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31.07.2013
Fachartikel

Überlegungen zu Problemen in der Schule

Überlegungen und Lösungsansätze, die bei Problemen in der Schule dem Kind und der Pflegefamilie helfen können.

Themen:

Lernen und verhalten in der Schule ist für viele Pflege- /Adoptivkinder ein Hürdenlauf. Oft ein auf und ab, ein Können und wieder Zurückfallen. Nachfolgende Überlegungen können helfen, dem Kind und seiner Familie das Leben zu erleichtern.

1. Überlegung: Verstehe ich das Kind?

Was will es mit seinem Verhalten in der Schule ausdrücken? – Wie kann ich sein Verhalten als seine 'Sprache' interpretieren?

Das Empfinden eines Kindes¸ seine Gefühle und Erwartungen entstehen durch die Erfahrungen, die es bisher in seinem Leben mit Menschen gemacht hat. Konnte es Mut, Zuversicht, Neugierde und Vertrauen entwickeln oder erlebte es die Menschen so, dass es mit Unsicherheit, Verwirrtheit und Überlebensstrategien reagieren musste? Kinder reagieren auf ihre Lebenssituation durch ein Verhalten, was ihnen hilfreich zu sein scheint diese Lebenssituation zu meistern. Viele Pflegekinder haben daher ein Verhalten erlernt, welches ihnen in schwierigen Lebensphasen geholfen hat. Sie halten dieses Verhalten jedoch auch weiterhin aufrecht, wenn sich ihre Lebenssituation ändert, sie z.B. in eine neue Familie – in eine neue Umgebung – kommen. Hier ist das bisherige Verhalten unangemessen. Aber das wissen die Kinder nicht. Sie müssen erst einmal die Bedingungen der neuen Umgebung kennen und akzeptieren lernen um ein Verhalten aufgeben zu können, welches bisher durchaus sinnvoll für sie war. Nicht der Umzug in die Pflegefamilie verändert grundsätzliches Verhalten, sondern das Leben in der Pflegefamilie und die Entstehung von Bindung und Vertrauen. Bis es soweit ist, wird das Kind sich weiterhin wie vorher erprobt verhalten. Die bisherige Lebenserfahrung, die oftmals nicht klare Lebensperspektive in der Pflegefamilie, Anforderungen durch Besuchskontakte, das ‚Pflegekind‘-Sein als besondere Lebenssituation, erschweren es dem Kind, Bindungen und Vertrauen zu entwickeln. Und es erschwert ihm damit auch das Aufgeben von nicht hilfreichem, sondern meist als störend empfundenem Verhalten.
Pflegekinder - und auch eine Vielzahl von Adoptivkindern- sind Kinder mit schwierigen, oft dramatischen und traumatisierenden Lebenserfahrungen bevor sie in die Pflege- oder Adoptivfamilie kamen. Besonders die Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten bis zum zweiten Lebensjahr „brennen“ sich ein und bestimmen die Sicht des Kindes auf die Welt – bestimmen die Sicht auf Erwachsene und darauf, ob sich das Kind auf diese verlassen kann oder sich von ihnen verlassen fühlt. Kann das Kind dem Erwachsenen vertrauen? Wird er es beschützen, versorgen, zu ihm stehen, es lieben?

Es ist notwendig, dass Pflegeeltern, Vormünder und Fachkräfte der Pflegekinderdienste dieses Wissen an Lehrer weitergeben, damit diese das Verhalten des Kindes als seine ihm angemessene Sprache verstehen und interpretieren können.

In seinem Buch „Lob der Schule“ (Heyne-Verlag ) hat der Neurobiologe Joachim Bauer die Schule und das Lernen unter die Lupe genommen und Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern entwickelt.
Nachfolgend ein Auszug aus dem Buch (S. 33):

