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05.12.2015
Erfahrungsbericht

Mensch ärgere dich nicht

Erfahrungsbericht einer Bereitschaftspflegemutter über verschiedene Kinder, die sie im Rahmen der Familiären Bereitschaftsbetreuung aufgenommen hat

Unsere Pflegekinder kommen aus den unterschiedlichsten Familien und Situationen. Manche warten nur, „bis ihre Mama wieder gesund ist“, andere freuen sich über die neue „Familie“ und genießen die konstante Zuverlässigkeit unseres Lebens. Andere wiederum sind nur wütend und verzweifelt. Wie z. B. die dreijährige Lara, die kurzzeitig vom Jugendamt in Obhut genommen werden musste. Sie versteht die Welt nicht mehr. Nach dem ersten Schock entscheidet sie sich dann anscheinend, ihre Wut an allen Schwächeren im Haus auszulassen. Da ist zunächst unser Baby. Das lässt sich gut anschreien und man kann ihm im unbeobachteten Moment Spielzeug an den Kopf werfen. Oder die Vögel in der Volliere: Denen kann man zwar nichts an den Kopf werden, doch wenn man sie anschreit und mit beiden Fäusten heftig an den Käfig haut, sitzen alle Tiere verschreckt in der letzten Ecke. Doch leider ist Laras Gefühlsausbruch auch damit noch nicht zu Ende. Deshalb wendet sie sich den im Garten lebenden Meerschweinchen zu. Da kommt man wenigstens dran. Der Zaun ist leicht umgestoßen, so dass man mit dem langen Stock die Tiere jagen kann. Zum Glück sind alle Schweinchen schneller, so dass Lara völlig genervt mit dem Stock auf das Holzhäuschen der Tiere einschlägt. Dabei schimpft und tobt sie wie von Sinnen. Als es ein Schweinchen doch noch wagt, in ihre Nähe zu kommen, bespuckt sie es. Ich entscheide mich in diesem Moment, Lara lieber wieder ins Haus zu holen, weil ich nicht weiß, was unsere Nachbarn jetzt wohl denken. Nachmittags bin ich froh, dass Lara mit unserem Marc lieb auf dem Trampolin spielt. Gut, dass sich zwischenzeitlich ihre Wut ein wenig gelegt hat. Aufatmend sehe ich den Beiden von unserer Terrasse aus beim Spielen zu. Da erhebt Lara sich plötzlich, geht zu Marc und haut ihm mit voller Wucht eine Backpfeife. Marc ist so überrascht, dass er sogar das Schreien vergisst. Im nächsten Augenblick stehe ich schon am Trampolin und hole Lara herunter. Diese sieht mich staunend an und fängt lauthals an zu brüllen. Sie schreit, als wäre SIE verprügelt worden. Es kann nicht wahr sein. Obwohl sie erst drei Jahre alt ist, beherrscht sie bereits das ganze Programm. Wie mag sie wohl erst mit 15 sein?

An diese Situation denke ich zurück, wenn ich unseren vierjährigen Niklas betrachte. Er „schluckt“ seine Wut eher herunter. Am liebsten mit Schlickersachen. Aber Brötchen tun es auch. Eigentlich alles, was essbar ist. Niklas ist vor einigen Wochen von seiner Mutter gebeten worden, „ein bisschen Urlaub“ zu machen. Nachdem sechs Monate zuvor ihre Zwillinge geboren wurden, kauften die Eltern ihrem „großen Niklas“ einen Doggenwelpen, damit er auch beschäftigt ist und sich freut. Irgendwie hat das aber nicht so ganz funktioniert. Niklas wurde immer verhaltensauffälliger und die Mutter immer genervter. Nachdem das Kind dann Selbstmordabsichten androhte (zur Erinnerung: Niklas ist vier Jahre alt), entschied sich die Mutter, ihren Jungen für die nächsten Jahre in einer Pflegefamilie groß werden zu lassen. Die geeignete Familie musste aber erst gefunden werden, so dass Niklas zunächst während der Suche bei uns in Notpflege untergebracht wurde. Ihrem Kind erklärte die Mutter, dass er nun ein paar Wochen bei uns „Urlaub machen werde“. Doch Niklas selbst möchte nicht bei uns Urlaub machen, sondern lieber bei Mama sein und „würde Mama dann auch nicht mehr ärgern“. Doch Mamas Entscheidung steht fest. Das wiederum ärgert Niklas. Also ärgert er uns. Doch das macht nichts. Wir fahren mit ihm trotzdem in „echten Urlaub“ zu meinem Bruder und seiner Frau. Auf der langen Reise dahin halten wir den immer hungrigen Niklas mit kleinen und großen Leckereien bei Laune. Wir erzählen ihm von den vor uns liegenden Tagen und versuchen damit, die Fahrzeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Während einer Essenspause fragt Niklas unvermittelt: „Hat die da auch Käse?“ Ja. Ich kann ihn beruhigen, die Tante hat auch Käse. Kurz vor unserer Ankunft erkläre ich ihm, dass wir jetzt im Schwarzwald seien. Das kann man ja auch an den vielen schwarzen Bäumen sehen und sich gut merken. Verträumt sieht Niklas zunächst in die Dunkelheit, danach sieht er mich an und sagt: „Schwarz. – wie Nutella.“

