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01.08.2010
Fachartikel

Problematisches Verhalten

Auffälliges Verhalten von Pflegekindern hat verschiedene Ursachen. Besonders unvorhergesehene und unbeeinflussbare Veränderungen führen dazu, dass sich Kinder auffällig verhalten.

Die neue Familie, in der das Pflege/Adoptivkindes nun lebt, passt nicht zu seinen bisherigen Lebenserfahrungen. Das neue Lebensumfeld wird daher vom Kind nicht verstanden. Um verstehen zu können wird das, was das Kind in der neuen Familie erlebt auf seine bisherigen Erfahrungen mit Familie umgedeutet.

Leichter ist es die Welt zu verstehen wenn sie abläuft wie immer. Schwieriger ist es, die Welt zu verstehen, wenn sie sich verändert - und noch schwieriger ist das Verstehen, wenn ich auf diese Veränderung keinen Einfluss habe.

Das Verhalten des Kindes hat natürlich einen ursächlichen Zusammenhang mit dem, was es in seiner Ursprungsfamilie erlebt hat, also mit dem „früher“. Das Verhalten hat aber auch viel zu tun mit dem „Hier und Jetzt“ also mit dem, wie die jetzigen Erwachsenen um das Kind herum auf sein Verhalten reagieren.

Problematisches Verhalten löst beim Gegenüber meist eine Reaktion aus:

a) eine Reaktion IN der Situation

  • Ich kann drohend, bestrafend, herabsetzend reagieren
  • Ich kann ermutigend, einfühlend reagieren
  • Ich kann das Ganze beobachten, ignorieren, abbrechen oder ermahnen.

b) eine Reaktion ÜBER bzw. NACH der Situation
Hier kann ich mit dem Kind darüber reden, ihm meine Unterstützung anbieten.

Eltern müssen entscheiden, OB, WANN und WIE sie auf das problematische Verhalten eines Kindes reagieren. Meine Art der Antwort auf sein problematisches Verhalten wird auch das Kind wieder zu einer entsprechenden Reaktion bewegen.

Verhaltensauffälligkeiten sind für das Kind sinnvoll und machen Sinn.

Ein auffälliges Verhalten ist eine Antwort, eine Lösung des Kindes auf ein Problem, dem es nicht anders zu begegnen weiß. Es sucht eine Lösung und hat sich dabei vergriffen. Es will nicht böse oder schlecht, aufmüpfig oder aggressiv sein, es weiß nur nicht den richtigen Weg.

Wenn die Pflege- und Adoptiveltern, die ja die Experten für ihre Kinder sind, dies so sehen können, dann fühlen sie sich weniger provoziert und erkennen, dass das Kind Lösungen für ein Problem sucht – genau wie sie selbst.

Nachfolgend einige Beispiele zum Umgang mit problematischen Verhalten:

Konflikte

In Konflikten geraten Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen über eine Sache. