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13.01.2020
Fachartikel

Mediation mit Pflege- und Herkunftsfamilien zur gelingenden Förderung und Entwicklung von Pflegekindern

Bei der Versorgung, Förderung und Entwicklung für die betroffenen Pflegekinder können bei den Pflege- und Herkunftsfamilien und bei der Jugendhilfe unterschiedliche Sichtweisen, Erwartungen und Anforderungen bestehen. Die hier vorgestellte Masterarbeit geht der Frage nach, ob ein Einsatz von Mediation zwischen Pflege- und Herkunftsfamilien vielleicht in diesem Spannungsfeld helfen und befriedigende und nachhaltige Lösungen und Entscheidungen bringen kann.

Einleitung der Masterarbeit

I. Intention der Arbeit

Wenn Kinder zu ihrem Schutz in eine Pflegefamilie zur Vollzeitpflege untergebracht werden müssen, entstehen ein Pflegeverhältnis, neue komplexe Familienformen und störanfällige Beziehungen zwischen beiden Familien. Durch die zu klärende Gestaltung der Beziehung und der Umgangsregelungen zwischen den Herkunfts- und Pflegefamilien können Konflikte entstehen, die selbst den gesetzlichen Auftrag beeinträchtigen können, Familien zu stärken und dem Kind das Recht auf Erziehung und Förderung seiner Entwicklung sicherzustellen.

Das erforderliche Zusammenwirken des Jugendamtes, der Pflegeeltern und der Herkunftseltern stellt hohe Anforderungen an die Beteiligten zu einer gelingenden Kooperation. Das Jugendamt mit seinem Wächteramt als Hüter zum Schutz des Kindeswohls und Träger der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe hat in diesem Kreis der Beteiligten den gesetzlichen Auftrag gemäß SGB VIII, beide Familien mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten zu begleiten.

Pflegefamilien jedoch erleben sich dabei teilweise in der Funktion eines Dienstleisters, der bei Entscheidungen wenig gehört und einbezogen wird.

Ebenso sind die Herkunftseltern nach der Herausnahme ihrer Kinder aus der Familie häufig nicht mehr in die Erziehung ihrer leiblichen Kinder eingebunden. Möglicherweise verweigern die Herkunftseltern gar aufgrund der emotional hoch belasteten Umstände die Kooperation mit dem Jugendamt und den Kontakt mit den Pflegeeltern. Bei der Versorgung,
Förderung und Entwicklung für die betroffenen Pflegekinder können bei den Pflege- und Herkunftsfamilien und bei der Jugendhilfe unterschiedliche Sichtweisen, Erwartungen und Anforderungen bestehen. Der Einsatz von Mediation zwischen Pflege- und Herkunftsfamilien kann vielleicht in diesem Spannungsfeld helfen, befriedigende und nachhaltige Lösungen und Entscheidungen bringen, die dem Schutz und dem Wohl der betroffenen Kinder dienen.

Aus diesen Überlegungen entwickelte sich folgende Forschungsfrage, deren Bearbeitung und Beantwortung Gegenstand der Masterarbeit sind:
Kann Mediation im Bereich Pflegekinderwesen wirksam eingesetzt werden, um eine konstruktive Zusammenarbeit von Pflegefamilie, Jugendamt und Herkunftsfamilie zum Wohl des Kindes zu erreichen?

Wenn diese Frage bejaht werden kann, sollen in der Arbeit anschließend mögliche Rahmenbedingungen geklärt und eine Handlungsempfehlung für einen möglichen Umsetzungsprozess beschrieben werden.

Fazit der Masterarbeit/Studie

Das Beziehungssystem Herkunftsfamilie – Pflegekind – Pflegefamilie kann man als Hochrisikogruppe für Konflikte einstufen. Die doppelte Elternschaft, die daraus resultierenden Rollenkonflikte und dazwischen ein oft in seiner Psyche verletztes Kind, das in diesem Spannungsfeld dennoch ein Recht auf eine gesunde und gelingende Forderung seiner Entwicklung hat, ist eine enorme Herausforderung fur alle Beteiligten. Es gibt dazu aber kein Standardmodell für derartige Familienformen, an dem man sich bei Konflikten orientieren kann.

Daraus hat sich die Forschungsfrage entwickelt, ob Mediation als Konfliktloseverfahren für dieses Spannungsfeld geeignet sein kann. Der derzeitige Stand der Forschung im Pflegekinderwesen allerdings beantwortet diese Frage bis auf einige wenige Ansätze nicht. Auch Fachorganisationen und Verbände berichten über manche Einzelergebnisse aus dem familientherapeutischen Bereich fur das Gelingen von Pflegeverhältnissen. Mediation aber als Möglichkeit der Konfliktlosung wird nur vereinzelt erwähnt. Eine Zusammenarbeit zwischen Herkunftsfamilien und Pflegefamilien wird zwar von allen Experten angeraten, Standards oder beschriebene Vorgehensweisen für einen Einsatz von Mediation aber liegen jedoch nicht vor.

Im Bereich der Jugendämter gibt es vereinzelt Mediationsangebote, meist im Rahmen von Trennungs- und Scheidungsthemen. Teilweise werden auch mediative Ansätze mit eigenen Konzepten für Begleitung von Pflege- und Herkunftsfamilien bei Auseinandersetzungen genutzt. Oft aber werden die ekannten Vorgehensweisen mit Beratungsarbeit, mit Einzelgesprächen oder der Einsatz der Familiengerichte bei Konflikten erwähnt.

