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22.05.2008
Erfahrungsbericht

Die Sprache traumatisierter Pflegekinder: Janina

Janina hat in ihrer Herkunftsfamilie Gewalt in hohem Außmaß erlebt. Als ihr leiblicher Vater aus der Haft entlassen wird, stellt sich für die Pflegefamilie die Frage, wie sie Janina schützen kann.

Janina

Janina ist 9 Jahre alt. Sie hat in ihrer Herkunftsfamilie Gewalt im hohen Ausmaß erlebt. Nachdem sie 2 Jahre in der Pflegefamilie ist, beginnt sie über die Erfahrungen zu berichten. Unter Schmerzen schildert sie, wie ihr Vater den jüngeren Bruder gegen die Wand geschlagen hat, so dass er ab dann behindert war. Ihr Vater war in Haft. Alle Kinder sind in unterschiedlichen Pflegefamilien. Eines Tages kommt ein Anruf einer dieser Pflegefamilien, dass der Vater entlassen und bei dieser Pflegefamilie aufgetaucht sei. Man solle aufpassen.

Als die Pflegemutter vorsichtig mit Janina darüber zu sprechen beginnt, reagiert Janina wie unter Schock. Sie wird kreidebleich, schwankt und beginnt heftig zu zittern. Sie setzt sich in der äußersten von der Haustür entfernten Ecke der Wohnung auf den Fußboden, ringt die Hände und ist völlig fassungslos. Sie beruhigt sich nur äußerst langsam.

Die Pflegeeltern sind fassungslos und hilflos angesichts dieser Reaktion und sprechen mit ihr über mögliche Schutzmaßnahmen. Sie vereinbaren folgendes:

  • die Haustür nur aufmachen, nachdem durch den Gucker genau gesehen worden ist, wer draußen ist,
  • die Haustür nur öffnen mit einem Telefon in der Hand, um sofort Hilfe rufen zu können,
  • in der Schule mit den Lehrern genaue Schutzmaßnahmen besprechen. In den nächsten Tagen absolviert Janina den Schulweg nur in Begleitung der Pflegemutter, die Haustür muss abgeschlossen werden, sie geht nicht mehr nach draußen. Zurzeit suchen Pflegefamilie und Jugendamt nach Möglichkeiten, das Kind zu schützen. Der Vater ist jedoch überhaupt nicht ansprechbar und keiner weiß, wie denn eigentlich Janina das Gefühl von Sicherheit auch nur andeutungsweise wieder vermittelt werden kann.

In den nächsten Tagen absolviert Janina den Schulweg nur in Begleitung der Pflegemutter, die Haustür muss abgeschlossen werden, sie geht nicht mehr nach draußen. Zurzeit suchen Pflegefamilie und Jugendamt nach Möglichkeiten, das Kind zu schützen. Der Vater ist jedoch überhaupt nicht ansprechbar und keiner weiß, wie denn eigentlich Janina das Gefühl von Sicherheit auch nur andeutungsweise wieder vermittelt werden kann.
Kommentar

Hier ist das Gefühl des Kindes erkannt und auch verstanden worden. Aufgrund tatsächlicher Unmöglichkeit erscheinen den Pflegeeltern und Sozialarbeitern die Hände gebunden. Es gibt keine Lösung für dieses Problem, es sei denn, der Vater würde verschwinden. Das hat er nicht vor und somit agieren die Erwachsenen um Janina herum in fassungsloser Hilflosigkeit.

Hier wäre eine psychotherapeutische Begleitung des Kindes und der Pflegeeltern angezeigt, um Kind und Pflegeeltern Kompetenz im Umgang mit unkalkulierbaren Zusammentreffen zu vermitteln. Darüber hinaus müsste zusammen mit anderen Institutionen z.B. Gerichten überlegt werden, wie die Familie tatsächlichen Schutz vor dem Vater erhalten könnte.

Autorin: Henrike Hopp

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