Sie sind hier

05.09.2016
Erfahrungsbericht

Wir sind eine Familie mit drei Kindern aus NRW

Bericht der Pflegeeltern über Beginn und Beendigung eines Zusammenlebens mit einem kleinen Mädchen mit FASD.

Vor einem Jahr haben wir ein Pflegekind mit FASD aufgenommen. Im November 2014 ist ein Mädchen im Alter von 10 Wochen bei uns eingezogen. Die Freude war riesig - trotz großer Verantwortung. Die kleine musste ein Jahr per Monitor überwacht werden. Sie hatte einen anstrengenden Methadonentzug hinter sich. Die kleine Maus brauchte da erst mal Zeit um anzukommen auszuruhen und um Zuwendung, Wärme und Geborgenheit zu erleben. Es starteten aber schon sehr zeitnah die Besuchskontakte zweimal pro Woche.

Zur kurzen Erklärung: die Mutter des Kindes ist alkohol- und drogenabhängig, hat eine Depression und Persönlichkeitsstörung. Sie hat während der Schwangerschaft mehrere Liter Alkohol pro Tag zu sich genommen und ca. 20 Zigaretten pro Tag geraucht. Vier Wochen vor der Entbindung hat sie sich zum Entzug in eine Klinik begeben. Die sie mit der Geburt verließ.

Wir mussten mit der Kleinen regelmäßig zum Kinderarzt und es kam mehrmals pro Woche eine Hebamme zur Kontrolle.

Es fanden regelmäßig Kontakte mit den Eltern statt, Am Anfang zweimal pro Woche, ab März einmal pro Woche. Die Kleine war ein sehr unruhiges Kind. Sie hat immer viel geschrien und ließ sich immer schwer beruhigen. Spazieren im Kinderwagen oder Autofahren stressten sie sehr stark. Sie schrie oft auch so lange und laut, dass sie blau an lief.
Wir mussten sie an alles sehr langsam mit Liebe, Geduld und Zeit heranführen.

Auf dem Weg zu den Besuchskontakten nach Bielefeld, bei einer Fahrtzeit von 45 Minuten, schrie sie auch oft die komplette Fahrt durch. Die Vorbereitung bis sie im Autositz saß, zog sich nicht selten auf eine Stunde raus, wo sie auch sehr unruhig war. Damals war es uns schon unerklärlich, dass ein so kleines Kind solchen Belastungen ausgesetzt werden darf. Bei den Besuchskontakten verhielt sie sich sehr ruhig, weil sie auch die ganze Zeit abgelenkt und reizüberflutet war. Einige male aber schrie sie auf dem Arm ihrer leiblichen Eltern und wollte auf meinem Arm oder dem meines Mannes. Wir aber mussten sie ihren Eltern überlassen und durften nur selten eingreifen.
Auf dem Weg zu den Besuchskontakten nach Bielefeld, bei einer Fahrtzeit von 45 Minuten, schrie sie auch oft die komplette Fahrt durch. Die Vorbereitung bis sie im Autositz saß, zog sich nicht selten auf eine Stunde raus, wo sie auch sehr unruhig war. Damals war es uns schon unerklärlich, dass ein so kleines Kind solchen Belastungen ausgesetzt werden darf. Bei den Besuchskontakten verhielt sie sich sehr ruhig, weil sie auch die ganze Zeit abgelenkt und reizüberflutet war. Einige male aber schrie sie auf dem Arm ihrer leiblichen Eltern und wollte auf meinem Arm oder dem meines Mannes. Wir aber mussten sie ihren Eltern überlassen und durften nur selten eingreifen.

Nach den Kontakten wollte sie oft nicht mehr essen und trinken. Sie schrie sehr viel und schlief die nächsten Tage sehr unruhig bis gar nicht. Normalerweise soll so ein kleines Kind Ruhe, Zeit und Zuneigung bekommen und nicht solchem Stress und psychischen Belastungen ausgesetzt werden.

