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20.05.2022
Fachartikel

Erwartungen von Pflegeeltern

Pflegeeltern sind Personen, die sich auf einen seltsamen Weg gemacht haben: Sie bieten sich als Familie für ein Kind an – werden dadurch eine Maßnahme der Hilfe zur Erziehung der Jugendhilfe – bekommen für ihre Tätigkeit ein Pflegegeld – bleiben aber Familie und weisungsungebunden durch das Jugendamt – haben nur begrenzte Rechte – haben viele Pflichten und sitzen nicht selten zwischen den Stühlen.

Themen:

Pflegeeltern wünschen sich erst einmal grundsätzlich, dass sie jemand versteht und unterstützt und dies erhoffen sie sich vom Pflegekinderdienst, bzw. den die Pflegefamilie betreuenden Sozialarbeitern.

Doch was erwarten Pflegeeltern genauer? Auf was wollen sich Pflegeeltern verlassen können?

Ernstnehmen ihrer Motivation zur Aufnahme eines Pflegekindes

Pflegeeltern möchten, dass ihre Motivation zur Aufnahme eines Pflegekindes ernst genommen wird und dass diese bei der Vermittlung eines Kindes grundsätzliche Beachtung findet.

Ein Teil der Pflegeeltern sind kinderlose Paare, die gern mit einem Kind leben möchten. Häufig sind sie über die Schwierigkeiten einer fast nicht möglichen Adoption zur Pflegekindschaft gekommen. Die Aufnahme eines Kindes verändert ihr Leben in besonderem Maße, denn sie erhalten durch dieses Kind etwas, was sie sich inständig wünschen: eine neue Rolle in ihrem Leben, die Rolle von Vater und Mutter. Kinderlose Paare werden durch die Aufnahme von Pflegekindern zu Eltern und -noch dazu- zu Pflegeeltern.

Ein weiterer Teil der Pflegeeltern sind Paare, die bereits Eltern sind. Sie haben meist leibliche Kinder, manchmal auch Adoptiv- oder Pflegekinder. Sie haben noch Platz im Haus und im Herzen, und sind bereit, sich auf neues und auch schwieriges einzulassen.

Ein weiterer Teil der Pflegeeltern sind sowohl persönlich als auch beruflich motiviert. Sie sehen die Aufnahme eines Pflegekindes als Teilberufstätigkeit an. Diese Pflegeeltern haben eine professionelle Ausbildung und arbeiten häufig als so genannte professionelle Pflegefamilie und sind bereit, besonders entwicklungsgestörte Kinder aufzunehmen.

Pflegeelternbewerber erwarten eine fachliche und passende Vermittlung.

Eine passende Vermittlung kann aber nur möglich sein, wenn der Pflegekinderdienst sowohl genügend über die zukünftigen Pflegeeltern selbst als auch über das Kind weiß.
Die Bewerber müssen daher die Erfahrung machen dürfen, dass sie gegenüber den Vermittlern offen und ehrlich sein können – ja sogar müssen. Nur so ist es den Vermittlern möglich zu erkennen, für welches Kind sie die geeigneten Pflegeeltern sein würden.

Pflegeeltern wollen wissen, unter welchen Bedingungen sie tätig sind

Pflegeeltern wollen die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit wissen. Sie wollen wissen, wer, wann, was zu sagen und zu entscheiden hat. Hierzu sind besonders die Vorbereitungsseminare geeignet. Inzwischen sind Vorbereitungsseminare für alle Bewerber obligatorisch. Oft sind diese Seminare jedoch über Informationen zu den rechtlichen und jugendamtlichen Rahmenbedingungen der Pflegekinderschaft nicht ausführlich genug. 

Pflegeeltern erwarten, dass sie von den Vermittlern über die Vorgeschichte des Kindes aufgeklärt werden.

Neben der fachlichen Einschätzung durch die Vermittler müssen die Pflegeeltern selbst in die Lage versetzt werden zu erkennen, welches Kind in ihre Familie passen würde – was sie sich und den Kindern, die schon in ihrer Familie leben zutrauen und zumuten können. Es ist also nicht nur bedeutsam, die Lebensgeschichte des Kindes zu erfahren, genau so wichtig ist es, sich darüber klar zu werden, wie diese Lebensgeschichte des Kindes sich in der Pflegefamilie ausdrücken wird. Wie wird sich die Pflegefamilie in ihrem Alltag verändern müssen, um den Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden?

Die Pflegeeltern erwarten, dass auch die anderen Kinder in der Familie für die Sozialarbeiter des Pflegekinderdienstes wichtig sind.

Oft leben in einer Pflegefamilie leibliche Kinder und Pflege- oder Adoptivkinder. Um eine tragfähige Pflegevermittlung zu ermöglichen, ist es unbedingt notwendig, dass auch deren Bedürfnisse, Fragen und Interessen eine Rolle spielen und nicht nur das neue Pflegekind allein Bedeutung hat. Ein 14Jähriger beschwerte sich einmal bei mir, dass er nur zum Kaffeekochen gebraucht wird, wenn die Sozialarbeiterin zum Gespräch kommt „Dabei“ meinte er „ brauch ich doch nur mit dem Finger zu schnippsen und das Pflegekind müsste gehen“.

Pflegeeltern wünschen sich, dass die Sozialarbeiter ihre Pflegekinder besser kennen lernen.