Unser Urlaub gestaltet sich recht entspannt. Nicht zuletzt sicher auch dadurch, dass meine Schwägerin eine exzellente Gastgeberin und Köchin ist. Niklas kann immer gar nicht so schnell essen, wie es lecker ist.

Auf der langen Rückreise ist es dann leider nicht mehr so einfach, die Kinder bei guter Laune zu halten. Die Hefte sind schnell durchgesehen, das Spielzeug fällt immer herunter und das Aufheben gelingt in unserem „Bulli“ meist nicht, weil der Weg auf den Boden so weit und die Arme zu kurz sind. Die Jungs können sich in gar nichts einigen. Sie streiten und ärgern. Niklas erzählt mir die ganze Zeit irgendwelche Sachen, die er einmal mit seinem Papa erlebt hat. Dabei wage ich nicht zu fragen, welcher seiner vier Väter, die er bisher gehabt hat, gemeint ist. Unser Baby ist leicht hyperaktiv und fetzt alle Angebote zur Beschäftigung in hohem Bogen auf den Nebensitz. Dabei treffen mich feurige Blicke aus ihren niedlichen kleinen Augen. Marc meint, dass er heute alles besser kann und bessere Dinge hat als Niklas. So schaukeln die beiden sich genussvoll von Kilometer zu Kilometer.

Um die Situation ein bisschen zu entspannen, machen wir an einer der großen Autobahnraststätten eine Pause. Dort können die Kinder sich in der Spielecke des Restaurants einmal richtig austoben. Das tun sie auch gerne – verbunden mit lautem Gekreische und Gelächter. Ich bin froh, dass nicht so viele Leute im Restaurant sitzen. Irgendwie werden die Kinder immer lauter. Mein Mann und ich halten uns derweil zurück, damit niemand merkt, dass diese Kinder zu uns gehören.

Wir sitzen bei einer Tasse Kaffee am anderen Ende des Restaurants und überlegen, wie wir den Rest der Reise einigermaßen lebend überstehen. Wir könnten uns ja mit unserem Baby einfach herausschleichen. Die Jungs würden das in ihrem Zustand gar nicht merken. Fairerweise könnte ich noch schnell einen Zettel mit den Namen der Kinder und unserer Adresse schreiben und diesen unauffällig im Eingangsbereich des Restaurants verlieren. Dann hätten mein Mann und ich eine ruhige Rückfahrt. Und die Kinder würden sicher von der Polizei (oder anderen netten hilfsbereiten Eltern) nachgeliefert werden. Ich sehe schon die Schlagzeile in einer großen Zeitschrift: „Pflegekinder am Rastplatz vergessen!“ – oder „Verantwortungslose Pflegeeltern lassen Kinder zurück!“ Die Presse würde uns in der Luft zerreißen und die Liste der Vorurteile gegen Pflegeeltern würde erweitert. Doch vielleicht hätten vereinzelte Eltern mit einem Lächeln um den Mund herum auch Verständnis für uns. So, wie ich z. B. nachvollziehen kann, dass die Erzieherin den Kindern, die sich von einem Mädchen immer bespucken lassen mussten und die gegen jede Erziehungsmaßnahme resistent schien, den Rat gab: „Dann spuckt ihr zurück.“ Auch diese Erzieherin wurde beschimpft und sollte durch diese Aktion ihre Arbeit verlieren. Deshalb sage ich meine Meinung dazu lieber nicht, denn sonst steht morgen ein Gutachter im Auftrag des Jugendamtes vor meiner Tür und möchte ein Gutachten auf Erziehungsfähigkeit von uns erstellen.

Also trinke ich lieber meinen letzten Schluck Kaffee, nehme das Baby auf den Arm und hole unsere Jungs. Gemeinsam gehen wir wie eine glückliche große Familie zum Auto und hoffen auf eine etwas angenehmere zweite Hälfte der Heimreise.

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