pflegemutter bei mir an, ob ich Lukas noch einmal aufnehmen würde und auch bereit wäre, an dem Gespräch mit dem Sozialarbeiter teilzunehmen, bei dem die Pflegeeltern ihm sagten, dass sie Lukas nicht behalten wollten. Sie hatten Lukas inzwischen noch untersuchen lassen, ihre Kontakte genutzt, um möglichst viel über seinen Zustand und seine Entwicklungsprognose zu erfahren. Sie hatten erkennen müssen, dass der Junge sie nicht nur als Eltern sondern auch als ‚Pfleger’ brauchte, eine ‚Berufstätigkeit rund um die Uhr und in der Familie’ wollten sie nicht. Und auch die kleine Tochter hatte und machte Schwierigkeiten mit Lukas, sie schlug schon genau so heftig mit dem Kopf gegen die Wand wie er.

So nahmen wir Lukas erneut zu uns. Ich glaube, er hat mich auch wiedererkannt. Er hatte zwar etwas zugenommen, aber seine Probleme, vor allem beim Essen, waren noch immer die gleichen. Ein Bekannter, der Lukas kennen gelernt hatte, gab mir das Buch „Das Kind, das eine Katze sein wollte“ von Carolin Eliachef. Nachdem ich es gelesen hatte, habe ich meinen Umgang mit Lukas verändert. Ich habe sehr viel mehr mit ihm gesprochen, habe ihm alle Handlungen, die ich an ihm vornahm erklärt und ihm seine Gefühle, die ich dabei wahrnahm, mit Worten gespiegelt.

Wenn er auf meinem Bauch lag, habe ich ihm von seinen Eltern erzählt, dass sie das Beste für ihn wollten, weil sie ihn sehr lieb hatten. Dass sie aber ganz viel falsch gemacht hatten, weil sie es nicht besser konnten und ihm dabei sehr weh getan hatten. Dass ich seine Angst und Traurigkeit verstehe und dass er sie auch haben darf, dass ich aber möchte, dass er auch Vertrauen und Freude empfinden kann. Lukas fasste mehr und mehr Vertrauen zu mir und als er kräftiger wurde und sich hinstellen wollte, habe ich ihm immer und immer wieder, begleitet von ermutigendem und verstehendem Zureden, meine Hände angeboten, um sich daran hochzuziehen. Als er es endlich tat, liefen bei mir Tränen.

Lukas wurde drei Monate später in eine Pflegefamilie vermittelt, die die Anerkennung als Sonderpflegestelle hat und schon erfahren war im Umgang mit einem alkoholgeschädigten Kind. Wir haben eine sehr zeitaufwändige intensive Anbahnung gemacht, obwohl die Pflegefamilie nicht in unserer Stadt wohnte. Die Pflegemutter kam täglich und blieb sechs bis acht Stunden bei uns, übernahm die gesamte Versorgung des Jungen. Dann fuhren wir mit ihm für mehrere Stunden täglich in die neue Pflegefamilie, mein Mann am Wochenende und ich während der Woche.

Da das Zugfahren Lukas aber Angst machte – Straßenbahn kannte er von den vielen Theraphieterminen und fuhr angstfrei - und er außerdem mit seiner Spuckerei die anderen Fahrgäste ‚belästigte’, erfolgte seine Übersiedlung dann schneller als geplant.

Nach Lukas Weggang habe ich Wochen gebraucht, bevor ich dort anrufen und mich nach ihm erkundigen konnte. Ich habe den Kontakt später ganz ruhen lassen, um nicht immer wieder an dieses Kinderleid erinnert zu werden.

Durch eine andere Pflegefamilie aus seinem jetzigen Wohnort, erfahre ich von Zeit zu Zeit wie es ihm geht. Er hat sich gut entwickelt, zwar weiterhin mit Ernährungs- und Gesundheitsproblemen, aber als ein fröhlicher und an seiner Umwelt interessierter Junge.

eine Bereitschaftspflegemutter

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