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31.07.2013
Erfahrungsbericht

Sommerzeit – Zeugniszeit – Kampfzeit für Pflegeeltern? Doch am Ende war alles anders.

Bericht einer Pflegemutter über die Schulerfahrungen ihrer Tochter.

Themen:

Mit 17 Monaten kam Fabienne mit ihrem Zwillingsbruder zu uns in Pflege. Beide waren in einem total desolaten Zustand – sie konnten nichts – nicht laufen, nicht sprechen( lautieren), sie schrieen nur, waren fehlernährt, mangelernährt, hatten Hospitalismus und hatten nur sich selbst und gegenseitig und sicherlich da auch ihre intensivsten Bindungen – oder besser gesagt – überhaupt Bindungen. Meine Mutter, sagte damals zu mir „und daraus willst du Kinder machen?“
In entsprechendem Alter kamen die beiden in den Kindergarten und Fabienne hatte grosse Schwierigkeiten sich einzugewöhnen. Mit gerade 6 Jahren wurden die Zwillinge eingeschult. In der Grundschule zeigte sich recht bald, dass beide dem Leistungsdruck dieser Schule nicht gewachsen waren, so dass sie ab Mitte der zweiten Klasse - mit einer Rückversetzung in die erste Klasse- die Waldorfschule besuchten. Fabienne war dort teilweise recht unglücklich, Es fehlte ihr ein fester „Rahmen“ e, es fehlte ihr die Orientierung – wo stehe ich ?? Und es fehlte ihr das stringente Lernen im Klassenverband.
Anfang der 9. Klasse wollte sie die Schule wechseln, was schwierig wurde, da sie eigentlich schon über die Zeit möglicher Wechsel hinaus war. Es gelang ihr trotz dem.. Sie wechsele in eine reguläre Hauptschule. Sie hatte dort große stoffliche Defizite konnte jedoch stark aufholen und schaffte innerhalb eines Jahres die Qualifikation zur 10b. Dies war mit ganz viel Arbeitseinsatz für sie verbunden, aber sie kämpfte wie ein Löwin auf ihr Ziel hin.

Das erste Etappenziel hat Fabienne erreicht als sie vor wenigen Tagen auf der Bühne der Schulaula stand und ausgezeichnet wurde als Klassenbeste und zweite Schulbeste. Mir hat besonders imponiert, wie souverän, wie selbstbewusst sie auf der Bühne stand. Sie war körperlich die Kleinste aber sie kam mir viel „größer“ und reifer vor als ihre Mitschüler, die sie um Köpfe überragten. Fabienne hatte aus sich eine junge Frau gemacht.

Ich war endlos stolz auf dass, was Fabienne für sich geschafft hat und ich war mir klar, dass sie ihren Weg machen wird. Ich habe nur nicht geheult, weil ihr Zwillingbruder mich vor der Feier heftig vor Tränen gewarnt hatte ( peinlich wäre das). Ich habe mich riesig für und über Fabienne gefreut und mir war auch klar, dass sie alle Hürden und Schwierigkeiten, die im Rahmen ihres Werdeganges auf sie zukommen könnten, nehmen wird.
Ich musste immer daran denken, wie sie klein war und vor mir stand und nichts konnte, denn sie war von den beiden diejenige, die am meisten entwicklungsverzögert und völlig desolat war - und es schien damals so aussichtslos.

Ich bin überzeugt, dass sie ihr nächsten Ziel „Abitur zu machen“ schafft. Letztendlich möchte sie Sozialpädagogin werden und im Pflegekinderbereich arbeiten.
Mir wird an meinen 3 Kindern klar, dass – obwohl diese Kinder ja sehr viel Erniedrigungen und Schwächungen erlitten haben –sie ein Potential entwickeln konnten, was teilweise andere Kinder nicht haben. Sie machen aus Schwäche Stärke. Eine Stärke, die sie dann hervorholen. „ich kann es trotzdem und will es auch zeigen“.
Ich möchte das Wissen um diese Kraft gern an die Eltern weiter geben, die aufgrund ihrer gegebenen Situationen verzagen. Da zu sein, Gespräche zu führen, niemals den Bezug zum Kind zu verlieren, dass scheint mir besonders wichtig zu sein. Gerade in scheinbar aussichtslosen Situationen.

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