Viele Pflegeeltern fänden es gut und hilfreich, wenn die betreuende Sozialarbeiterin das Pflegekind besser kennen lernen könnte. So könnte sie manches besser verstehen und individuellere Hilfen geben. Pflegeeltern finden es förderlich, wenn das Pflegekind seine Sozialarbeiterin mag und eine eigenständige Beziehung zu ihr hat. Es ist ihnen jedoch wichtig, dass die Erwachsenen um das Kind herum, und hier besonders der Pflegekinderdienst, nicht an ihnen vorbei arbeitet, sondern Handlungen und Ziele für das Kind mit ihnen abstimmen.

Pflegeeltern erwarten, dass der Pflegekinderdienst hinter ihnen steht – auch in schwierigen Situationen.

Pflegeeltern haben die Vorstellung, dass der Pflegekinderdienst eher die Interessen der Pflegefamilie und der Allgemeine soziale Dienst eher die Interessen der Herkunftseltern vertritt. Pflegeeltern erleben nicht selten, dass die unterschiedlichen Abteilungen der Jugendämter auch unterschiedliche Vorstellungen oder Ziele für das Pflegekind im Kopf haben. Solche Unklarheiten verwirren und die Pflegeeltern wünschen sich klare Positionen besonders ihrer Sozialarbeiter.
Pflegeeltern erwarten auch, dass der Pflegekinderdienst ihnen bei Schwierigkeiten des Kindes in der Schule, bei Nachbarn, Vereinen etc. zur Seite steht und ihre Position stärkt.

Pflegeeltern wünschen sich Partner sein zu dürfen in einem auf das Kind hin orientierte Team

Pflegeeltern erwarten, als ebenbürtig und als Experten für dieses Pflegekind akzeptiert und anerkannt zu werden. Sie wollen im Orchester der Beteiligten auch ein Leitinstrument spielen, denn die Leitmelodie des Kindes entwickelt sich bei ihnen, entwickelt sich im Alltag der Pflegefamilie.

Pflegeeltern hoffen, dass sie ihre Sorgen um das Pflegekind, und um eigene Kräfte und Möglichkeiten offen äußern dürfen.

Pflegeeltern verstummen, wenn Äußerungen über Schwierigkeiten zu der Frage führen, ob sie sich durch das Kind überfordert fühlten und ob sie es mit ihm noch schaffen. Pflegeeltern wünschen sich, dass ihre betreuenden Sozialarbeiter verstehen, dass es manchmal mit dem Pflegekind sehr schwer sein kann und zwar so schwer, dass sie auch eine Trennung nicht mehr ausschließen. Sie wünschen sich sehr, dass die Sozialarbeiter mit ihnen darüber nachdenken, welche Wege es geben würde, um aus diesem Dilemma herauszufinden und ob eine zeitweise räumliche Trennung auch hilfreich sein könnte z.B. eine zeitweise Unterbringung in einem Internat – mit Erhalt der Pflegefamilie als die Familie des Kindes.

Pflegeeltern hoffen, dass sie nicht einfach gestrichen sind, wenn es zu einer Beendigung des Pflegeverhältnisses kommt.

Pflegeeltern hoffen auf Zuspruch und Verständnis auch nach der Beendigung eines Pflegeverhältnisses – besonders wenn die Beendigung ungeplant und plötzlich kam.

Pflegeeltern hoffen, dass ihre Erfahrungen, ihr Können und ihre Forderungen einfließen in die Arbeit des Pflegekindeswesens vor Ort und auch überörtlich.

Da die einzelne Pflegefamilie dies nicht leisten kann, legen Pflegeeltern Wert auf die Einbindung ihrer örtlichen und überörtlichen Initiativen und Verbände in Planungen und Überlegungen zum Pflegekinderwesen. Die vom Gesetzgeber geforderte Unterstützung ihrer Zusammenschlüsse bedeut für die Pflegeeltern eine ganze Menge. Dieses politische „Gewolltsein“ und die darin empfundene Anerkennung ihrer Tätigkeit beeindruckt und ermutigt die Pflegeeltern. Wenn ihre örtlichen und überörtlichen Vertretungen an Empfehlungen und Konzepten mitarbeiten „dürfen“, so bedeutet dies für die Pflegeeltern eine neue Form der Kompetenz und Partnerschaft.

Pflegeeltern erwarten, dass der Pflegekinderdienst ihnen Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Pflegeeltern gibt.

Pflegeeltern möchten zusätzlich zur Fachlichkeit und zum Engagement des Pflegekinderdienstes mit Anderen sprechen, die wie sie selbst ihren Alltag mit Pflegekindern leben und daher wie sie eine besondere Lebenssituation erfahren. Pflegeeltern hoffen, dass die Fachkräfte verstehen, dass sie daher manches lieber mit anderen Pflegeeltern besprechen als mit ihnen. Ein Engagement in einer Pflegeelterngruppe oder einem Verein richtet sich nicht gegen jemanden sondern will die (Selbst)Hilfe für die Pflegefamilie fördern und stärken.

Der Pflegekinderdienst braucht die Pflegeeltern – existenziell.

Pflegeeltern brauchen einen Pflegekinderdienst. Sie brauchen Fachlichkeit, die sie unterstützt, berät und begleitet - sei es durch ein Jugendamt oder durch einen Freien Träger der Jugendhilfe. Pflegeeltern und Pflegekinderdienst müssen von ihrem Jugendamt erwarten, dass ihnen Standards der Beratung und Betreuung gewährt werden, mit denen sie ihre Aufgaben im Sinne des Wohls und Schutzes des Pflegekindes auch erfüllen können.

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