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08.05.2019
Fachartikel

Emotionale Vernachlässigung bei Kindern und Jugendlichen

Formen, Ursachen und Interventionen

Der Artikel erklärt zu erst den Begriff der Emotionalen Vernachlässigung und beschäftigt sich dann mit den Formen emotionaler Vernachlässigung, mit Ursachen und Risikofaktoren emotionaler Vernachlässigung, mit den Folgen emotionaler Vernachlässigung und beschreibt zum Abschluss verschiedene Interventionsmöglichkeiten.

Begriffs(er)klärungen

Um den Begriff einer emotionalen Vernachlässigung inhaltlich beschreiben und als besondere Form der Gefährdung des Kindeswohls bestimmen zu können, erscheint es geboten, sich zunächst zum Begriff einer Kindeswohlgefährdung zu vergewissern.

Kindeswohlgefährdung ist eine „nicht zufällige, gewaltsame psychische und/oder physische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern, Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt.“ (Blum-Maurice, 2000) In diesem Sinne ist eine emotionale Vernachlässigung eine inadäquate oder fehlende Fürsorge bzw. Zuwendung von Eltern, Erziehungsberechtigten oder Dritten dem Kind gegenüber, meist im Zusammenhang mit einem nicht hinreichenden, ständig wechselnden und dadurch nicht sicheren Beziehungsangebot. Mit dieser Beschreibung ist emotionale Vernachlässigung zweifelsfrei der Gruppe psychischen Vernachlässigung und/oder psychischen Misshandlung zuzuordnen. Eine solche emotionale Vernachlässigung ist oft genug auch von einem wenig wertschätzenden sprachlichen Umgang erwachsener Bezugspersonen mit dem Kind begleitet: Ich halt das nicht mehr aus mit dir! Gleich knallt`s! Du machst mich krank! Das wirst du nie kapieren! Du siehst wieder wie eine Sau aus! Wer nicht hören will, muss fühlen! Lass‘ mich doch endlich mal in Ruhe! Wie blöd bist du denn! Geh mir aus den Augen!

Formen emotionaler Vernachlässigung

Neben der sprachlichen Auffälligkeit gibt es jedoch zahlreiche Formen emotionaler Vernachlässigung, die in der Regel häufig in Kombination untereinander oder auch mit anderen Formen der Kindeswohlgefährdung auftreten.

Um emotionale Vernachlässigung in ihrer vielgestaltigen Erscheinung zu illustrieren, folgt eine entsprechende nicht priorisierte Zusammenstellung:

  • keine oder wenig Zuwendung, Liebe, Respekt, Geborgenheit,
  • mangelnde Anregung bzw. Förderung der motorischen, kognitiven, emotionalen, sozialen Entwicklung und damit entsprechender Fähigkeiten,
  • mangelnde Wahrnehmung und Unterstützung des schulischen Lernens,
  • gewährende Eltern bei Schulbummelei und Schulschwänzen,
  • keine Förderung der Ausbildung und des Erwerbs sozialer Kompetenz,
  • keine Hilfen zur Entwicklung von „Lebenstüchtigkeit“ und damit Selbständigkeit sowie zur eigenverantwortlichen Bewältigung von Alltagsanforderungen,
  • keine angemessenes Setzen von Grenzen bzw. keine vorbeugende Belehrung über Gefahren,
  • keine Verhinderung von „Zeugenschaft“ chronischer Partnergewalt zwischen den Eltern,
  • Nachgiebigkeit der Eltern bei Drogenkonsum oder Delinquenz der Kinder,
  • Verweigerung bzw. Verzögerung notwendiger und geeigneter Hilfen bzw. Schutzmaßnahmen.

In Sinne der verschiedenen Erscheinungsformen ist eine emotionale Vernachlässigung eine Beeinträchtigung bzw. Schädigung der Entwicklung der Kinder durch …

  • Ablehnung,
  • Verängstigung,
  • Isolierung oder
  • Terrorisierung …

... beginnend mit …

  • Beschimpfen, Verspotten,
  • Erniedrigen, Ignorieren,
  • Liebesentzug …

… bis hin zu …

  • Einsperren, Isolieren von Gleichaltrigen,
  • Zuweisung der Sündenbockrolle,
  • massive Bedrohungen, Quälen, Todesdrohungen …

… aber auch durch …

  • zu starkes Behüten und Erdrücken eines Kindes,
  • Überforderung durch unangemessene Pflichten und Erwartungen

… und gekennzeichnet durch …

  • massiv gestörte Beziehung und der Folge unsichere Bindung bzw. Interaktionsstörung.

Ursachen und Risikofaktoren emotionaler Vernachlässigung

Die Ursachen bzw. der Ausgangspunkt für eine emotionale Vernachlässigung kann auf verschiedenen Ebenen verortet werden, bezieht sich aber grundsätzlich auf das Vermögen Erwachsener mit bestimmten Bedingungen umzugehen. Diese Bedingungen können bestimmt sein durch die Konstitution der Erwachsenen selbst sowie durch soziale bzw. ökonomische und damit nur bedingt kurzfristig gestaltbare Rahmenbedingungen, aber auch durch die Konstitution des betreffenden Kindes.