Aggressionen in der Schule

Kinder und Jugendliche, die keine oder keine hinreichende Erfahrung sozialer Akzeptanz machen konnten bzw. machen, beantworten diesen Mangel – aus einem unbewusst ablaufenden Mechanismus heraus – mit erhöhter Aggressionsbereitschaft. Dazu passend konnten neuere Untersuchungen zum biografischen Hintergrund größerer Populationen von Jugendlichen (sowohl solchen ohne als auch solchen mit verschiedenen Formen von gewalttätigem Verhalten bis hin zu schwersten Gewalttaten) Folgendes nachweisen: Die beiden stärksten Prädiktoren (Vorhersagefaktoren) für Gewalttätigkeiten bei Heranwachsenden sind selbst erlebte Gewalt und fehlende persönliche Bindungen.
Alles, auch die Erfahrung fehlender Akzeptanz wird vom menschlichen Gehirn gespeichert, das heißt, Kinder akkumulieren in sich, was sie in ihrem sozialen Hintergrund an Vernachlässigung, Demütigung oder Gewalt erlebt haben. Schulen sind weder die Quelle noch die Ursache für das bei Jugendlichen beobachtende Aggressions- und Gewaltpotenzial, sie sind jedoch das Terrain, auf dem es ausgelebt wird. Umso wichtiger ist es aber, dass Schulen das Gefühl von Jugendlichen, ausgesondert zu sein, nicht noch weiter verstärken.

Ein angemessenes Sozialverhalten ist für viele Kinder das größte Problem. Soziales Verhalten ist ein oft mühsamer Weg. Soziales Verhalten bedingt Selbstwertgefühl und Sicherheit, Anerkennung und Toleranz. Selbstwertgefühl und Sicherheit haben unsere Pflegekinder oft nicht, sie sind mit überleben und bewältigen beschäftigt. Erst wenn sie zur Ruhe und zur Bindung gefunden haben, können sie sich auch anderen gegenüber sozial verhalten.

Sich zurückziehen

Kinder reagieren auf schulische Probleme und dem damit verbundenen häufig erlebten Unverständnis der Erwachsenen mit zunehmendem Desinteresse und ‚sich zurück ziehen‘. Es entsteht Schulmüdigkeit und die Steigerung zur Schulverweigerung.

Sabine Ader schrieb in ihrem Aufsatz: „Du gehörst hier hin“:

Schulmüdigkeit hat fast nie einzelne, klar zu identifizierende Ursachen. Oft gibt es eine längere Vorgeschichte; sie schlägt nicht ein `wie ein Blitz´. Meist ist sie das Ergebnis eines langen Weges des Hineinschlitterns mit möglichen Wendepunkten, an dessen Zustandekommen mehrere Systeme beteiligt sind. Sie äußert sich in passivem Rückzug und innerer Emigration, in `Torpedierung´des Unterrichts, in aktivem Widerstand gegenüber Erwartungen und Regeln oder im latenten bzw. manifesten Fernbleiben. Wahrgenommen wird seitens der Schule vor allem das auffällige Verhalten, das den reibungslosen Ablauf des Schulalltages nachhaltig behindert.

Und in der Tat ist das eine Seite der Medaille: Jungen und Mädchen tragen Herausforderungen und Schwierigkeiten ihres alltäglichen Lebens in die Schule und bringen damit – je nach Intensität – den geregelten Lauf des Tages mitunter völlig durcheinander, indem sie die gesamte Klasse ‚aufmischen´. Problematisch ist, dass sie in diesen für alle Beteiligten belastenden Situationen oftmals kein (erwachsenes) Gegenüber haben, das sich für ihre Lebenskontexte und Lerngeschichten ausreichend interessiert oder interessieren kann. Hinzu kommt der schulische Rahmen der Regelschule, der aufgrund der Zeitstruktur, der Klassengröße, der angewandten Methoden sowie der curricularen Zielsetzungen und der spezifischen, eng geführten Wahrnehmung von Kindern als Schüler/innen nur einen sehr begrenzten Raum für Individualität und individuelles Lernen eröffnet".

[...]
In jedem Fall sind Kinder in belastenden Zusammenhängen gezwungen, sich Strategien anzueignen, um in ihrem Lebenskontext zurecht zu kommen. Kinder müssen lernen, lernen schnell und dabei vor allem durch ihr nahes Umfeld und die Anforderungen, die es an sie stellt. Was wir aber bei einem sechs Monate alten Säugling als völlig natürliches Verhalten sofort akzeptieren – z.B. unerbittliches Schreien, bis die angemeldeten Bedürfnisse gestillt sind – halten wir bei einem acht Jahre alten Kind für einen bedenklichen Mangel an sozialer Kompetenz. Das bedeutet, die Strategien dieser Kinder werden mit zunehmendem Alter kontraproduktiv und vom Umfeld als dissozial und störend wahrgenommen. Sie ‚ecken’ überall an und haben in der Klassengemeinschaft meist keinen sicheren Platz.