Durch viel Zuneigung, Liebe und Förderung, die sie bei uns erfahren durfte hat sie es dennoch geschafft sich altersgemäß zu entwickeln. Die wäre bei den Eltern nicht der Fall gewesen, was uns viele Ärzte, Psychologen und Jugendämter versichert haben.

Mit ca.8 Monaten fing sie an, sich nach den Besuchskontakten selber zu verletzten indem sie ihren Kopf auf den Boden schlug, sich an ihren Haaren zog oder in ihren Bauch gekniffen hat. Wir haben immer versucht, dies zu unterbinden durch Ablenkungen, durchs Tanzen, herum tragen oder Buch anschauen. Dies war sehr anstrengend für sie und uns.

Obwohl ein Attest vom Kinderarzt vorlag, mussten wir weiterhin zum Besuchskontakt. Bei den Besuchskontakten wurden wir immer wieder vom Vater beleidigt, beschimpft und bedroht. Für die Kleine war es unerträglich, sie reagierte immer heftiger. Zu allem anderen kamen bei ihr noch respiratorische Affektkrämpfe dazu.

Unsere Woche sah nun also so aus: zweimal die Woche Kinderarzt, ein bis zweimal Besuchskontakt und mindestens einmal die Woche Kinderklinik. Wie soll ein Kind das aushalten? Klinik und Arzt wollten wegen Kindeswohlgefährdung einen sofortigen Stopp der Besuchskontakte. Mit Androhung eines Bußgeldes wurde der Besuchskontakt eingefordert. Wir dachten, dass dies doch alles nicht wahr sein konnte, wo bitte bleibt da das Kindeswohl? Wir hatten keine Möglichkeit die Kleine zu schützen. Es war kaum auszuhalten.

Unser Kinderarzt hat daraufhin den Vormund der Kleinen angezeigt. Das änderte die Situation leider auch nicht. Das war für die Kleine und uns eine schreckliche Zeit. Von da an ging alles ganz schnell. Es gab einen richterlichen Beschluss, nach dem die Kleine innerhalb von fünf Tagen zurück zu ihren Herkunftseltern musste. Einfach furchtbar.

Die Kleine hat sich ins Leben gekämpft und wollte leben, lernen und glücklich sein, einfach Kind sein. FASD Kinder brauchen Struktur, Gewohnheiten und vor allem Liebe.

Am Ende wurde uns die Schuld an ihrem Verhalten gegeben. Wir leben seitdem sie weg ist jeden Tag mit großer Sorge um die kleine Maus. Warum steht „Elternrecht“ vor „Kindeswohl“? Das muss sich ändern!!!

Die Mutter hat in der Zeit, wo die Kleine bei uns war, noch ein Kind bekommen, was auch ein Methadonentzug machen musste. Also lebt die Kleine jetzt in einer Familie mit einer alkoholabhängigen Mutter mit Baby und einem aggressiven Vater.

Wir waren mit der Kleinen ein Jahr lang 24 Stunden täglich zusammen. Aber entschieden über ihr Leben hat am Ende dann doch ein Gutachter, der sie dreimal gesehen hat und eine Richterin, die gar nichts von ihr wusste und zur Zeit der Verhandlungen selber schwanger war.
Der Gutachter hat zu uns gesagt „Sie sind bereit zu pflegen, also sind sie auch bereit ab zu geben. Sonst haben sie nichts dagegen zu sagen!!“

Trotz des ganzen Unglücks sind wir dankbar für das Jahr mit der kleinen Maus. Wir hoffen, sie ist stark und hält durch.

Ein großer Dank gilt trotzdem unserem Kinderarzt, unserer Familie und unseren Freunden, Beratern, dem Jugendamt und ihrem Vormund.
Ohne ihre tatkräftige Unterstützung hätten wir das alles nicht geschafft.