In diesem Zusammenhang lassen sich auf der Elternebene u. a. und damit nicht abschließend Bedingungen beschreiben wie:

  • gesundheitliche Faktoren,
  • Überforderungen, Krisensituationen,
  • Krankheiten der Eltern, Depression bis hin zu Borderline-Persönlichkeiten,
  • minderjährige Mütter,
  • Aggression, dissoziale Persönlichkeit insbesondere bei Vätern,
  • eigene Deprivation oder Gewalterfahrungen,
  • mangelndes Wissen und unzureichende Erziehungskompetenz,
  • absichtliches Ignorieren in Verbindung mit Ablehnung des Kindes oder auch
  • übermäßige Berufstätigkeit.

Als sozial bzw. ökonomisch bedingte Aspekte und damit von der Elternebene nicht losgelöst, können beschrieben werden:

  • soziale Isolation,
  • fehlende ökonomische Ressourcen durch Arbeitslosigkeit
  • trotz Berufstätigkeit Armut (geringer Lohn, fehlender Unterhalt) oder
  • beengte Wohnverhältnisse.

Aber auch auf der Kindebene können indirekt Ursachen ausgemacht werden, die in der Folge im Sinne von Risikofaktoren Auslöser für emotionale Vernachlässigung sein können.

Hier wären beispielhaft zu nennen:

  • chronisch kranke, behinderte und früh geborene Kinder,
  • Schreikinder oder
  • „ungewollte“ Kinder (nichtgeplant Schwangerschaften z.B. in Folge von Gewaltsituationen).

Folgen emotionaler Vernachlässigung

In Bezug auf die Folgen einer emotionalen Vernachlässigung haben wir es in der Regel nicht mit einem typischen „Syndrom“ im Sinne von „Wenn, dann!“ bzw. „Ursache und Wirkung“ zu tun.

Die Art und die Schwere der Folgen sind dabei abhängig:

  • von Form und Schwere sowie der Dauer der Vernachlässigung,
  • von der bereits vorhandenen Bindungsqualität,
  • vom familiären und gesellschaftlichen Kontext,
  • von der Gestaltung des entsprechenden Bewältigungsprozess,
  • vom Entwicklungsstand des Kindes bzw. seiner Adoleszenz.

Die bewusste Wahrnehmung der Folgen ist verifizierbar durch:

  • eine entsprechende Fragestellung im Rahmen einer Anamnese sowie
  • Verhaltensbeobachtungen.

Dabei kann grundsätzlich zwischen Kurzeit- und Langzeitfolgen unterschieden werden. Kurzzeitfolgen zeigen sich unmittelbar bis mittelfristig ca. innerhalb 2 Jahren nach der entsprechend auslösenden emotionalen Vernachlässigung. Der Zusammenhang zwischen Ursache (Auslöser) und Wirkung (Folge) ist in der Regel gut rekonstruierbar und ein angemessener Umgang damit oft mit einer guten Erfolgsprognose verbunden. Kurzzeitfolgen sind im Sinne von Auffälligkeit zu beobachten auf der kognitiv-emotionalen Ebene, der somatischen und psychosomatischen Ebene und über das Sozialverhalten. In der folgenden Übersicht sind für das zielgerichtete Erkennen solcher Auffälligkeiten einige Beispiele zusammengestellt. 

AuffälligkeitBeispiele
kognitiv-emotionale Auffälligkeiten
  • Aufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsstörungen (ADS, ADHS)
  • Schulschwierigkeiten
  • depressive Phasen, Angst
  • niedriger Selbstwert
  • selbstverletzendes Verhalten
  • Auffälligkeiten in der Gefühlsregulation
somatische und psychosomatische Auffälligkeiten
  • körperliche Verletzungen,
  • psychosomatische Beschwerden (Atembeschwerden, chronisch gleichzeitige Bauch- und Kopfschmerzen)
  • auffällige Essgewohnheiten
  • Einnässen, Einkoten
Auffälligkeiten im Sozialverhalten
  • Weglaufen, Schwänzen
  • Distanzlosigkeit
  • Rückzugsverhalten
  • Impulsivität
  • mutwilliges Zerstören, Aggressivität
  • Delinquenz

Als Langzeitfolgen erkennen wir anhaltend wiederholte auftretende Folgen und dies nicht unmittel-bar der auslösenden Vernachlässigung sondern nach einer gewissen Latenzzeit. Der „Ausbruch“ er-folgt hier nicht selten in der Pubertät bzw. in der Adoleszenz oder sogar erst im Erwachsenenalter. Gerade im Kontext der Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Jugendhilfe ist die Herstellung eines Ursache-Wirkung-Zusammenhangs häufig nicht mehr möglich, was einen angemes-senen Umgang mit diesen Folgen ungemein erschwert.