In der Schule beginnen die Muster der Kinder bedrohlich zu werden, wenn Lehrerinnen und Lehrer sich überfordert fühlen, und auch von anderen Kindern und Eltern darauf angesprochen werden z.B. nicht mit dem ‚Störer’ zusammensitzen zu wollen. Lehrer mahnen vielleicht vielleicht zunächst die Eltern und bitten um Mithilfe. Passiert das nicht ausreichend, wird möglicherweise eine Beratungsstelle eingeschaltet, die lange Wartezeiten hat. Die Probleme nehmen zu, und in Zensuren und Gutachten spiegeln sich die manchmal hilflosen Versuche, den Kind und den Eltern seitens der Schule eine ‚letzte Warnung’ zu geben. Hilft auch dies nicht, droht die Nichtversetzung oder gar die Einleitung eines sonderpädagogischen Verfahrens. Oftmals steht am Ende einer solchen Kette der Wechsel auf eine Sonderschule: Das Kind ist hier nicht mehr tragbar.

Neben der Ausgrenzung und dem damit verbundenen Orts- und Beziehungswechsel ist die bleibende Erfahrung für ein Kind: Ich habe es nicht geschafft, ich mache Probleme, ich bin nicht gut genug, ich muss gehen. Die Beschreibung ist hier vereinfachend, aber in der Praxis in unterschiedlicher Prägung keine Seltenheit für die Kinder und Familien, die in der Schule Schwierigkeiten haben.

Zwei Dinge sind an diesem Verhalten aus systemischer Perspektive hoch problematisch:

  • der Mangel an professionellem Verstehen der subjektiven Logik von ‚schwierigen’ Verhalten
  • der unzureichende Blick auf Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bearbeitungsprozesse bei den Professionellen".

[...]

Werden Gründe und Funktionen von auffälligem Verhalten nicht ausreichend verstanden und zunächst akzeptiert, schiebt sich die störende Symptomatik in den Vordergrund.

[...]

Professionelles Verstehen für Lebenssituationen auch auf der emotionalen Ebene (sich berühren lassen) sowie ein erweiterter Blick auf Lebenskontexte und darin steckende Ressourcen können dazu führen, das als ‚besonders schwierig’ erlebte Kinder plötzlich anders wahrgenommen werden und Bereitschaft entsteht, sie – ggf. in Kooperation mit anderen Partnern – im System zu unterstützen.

Dr. Sabine Ader ist Dipl.-Pädagogin und Referentin für den Bereich „Jugendsozialarbeit/Jugendhilfe & Schulen“ beim Diakonischen Wert Rheinland-Westfalen-Lippe und freiberuflich tätig als Fortbildnerin und Beraterin zu Themen der Jugendhilfe.
Kontakt und weitere Informationen s.ader@diakonie-rwl.de

2. Überlegung: Herstellen von Sicherheit und Klarheit

Es zeigt sich immer wieder, dass das Kind zur Bewältigung seines Lebens Klarheit und Sicherheit braucht. Klarheit in der Perspektive für sein Leben, Sicherheit in der Möglichkeit, Bindungen eingehen zu dürfen, die dann auch geschützt werden. Bindungen ermöglichen Beziehungen, Beziehungen sind notwendig für das soziale Umfeld, besonders für die Schule. Schule ist ein Beziehungsfeld. Für das Pflegekind ist es daher notwendig, sich in seiner Pflegefamilie sicher fühlen zu dürfen.
In der Pflege- und Adoptivfamilie bekommt das Kind die Chance, verlässliche Eltern zu erleben. Kann es diese Chance ergreifen, kann es sich wieder einlassen auf Liebe? Kann es sich fallen lassen, vertrauen? Kann es eine Bindung, eine Beziehung eingehen?
Die Entstehung neuer Bindungen ist für das Kind eine notwendige Startrampe in ein vertrauensvolleres Leben und die Chance zu weiteren Beziehungen in Verwandtschaft, Freundeskreis, Schule etc.

