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16.05.2022
Erfahrungsbericht

Tagesablauf mit Michael

Die Pflegemutter eines Pflegekindes mit FASD beschreibt das alltägliche Leben mit ihrem Pflegesohn im Rahmen seiner Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

Themen:

Was braucht Michael über den Tag verteilt an Aufmerksamkeit und Anweisungen

Wecken
  • Auf Wecker reagiert er zwar, steht aber nur nach persönlicher Aufforderung auf
Michael ins Bad schicken
  • Nach 5 Minuten Toilettengang ermahnen zum Aufstehen (abputzen, Deckel runter) und Waschen. Sonst wäscht er sich nicht, hält nur Hände unters Wasser.
  • Wird angeleitet, Penis und After gründlich zu waschen. Er nimmt sonst den Waschlappen ohne Seife für das Gesicht.
  • Wird angeleitet zum Abtrocknen
  • Wird von mir eingeölt/eingecremt
  • Muss während der Zeit im Bad ständig beaufsichtigt werden, da er sonst zur Schwester ins Zimmer geht, ins eigene Zimmer zurückgeht, Radio oder Kassette hört.
  • Kleidungsstücke werden von mir hingelegt (diskutiert über die Zweckmäßigkeit, will T-Shirt und Sommerhose im Winter anziehen, Schal, Handschuhe und dicken Pullover im Winter)
  • Beaufsichtigung beim Ankleiden Er zieht alte U-Hose noch einmal an, kann Kniestrümpfe kaum allein anziehen, zieht U-Hemd und T-Shirt oder Pullover verkehrt herum an, wird dann unwillig und wütend.
Zum Frühstück holen
  • Frühstück steht vorbereitet auf dem Tisch. Michael kann kein Brötchen aufschneiden, hat Angst sich zu verletzen (er ist mit Messern und Scheren misshandelt worden). Er hat keinen Gegendruck durch Ehlers-Danlos-Syndrom. Er kann sich nicht für Belag entscheiden.
  • Beim Frühstück anleiten, Löffel fest anzufassen (Ehlers-Danlos-Syndrom) und zu trinken. Er empfindet alle Getränke als zu heiß.
  • Aufforderung: kauen, schlucken, dann sprechen
  • Abräumen und säubern
  • Michael ins Bad bringen zum Händewaschen und Zähneputzen, putzt sonst nicht sondern beschmiert mit Zahnpasta das Waschbecken, die Fliesen, den Spiegelschrank, drückt Zahnpasta im hohen Bogen in die Wanne oder an die Tapete, wechselt ständig zwischen Kalt- und Warmwasser, spült die Zahnbürste ewig im Zahnbecher.
Zur Schule
  • Beaufsichtigen und teilweise Übernahme beim Ankleiden von Jacke und Schuhen Er zieht Sandalen im Winter an und geht ohne Jacke, kann Schuhbänder teilweise nicht schnüren und wird wütend.
  • Beaufsichtigen beim Verlassen der Wohnung und Einsteigen in den Schulbus. Sonst rennt er kopflos über die Straße, rennt die Straße rauf und runter, dem Bus entgegen und lässt Schultasche/Sportbeutel stehen.
  • Anleitung, Schultasche/Rucksack/Sportbeutel ordnungsgemäß zu handhaben. Er trägt sie sonst offen und/oder nach unten geöffnet.
Zwischenmahlzeit
  • kann Apfelsine und Äpfel nicht schneiden und schälen
  • nimmt ohne Aufforderung keinen Joghurt, Quark oder Sonstiges aus dem Kühlschrank
  • Nach dem Essen die Aufforderung, ins Bad zu gehen und Hände zu waschen
Mittag
  • Aufforderung Jacke aus, aufhängen, Schuhe aus, Pantoffel an. Sonst liegt alles entweder auf dem Boden oder er geht barfuß.
  • Aufforderung zum Toilettengang,
  • Beaufsichtigung beim Händewaschen
  • Anleitung beim Essen, das Besteck richtig zu benutzen (löffelt Suppe mit Dessertlöffel) und ihm Fleisch klein schneiden.
  • Anleiten ins Bad zu gehen und Hände und Gesicht zu waschen
Inhalieren
  • Vollständige Übernahme der Vorbereitung des Gerätes
  • Anleitung, das Mundstück richtig zu benutzen und nicht darauf herumzukauen. 
  • Beaufsichtigung beim Inhalieren, sonst pustet und spuckt er ins Mundstück.
Turnübungen nach Schroth
  • Anleitung und komplette Beaufsichtigung der Übungen. Dabei kann er sich nicht an Begriffe erinnern, vergisst die Reihenfolge, macht die Übungen nicht lang genug, hört Musik oder spielt mit dem Gymnastikball.
Abend
  • Anleitung und Beaufsichtigung beim Ausziehen (wirft Wäschestücke in die Badewanne),
  • Kontrolle der Fuß-/Fingernägel Er kaut oder reißt sie ab, bis es blutet, kann sie nicht selber schneiden oder feilen.
  • Baden/Duschen: Lässt ständig Wasser zulaufen, mal zu heiß, mal zu kalt, spielt mit der Dusche, spritzt damit durchs ganze Bad, nimmt zuviel Schaum oder Öl, wäscht sich nicht oder nur teilweise, vergisst ständig den Kopf und die Haare, kennt kein Ende.
  • Unterstützung beim Einölen des Körpers
  • Ankleiden zur Nacht. Er findet seinen Schlafanzug nicht, zieht sich komplett wieder an.
  • Kommt ständig wieder aus dem Zimmer, fragt nach dem Wetter von morgen, nach Besonderheiten am nächsten Tag, muss noch trinken.
  • Mehrfache Ermahnungen zur Ruhe, das Licht wird von uns ausgemacht.
Therapien

Begleitung, Beaufsichtigung und Unterstützung zu und bei den Therapien Sonst geht er im Ortsteil spazieren, spricht Leute an, geht in die Geschäfte, vergisst die alten und neuen Übungen, kann sie auch nicht beschreiben, vergisst seine Sachen, kommt nicht unverzüglich nach Hause.

Würmer
  • 2 bis 3-mal im Jahr Befall mit Spulwürmern, da Michael Nägel kaut und sich nicht häufig genug die Hände wäscht.
  • Jeweils über 2 x 1 Woche tägliches Wechseln und Kochen der Bett- und Körperwäsche, komplette Reinigung des Zimmers und Bades.
Bei Wut und Verzweiflung:
  • Er zerstört Anziehsachen, zerreißt sie und schneidet Löcherhinein.
  • Macht Sachen kaputt (Kassetten, Radio, Kabel, Ohrhörer)
  • Wirft Sachen aus dem Fenster in unserem Dachgeschoss.

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