StörungBeispiele
posttraumatische Belastungsstörung
  • beharrliches Wiedererleben von Erlebnissen der KM, bewusste Vermeidung von Situationen, die mit KM in Verbindung stehen, an-haltende Symptome erhöhten Erregungsniveaus (Reizbarkeit)
Angststörungen Depression
  • Ängstlichkeit, Angst- und Zwangsstörungen,
  • Unsicherheit, Depression, Schuld- und Schamgefühl,
  • Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle, Einsamkeitsgefühle,
  • Ärgerneigung
Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen
  • Impulsivität, emotionale Instabilität, insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörung aber auch andere Formen
substanzgebundenes Suchtverhalten
  • Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten und/oder illegalen Drogen
selbstschädigendes Verhalten
  • Selbstverletzung
  • Suchtmittelmissbrauch
  • erhöhte Bereitschaft zu Risikoverhalten
somatische und psychosomatische Symptome
  • körperliche Symptome ohne organischen Befund (chron. Bauch-schmerzen, Durchfall, Übelkeit, Brust- u. Gliederschmerzen, Schmerzen im Genitalbereich, erhöhte Inanspruchnahme medizinische Leistungen)
dissoziative Störungen
  • Gedächtnislücken
  • dissoziative Identitätsstörung (früher: multiple Persönlichkeit)
Suizidalität
  • Suizidgedanken, suizidale Handlungen
Schlafstörungen
  • chronische Einschlaf- und Durchschlafstörungen, schlechte Schlafqualität
Essstörungen
  • Magersucht
  • Bulimie
sexuelle Störungen
  • sexuelle Funktionsstörungen
  • unbefriedigte Sexualität
  • häufig wechselnde verschiedene Sexualpartner*innen oder parallel mit mehreren Partnern*innen
  • sexuelle Orientierungsstörungen
  • sexuelles Verhalten mit erhöhtem Risiko zur HIV-Ansteckung
Störungen im sozialen Bereich
  • Furcht oder Feindseeligkeit gegenüber Eltern oder von weiblichen Opfern gegenüber Männern, chron. Unzufriedenheit in intimen Be-ziehungen, Misstrauen
  • bei weiblichen Opfern wieder Tendenz Opfer zu werden und bei männlichen Opfern Tendenz Täter zu werden (z. B. gewalttätiges Verhalten gegenüber LP)
  • transgenerationale Weitergabe von Gewalt (z. B. Übernahme eines gewaltförmigen Erziehungsstils), Probleme der sozialen Anpassung (z. B. dissoziales Verhalten)

Interventionsmöglichkeiten

Unterstützungs- und Hilfsangebote im Kontext emotionaler Vernachlässigung sind grundsätzlich mehrdimensional und ggf. interdisziplinär auszurichten. Diesbezüglich ist grundsätzlich der Bedarf zu prüfen in Bezug auf:

  • sozialpädagogisch-alltagsbegleitende Angebote für Kinder,
  • psychologisch-psychotherapeutische Angebote für Eltern und
  • sozialpolitisch-gesellschaftliche Angebote für die Familien.

In diesem Zusammenhang könnten als soziale bzw. sozialpädagogisch-alltagsbegleitende, psycholo-gisch-psychotherapeutische oder als Maßnahmen, Konzepte bzw. Strategien der Elternarbeit ver-standen werden:

EbeneBeispiele
als soziale bzw. sozialpädagogisch-alltagbegleitende
  • Kooperation verschiedener Dienste (Medizin, Beratungsstellen, Gerichte, ASD, Schule, Polizei...)
  • Einleitung von Hilfen zur Erziehung für Eltern und Kind bzw. Schutz für Kind
  • Familienarbeit: Ressourcenfindung
  • Familienaktivierung  aufsuchende Familienhilfe
  • Familien-Mediation
  • Erziehungsberatung
  • Einleitung stationärer Erziehungshilfen: - Inobhutnahme
  • Heim / WG / Pflegefamilie
  • Prävention: Aufklärung in verschiedenen Berufsgruppen
  • Frühwarnsysteme für Risikogruppen
  • Interventionen in direkten Lebensräumen des Kindes
  • länger dauernde, intensive Begleitung von Familien
psychologisch-psychotherapeutische
  • Förderprogramme
  • Spieltherapie
  • kognitive Therapie
  • Traumatherapien
  • Einzel- und Gruppentherapien
  • Familientherapie
  • Elternarbeit
Elternarbeit – besondere Anforderungen an die Hilfe- und Schutzplanung
  • Krisenintervention zur Entlastung von Familienkonflikten
  • Aufbau von Vertrauen in Helfer*innen und andere Bezugspersonen
  • Verbesserung des chronisch entwerteten Selbstwertgefühls
  • Abbau der sozialen Isolation
  • Bereitstellung eines positiven Modells für die Kindererziehung
  • Bearbeitung elterlicher Fehlerwartungen gegenüber dem Kind
  • Aufbau von Erziehungstechniken
  • Information über Kindererziehung und -entwicklung
  • Vermittlung von Einsicht in den Generationszyklus von eigenen Kindheitserfahrungen und Verhalten gegenüber dem Kind
  • Bearbeitung der elterlichen Fehlwahrnehmung des Kindes
  • Erfahrung von Freude aus unmittelbarem Umgang mit dem Kind

Der Autor ist tätig in der Fachstelle Kinderschutz im Lande Brandenburg 

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