Pflegekinder wollen Bindungen, wollen Nähe und Beziehung – und schaffen es oft nicht. Haben Angst wieder verlassen zu werden, haben kein Vertrauen, leben in unsicheren Verhältnissen, wissen nicht, ob sie in ihren neuen Familien bleiben können, müssen sich immer wieder mit dem Erlebten auseinandersetzen. Sie fühlen sich oft nicht beschützt und allein gelassen. Bevor sie noch mal „den Bach runter gehen“ lassen sie sich erst gar nicht auf Beziehungen ein – oder nur ganz vorsichtig, mit immerwährenden Prüfsteinen und permanenter Erschütterung. Für Lernen und Schule sind Bindung und Beziehungen jedoch von elementarer Bedeutung.

Lernen geht nur über Beziehung

Die Neurobiologen haben sich natürlich auch mit dem Thema Lernen und Schule beschäftigt und dabei die hohe Bedeutung der Bindung und Beziehung dafür erkannt.

Ein weitere Auszug aus dem Buch ‚Lob der Schule‘ über Motivation, Beziehungen und Förderung wesentlicher Dinge (S. 22):

Neueste neurobiologische Studien zeigen: Entscheidende Voraussetzungen für die biologische Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme sind das Interesse, die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung, die einem Menschen von anderen entgegengebracht werden.

Wie schon erwähnt verwandelt das Gehirn seelische Eindrücke in biologische Signale, es macht – etwas salopp ausgedrückt – aus Psychologie also Biologie. Studien konnten zeigen, dass soziale Ausgrenzung und Isolation Gene im Bereich der Motivationssysteme inaktiviert. Umgekehrt hat bereits die bloße AUSSICHT auf Anerkennung und Wertschätzung eine massive Aktivierung der Systeme zur Folge. Woher Kinder und Jugendliche die für die Motivation so wichtige Anerkennung und Wertschätzung erhalten, liegt auf der Hand: Sie erhalten sie im Rahmen zuverlässiger persönlicher Beziehungen zu ihren Bezugspersonen, in der Regel also Eltern oder anderen engen Angehörigen, aber auch zu Lehrern und anderen Mentoren. Nur dort, wo sich Bezugspersonen für das einzelne Kind persönlich interessieren, kommt es in diesem zu einem Gefühl, dass ihm eine Bedeutung zukommt, dass das Leben einen Sinn hat und dass es sich deshalb lohnt, sich für Ziele anzustrengen. Kinder und Jugendliche haben ein biologisch begründetes Bedürfnis, Bedeutung zu erlangen. Ohne ihnen zufliegende Beachtung können sie nicht nur keine Motivation aufbauen, sondern sich auch insgesamt nicht gesund entwickeln.

Um Bedeutung zu erleben, Motivation aufzubauen und die dazu notwendigen neurobiologischen Prozesse in Gang zu bringen brauchen Kinder gute, verbindliche Beziehungen, was keineswegs bedeutet, sie in Watte zu packen. Gerade weil sie die Anerkennung suchen, wollen Kinder eine klare Auskunft darüber haben, was wir von ihnen erwarten. Als Eltern, Pädagogen oder Mentoren sollten wir bei Kindern aber nicht DAS hegen und pflegen, was uns bequem ist oder uns ein Gefühl von Macht gibt, sondern das, was DAS Leben von ihnen fordern wird: Begeissterungsfähigkeit, Kreativität, Pfiffigkeit, Hilfsbereitschaft, kritisches Denken, Fleiß, Durchhaltevermögen, Unbestechlichkeit, Konfliktbereitschaft, Empathie, Fairness und Sportlichkeit.

Entwicklungsvisionen

Kinder und Jugendliche erkennen ihre Potenziale in den Spiegelungen der Erwachsenen – an deren „Entwicklungsvisionen“ bei besonders problematischen Kindern (S. 30):

An der Art und Weise, wie die Kinder von ihren Eltern und Lehrern wahrgenommen werden, erkennen sie nicht nur, wer sie selbst sind, sondern allem auch, wer sie sein könnten, das heißt, worin ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Sie leben sich gewissermaßen in den Korridor der Vorstellungen und Visionen hinein, die sich ihre Bezugspersonen – vorausgesetzt, sie haben welche – von ihnen machen. Gibt es keinen solchen „Zukunftskorridor“, dann weiß das Kind nicht, wohin die Reise gehen soll. Kinder und Jugendliche verwerten beides – sowohl das unmittelbare Vorbild handelnder Erwachsener als auch die Spiegelung (ihres eigenen Bildes), die sie von ihren Bezugspersonen erhalten-, um so Stück für Stück eine „Selbst“ zu entwickeln und zu einer Persönlichkeit zu werden. Dies ist der Kern dessen, worum es in Erziehung und Bildung geht und der Grund, warum die Beziehungen zu Erwachsenen für Heranwachsende eine alles entscheidende Rolle spielen. Durch diese Beziehungen, die wir als „Vor-Bilder“ mit den Kindern und Jugendlichen gestalten, tragen wir entscheidend dazu bei, was aus ihnen wird.