FASD Kinder brauchen einen Platz, wo man sie so liebt, wie sie sind und unterstützt und fördert. Sie brauchen lebenslang vernünftige Betreuung, Unterstützung und ein liebevolles Umfeld

Die Pflegeeltern

Das könnte Sie auch interessieren

Erfahrungsbericht

Begegnung mit FAS und Gründung der Regionalgruppe Hamburg

Herr und Frau Rosenke nahmen 2002 ihr Patenkind bei sich auf. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen am fetalen Alkoholsyndrom leidet. Um für mehr Aufklärung und Unterstützung der Betroffenen zu sorgen, hat das Ehepaar Rosenke die Regionalgruppe Hamburg und Umgebung von FASWorld ins Leben gerufen.
Politik

Expertengespräch im Bundestag: Konzept gegen fetales Alkoholsyndrom (FAS) gefordert

Bei einem Expertengespräch am 14. Januar 2015 im Gesundheitsausschuss des Bundestages forderten die Sachverständigen aus Medizin und Praxis die Abgeordneten energisch dazu auf, dieses gravierende Problem mit geeigneter Vorbeugung, Aufklärung, Diagnose und Behandlung systematisch anzugehen.
Tiefergehende Information

FASD - Die wichtigsten Fragen der sozialrechtlichen Praxis

Die Fetale Alkoholspektrum-Störung (FASD) wird als Oberbegriff für die Schädigungen eines Menschen verwendet, die pränatal durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstehen. Alkohol während der Schwangerschaft kann die Entwicklung des Ungeborenen beeinflussen und zu erheblichen körperlichen und geistigen Schädigungen sowie zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Auszüge aus der Broschüre der Behindertenbeauftragten.
Bericht

von:

FASD und Übergänge - Wie wichtig Austausch, Wissen und Kooperation sind

Ein Fallbeispiel zeigt auf, wie schnell ein recht gut gestalteter Übergang Gefahr läuft zu scheitern, wenn ein Part des Helfernetzwerkes nicht bzw. nur mäßig kooperiert und einem Wissenstransfer nicht offen gegenübersteht.
Hinweis

Alkohol im Mutterleib – Folgen für ein ganzes Leben

ZDF 37 Grad berichtet am 15. März 2022 um 22.15 Uhr zum Thema FASD und seine Folgen. „37°“ begleitet Betroffene in unterschiedlichen Lebensphasen. Die 30-minütige Sendung ist ab dem 15. März auch in der Mediathek von ZDF und ab 22. März ebenfalls auf sat 3 zu sehen.
Erfahrungsbericht

Ich habe FASD

Vor einigen Jahren schrieb die heute erwachsene C. einmal auf, was es für sie bedeutet, mit FASD zu leben. Es kostete sie viel Zeit und Bemühungen, um dies zu schreiben, aber sie wollte es tun, damit wir sie und andere Menschen mit FASD verstehen.
Hinweis

von:

Alkohol in der Schwangerschaft

Rezension eines neuen Buches zum Thema Alkohol in der Schwangerschaft – Die unterschätzte Gefahr. Autorin: Dagmar Elsen. Das Biuch erscheint im Schulz-Kirchner-Verlag. Damar Elsen ist Journalistin, Buchautorin, Bloggerin, Initiatorin und Vorsitzende des Vereins Happy Baby No Alcohol.
Hinweis

Gründung eines Bundesverbandes mit dem Schwerpunkt FASD

Fast 10 000 Kinder in Deutschland werden jährlich mit FASD geboren - und trotzdem ist diese Beeinträchtigung immer noch nicht genügend bekannt. Um dies zu bewirken und das Leben der Betroffenen durch Wissen, Verständnis und Hilfen zu erleichtern, wollen einige FASD- und Betroffenenorganisationen ein Bündnis schmieden.
Tiefergehende Information

Studie: "geeignete Wohnformen für junge Erwachsene mit FASD"

Junge Erwachsene mit FAS/FAE haben oft grosse Schwierigkeiten, eine geeignete Wohnform für sich zu finden. FASworld e.V. arbeitet gerade an einer Studie zu diesem Thema und hat dazu einen Fragebogen entwickelt, den Sie hier finden. Von Irm Wills
Hinweis

FASD einfach erklärt

Die Lebenshilfe erklärt auf ihrer Webseite in einfacher Sprache, wie FASD entsteht und wie FASD sich im alltäglichen Leben ausdrückt.