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13.06.2022
Fachartikel

Das Gestern im Heute - die Vorgeschichte des Pflegekindes im Hier und Jetzt.

Kinder kommen mit ihren Lebenserfahrungen in die Pflegefamilie und diese Erfahrungen prägen ihre Gefühle und ihr Verhalten.

Die überwiegende Mehrheit aller Kinder erleben fürsorgende Eltern, auf die sie sich verlassen konnten. Dies bringt den Kindern Vertrauen (Urvertrauen), Zugehörigkeitsgefühle, sichere Bindungen, Offenheit der Welt gegenüber. Die Familie kann aufeinander bauen, sie kann einander vertrauen. Man „kennt“ sich eben. Mit diesen positiven Erfahrungen sehen die Kinder sich selbst und gehen vertrauensvoll in die Welt.

Leider haben nicht alle Kinder diese Erfahrungen gemacht, so zum Beispiel Pflegekinder. Pflegekinder sind Kinder mit Erfahrungen von Vernachlässigung, von Gewalt, von sexuellem Missbrauch - oft in schweren Ausmaßen. Sie haben Erfahrungen gemacht mit Trennungen, mit Desinteresse, mit Lieblosigkeit. Diese Erfahrungen prägen das Kind - insbesonders im Hinblick auf seine Einschätzung von sich selbst und seine Sicht der Welt. Solche Erfahrungen sind für die Kinder  überwältigend, nicht einschätzbar. Sie können nichts mitbestimmen. Sie fühlen sich hilflos ausgeliefert, hoffnungslos verlassen, ohne Macht und ohne Aussicht einer Veränderungsmöglichkeit. Sie haben vor diesen Geschehen noch keine Muster in ihrem Leben entwickeln können, mit denen sie diesem Erleben gegenüber treten könnten. Ihre Erfahrungen prägen sie und häufig traumatisieren diese sie auch. Dies gilt im besonderen Maßen für frühkindliche, andauernde Lebenserfahrungen. 

Auswirkungen

Solche Erfahrungen haben natürlich Auswirkungen auf das Kind und sein Verhalten. Es überträgt selbstverständlich seine bisherigen Erfahrungen mit Menschen der Vergangenheit auf die Menschen der Gegenwart. Nur das kennt es. Etwas anderes ist ihm nicht vorstellbar.

So kommen die Kinder in die Pflegefamilien. Dort erleben wir sie mit einer Vielzahl von Verhaltensweisen, Gefühlen und Erwartungen.

Die Gefühle und das Verhalten bauen gewissermaßen aufeinander auf - entstehen, weil ein GRUNDgefühl z.B. das Vertrauen Erwachsenen gegenüber, nicht vorhanden ist. Dies wiederum beeinflusst das Selbstwertgefühl, die Beziehungsmöglichkeiten, die Einschätzungsfähigkeit, das "sich-fallen-lassen-können". Das mangelnde Vertrauen ist das A und O und der Schlüssel des kindlichen Verhaltens. Es zeigt sich im Alltag des Kindes, in seinem Denken, seinen Erwartungen, seiner Sicht der Welt. 

Pflegeeltern und die sie begleitenden Fachkräfte und Beteiligte der Pflegekinderhilfe erleben dies und die Kinder sind so dringend darauf angewiesen, dass sie das Verhalten des Kindes auch richtig interpretieren und verstehen können!

Verhalten des Pflegekindes mit schwieriger Vorgeschichte
  • wenig Vertrauen (Misstrauen)
  • alles unter Kontrolle haben müssen
  • negatives Selbstwertgefühl ( Schuldgefühle – ich bin schuld dass mir dies passiert ist)
  • Beziehungsstörungen (mit allen mitgehen – Fremde zu nah heranlassen, Pflegeeltern außen vor lassen)
  • Ängste ( massive)
  • Verwirrungen (extreme Gefühle hin und her)
  • Loyalitätskonflikte (es allen recht machen wollen)
  • Entwicklungsverzögerungen (Blockaden)
  • Anwenden von bisherigen Überlebensstrategien – Überlebenstechniken, die nun nicht mehr passen. (Alles allein machen, keinen fragen wollen).  
  • Werte können nicht erfahren, angenommen und umgesetzt werden
  • Grundmangelgefühl (NIE genug zu bekommen)
  • Gefühl: Leben ist Kampf
  • Missverstehen der Gefühle anderer (z.B. Pflegeeltern, die nicht konsequent handeln werden als weich und schwach empfunden)
  • Wahrnehmungsprobleme ( kein Erkennen von Gefahren, schmerzunempfindlich etc.)
  • Häufig: Schwierigkeiten mit vorausschauendem Denken (sich von etwas ein Bild machen und Zusammenhänge erkennen können)
  • Konzentrationsprobleme – Unruhe
  • Mangelnde Möglichkeiten, sich in jemanden einfühlen zu können oder
  • Extremes Einfühlungsvermögen bei Menschen, von denen das Kind sich abhängig fühlt (z.B. misshandeltes Kind)
  • Extremes Verhalten, oft schwankend: Aggression – depressives Verhalten
  • Unrealistische Einschätzung von sich selbst
  • Unrealistische Einschätzung von anderen
  • Große Verführbarkeit – große Abhängigkeit von der Einschätzung durch Andere
Übertragungen dieser Befindlichkeiten im Alltag der Pflegefamilie

Das Besondere beim Umgang mit Pflege-/Adoptivkindernkindern ist die Tatsache, dass diese Kinder auf die neuen Pflege/Adoptivfamilien ihre alten Erfahrung mit „Familie“ mit „Eltern“ übertragen. Auch nach der Phase der Eingewöhnung benutzen sie ihre bisherigen Lebensstrategien weiter.

Sie haben dadurch:

  • Essensprobleme – Horten, Klauen, Überfressen etc.(Vernachlässigungserfahrungen)
  • Verlassenheitsprobleme – nicht allein bleiben können – wann kommst du wieder? – gesucht werden wollen.
  • Vertrauensprobleme: bisherige Erfahrung von nicht verlässlichen Eltern, die ihren Elternfunktionen ( versorgen, schützen,fördern, Da-Sein) nicht gerecht wurden. Was muß ich mit DIR tun, damit DU mich auch verlässt?
  • Beziehungsprobleme – besonders gravierende Auswirkungen, da im kindlichen Leben eigentlich alles über Beziehung läuft.
Mögliche Veränderung des Kindes?

Das Verhalten des Kindes ändert sich erst, wenn sich seine Sicht auf die Welt verändert. Wenn es beginnt sich selbst anders zu sehen, wenn es beginnt, anderen Menschen zu glauben. Das Zauberwort heißt: VERTRAUEN. Wir wissen, dass die Kinder verschiedene Schritte in der Pflegefamilie gehen. Erst Eingewöhnung mit großer Angepasstheit. Dann Konfrontation und Übertragung alter Erfahrungen auf die neue Lebenssituation. Eine Zeit mit Hürden und Konflikten. Dann schaffen es eine Anzahl der Pflegekinder, sich an die Pflegefamilie zu bingen. Es erwächst Vertrauen, Zukunftsglauben, Bindung. (Leider ist dieser letzte Schritt nicht allen Pflegekindern möglich. Manche hoch traumatisierte Kinder können diese Hürde nicht überspringen. Sie verharren in ihrer Angst und ihrer Unsicherheit). 

Pflegekinder haben Grundfragen an ihre neuen Eltern, der Antwort im Alltag eine neue Beziehung ermöglichen könnte:

  • kann ich mich auf dich verlassen,
  • tust Du was du sagst,
  • kannst du mich schützen,
  • bin ich dir wichtig

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