Kinder und Jugendliche erkennen, wie sie sich in der Wahrnehmung von Eltern oder Lehrern spiegeln und spüren, was ihre Bezugspersonen ihnen zurückmelden. Dieses Feedback kann für sie wegweisend, aber auch niederschmetternd sein, nämlich dann, wenn es sich nur auf ihre Mängel oder negative Eigenschaften bezieht. Gerade bei solchen Kindern und Jugendlichen, die Erwachsene durch ihr Verhalten manchmal zur Verzweiflung bringen, ist es von besonderer Bedeutung, dass sie immer wieder auch eine Rückmeldung erhalten, die eine Vision ihrer [_Entwicklungsmöglichkeiten_] aufscheinen lässt. Kinder und Jugendliche, die eine ausgeprägtes Problemverhalten zeigen und denen nichts anderes als eben dieses gespiegelt wird, kommen aufgrund dessen langsam aber sicher zu der Überzeugung, dass sie nun einmal so und nicht anders sind bzw. sein können. Einen z.B. immer gewalttätigen Jungen aber bei passender Gelegenheit mit einer Bemerkung zu überraschen, die eine positive Vision seiner selbst enthält, kann demgegenüber Wunder wirken.

3. Überlegung: Die Beteiligten um das Kind herum als TEAM für das Kind ansehen. - Verantwortung für das Kind auf verschiedene Schultern verteilen -

Pflegeeltern sind nicht für alles zuständig

Das Aufwachsen eines Kindes in einer Pflegefamilie wird besonders dann gut gelingen, wenn sich nicht nur die Pflegeeltern für alles zuständig fühlen, sondern wenn es ein „Erziehungsbündnis“ ein „Team um das Kind herum“ gibt, welches gemeinsam die Verantwortung für das Kind übernimmt.
Die Pflegeeltern sind absolut vorrangig zuständig für eine mögliche Bindung und Förderung von Beziehungen. Wenn Kind und Pflegeeltern hier Fortschritte machen können, ist es das Beste, was die Pflegefamilie für Lernen und Schule des Kindes beisteuern können.
Jugendamt, Betreuer, Vormund und Helfer sind dafür da, dem Kind Sicherheit, Beständigkeit und Zuverlässigkeit zu vermitteln und ihm somit die Chance zum Lernen zu öffnen.
Schule und Lehrer haben ihre Aufgabe im Bereich der Persönlichkeitsbildung und des Lernens für das Kind – Es geht nur zusammen.
Pflegeeltern und Adoptiveltern sollten sich daher nicht scheuen, dieses Erziehungsbündnis auch anzuregen und von dessen Richtigkeit und Notwendigkeit aus zu gehen und entsprechende Vorstellungen deutlich zu machen.

4. Überlegung: Nicht ‚gegen‘ sondern ‚mit‘ dem Lehrer

Gedanken dazu:

  • Was muss der Lehrer wissen vom Kind? Rechtlich gesehen dürfen Pflegeeltern Notwendiges aus der Lebensgeschichte des Kindes an befugte Personen weitergeben, wenn dies für das Kind sinnvoll ist.
  • Wie sieht der Lehrer seine Möglichkeiten in der Schule?
  • Findet der Lehrer auch Akkzeptanz und Anerkennung seiner Arbeit bei den Pflegeeltern?
  • Kann es gelingen, den Lehrer gerade für dieses Kind zu 'berühren'
  • Wie könnte eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Pflegeeltern gehen?
  • Hilft es dem Lehrer, manchmal nicht nur mit den Pflegeeltern sondern auch mit dem Vormund oder der Fachberatung ein Gespräch zu führen?