Informationen über Mediation, Auffrischungen oder Schulungsmassnahmen für Mediation, als eine Fortbildungsmassnahme im Pflegekinderdienst, werden demnach nicht ausreichen, um die Potentiale von Mediation im Bereich Pflegekinderwesen optimal umzusetzen. Die Aussagen der Teilnehmer zeigen, dass ein schnell installiertes Mediationsangebot  im Jugendamt neben den heute üblichen praktischen Methoden und Vorgehensweisen bei Konflikten weiterhin keine grössere Verbreitung finden wird, wenn man erforderliche Rahmenbedingungen für Mediation nicht berücksichtigt und nicht umsetzt.

Es ist demnach ein für das jeweilige Jugendamt passendes Konzept zu berücksichtigen, das z. B. Fragen der Organisation, des verfügbaren Personals, der Fallverantwortung zwischen ASD und PKD und der notwendigen Einbindung von Mediation in ein Netzwerk der beteiligten Fachkräfte klart. Fur eine erfolgreiche Einführung von Mediation ist demnach eine konzeptionelle Vorgehensweise im Bereich des Pflegekinderwesens anzuraten. Da bei einem Konzept auch personelle Fragen und Themen der Organisation erörtert werden sollten, welche in der Verantwortung der Führungskräfte der Jugendämter liegen, muss die Leitungsebene des Jugendamtes für ein Mediationsprojekt gewonnen und in die Projektführung mit einbezogen werden.

Die vielen Teilnehmermeinungen aus den Freitextfeldern zeigen deutlich, dass ein grosses Fachwissen in der Problematik von Konflikten zwischen beiden Familien vorliegt. Mit diesem Potential hat man jedoch bereits die Basis und Voraussetzung, eigene passende Konzepte im jeweiligen Jugendamt zu entwickeln und diese dann im Rahmen eines Projektes umzusetzen.

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis ......................................................................... 3
Abbildungsverzeichnis .......................................................................... 4
Tabellenverzeichnis ............................................................................... 6
A. Einleitung .................................................................................... 7
I. Intention der Arbeit ................................................................... 7
II. Vorgehensweise ....................................................................... 8
B. Stand der Wissenschaft .............................................................. 9
I. Mediation in Pflegeverhältnissen aus Sicht der
Pflegekinderforschung ............................................................... 9
II. Mediation in Pflegeverhältnissen aus der Sicht von
Fachorganisationen, Verbänden und Experten ....................... 10
III. Zwischenfazit – Abschnitt B ................................................... 13
C. Pflegekinder und ihre Familien .................................................. 13
I. Pflegekinder in Deutschland ................................................... 13
II. Situation der Herkunftsfamilien ................................................ 15
III. Situation der Pflegefamilien ..................................................... 17
IV. Rollenkonflikte der Familien .................................................... 20
D. Kinder- und Jugendhilfe im Pflegekinderwesen ..................... 21
I. Gesetzlicher Auftrag der Jugendhilfe ...................................... 21
II. Rechtliche Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten für
Mediation in der Kinder- und Jugendhilfe ............................... 22
III. Mediation im Pflegekinderwesen ............................................ 25
IV. Zwischenfazit – Abschnitt C/D ................................................ 28
E. Empirische Befragung der Jugendämter in Deutschland ...... 29
I. Methode und Statistik .............................................................. 30
II. Auswertung der empirischen Befragung ................................. 33
III. Methodenkritik und Schlussfolgerung ..................................... 33
F. Ergebnisse der Befragung ........................................................ 35
I. Auswertung der Fragegruppen ............................................... 35
1. Verhältnis zwischen Herkunfts- und Pflegeeltern ..... 35
2. Spannungen zwischen Pflege- und Herkunftseltern .. 36
3. Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- u. Pflegeeltern 37
4. Pflegekinderdienst und Konflikte ................................ 38
5. Pflegekinderdienst und Mediation .............................. 40
6. Mediation und Kritik .................................................... 42
7. Mediation und Pflegekinder ........................................ 44
2
8. Mediation und Einsatz ................................................ 45
9. Rahmenbedingungen ................................................. 47
10. Organisation ............................................................... 49
11. Mitarbeit ...................................................................... 50
12. Allgemeine Fragen ...................................................... 52
II. Bewertung der Ergebnisse ...................................................... 54
1. Überprüfung der Forschungsfrage ............................. 54
a) Prüfung der Geeignetheit von Mediation im
Pflegekinderdienst .......................................... 54
b) Ergebnis der Überprüfung ............................... 59
2. Gestaltung der Rahmenbedingungen ......................... 60
a) Setting ............................................................. 60
b) Kosten/Nutzen ................................................ 61
c) Klärung der Fallverantwortung ........................ 62
d) Organisation und Mediatoren ......................... 64
e) Aus- und Fortbildung für Fachkräfte ............... 65
f) Einbezug der Kinder in die Mediation ............. 66
g) Umgang mit überwiesenen Fällen .................. 69
III. Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Befragung ......... 70
G. Fazit ............................................................................................. 72
H. Handlungsoptionen ................................................................... 73
Anhang..................................................................................................... 76
Anhang 1: Wortbeiträge der Teilnehmer zu den Freitextfragen ... 76
Anhang 2: Anschreiben an Teilnehmer......................................... 91
Anhang 3: Online Fragebogen ..................................................... 93
Anhang 4: Mediationsgesetz Stand 2017..................................... 108
Anhang 5: Was ist Mediation? ..................................................... 111
Anhang 6: Inhalt des Datenträgers .............................................. 112
Literaturverzeichnis............................................................................... 113
Erklärung über selbstständige Bearbeitung ...................................... 119

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