5. Überlegung: Nicht den Alltag der Pflegefamilie durch ‚Schule‘ bestimmen lassen

Häufig erlebe ich, dass ‚Schule‘ fast das Leben der Pflegefamilie bestimmt. Schulisches Verhalten und schulische Leistungen sind von größter Bedeutung in der Einschätzung vieler Pflegeeltern und dem sie umgebenden Team. Die Pflegefamilie ist jedoch für das Kind der Hort möglicher Sicherheit, ein ‚sicherer Hafen‘ in dem es immer anlegen und sich wertgeschätzt fühlen soll. Nur so kann es dort den Mut zu Bindungen und Vertrauen entwickeln. Pflegeeltern sollten daher die schulischen Dinge nicht als beziehungsbestimmend zulassen.

6. Überlegung: Stärkung des Selbstwertgefühls des Kindes - Erkennen von Selbstwirksamkeit

Mit dem Kind darüber nachdenken, wie sein Verhalten in der Schule auf die anderen wirkt. Will das Kind das so oder wie könnte es dieses Verhalten ändern?
Auch darüber sprechen, aus welchen Gründen dem Kind manches schwer fällt, damit es sich selbst besser verstehen und einschätzen lernt.

7. Überlegung: An das Kind glauben.

Der Mensch entwickelt seine Bedeutung aus dem Verhalten und den Erwartungen seiner Mitmenschen.

8. Überlegung: Hilfe durch äußere Strukturen, Rituale und Grenzen

Viele Kinder können Grenzen nicht wahrnehmen. Grenzen werden von Menschen gesetzt. Kinder wachsen in der ihnen vertrauten Umgebung mit den dort gültigen Gesetzen wie selbstverständlich auf. Sie haben diese Grenzen dann nach einer gewissen Zeit in sich aufgenommen.
Kommt das Kind in eine Pflegefamilie, muss die Pflegefamilie daher erst einmal ihre eigenen Grenzen deutlich machen, diese dann klar formulieren und auf deren Einhalten bestehen. Das Kind kennt diese Grenzen nicht und muss sie erst einmal erkennen. Ebenso ist es in der Schule.
Je größer das innere Chaos des Kindes ist, desto deutlicher müssen die äußeren Grenzen und Strukturen sein und desto sinnvoller sind die immer wiederkehrenden Rituale, auf die das Kind sich verlassen kann.
Erst durch Sicherheit, Beziehung, Klarheit und Erfahren von konsequentem Verhalten kann das Kind Grenzen wahrnehmen und sie dann auch übernehmen.

9. Überlegung: Bereit sein Hilfe anzunehmen und einzufordern

Hilfreich sind natürlich immer Gespräche mit Fachleuten und anderen Pflegeeltern, ebenso wie Fortbildungen. Hilfreich sind jedoch auch Erleichterungen im Alltag z.B. in einer Phase größter familiärer Auseinandersetzungen um Hausaufgaben macht es Sinn, die Hilfe bei der Erledigungen der Hausaufgaben eine Zeit lang von den Pflegeeltern fern zu halten und sie durch Dritte zu gewährleisten. Ein entsprechender Antrag beim Jugendamt kann verdeutlichen, dass die Pflegeeltern als Bindungspersonen für das Kind von grundsätzlichster Bedeutung sind, und tägliche Auseinandersetzungen und Erwartungsdruck von außen diese Bedeutung stark verringern können. Das Kind soll die Erfahrung machen, dass Schule eine Aufgabe ist, die es selbst bewerkstelligen kann - natürlich mit dem Interesse der Pflegeeltern an seiner Seite.

10. Überlegung: Richtige Klasse, richtige Schule?

Selbstverständlich macht es Sinn, auch zu schauen, ob die Klasse oder die Schule selbst für das Kind das Richtige ist. Sehr häufig erleben wir aber, dass sich auch in einer neuen Umgebung nach einer gewissen Zeit alte Schwierigkeiten wieder einschleichen.
Bevor also ein Wechsel angedacht wird, müssen die Probleme genau betrachtet werden.

  • Liegt die Ursache in einer Entwicklung oder Befindlichkeit des KIndes selbst?
  • Liegt die Ursache in einer Unsicherheit der Perspektive?
  • Liegt die Ursache in schwierigen Besuchskontakten und verwirrenden Erwartungen?
  • Liegt die Ursache in einer Veränderung innerhalb der Pflegefamilie?
  • etc.

Zeigt sich klar, dass die Schwierigkeiten durch schulische Gegebenheiten entstehen, dann ist ein Nachdenken über einen Wechsel des Kindes sehr sinnvoll. Es ist wichtig, dass das Kind selbst die angedachten Schritte mit bedenken, nachvollziehen und gutheißen kann.

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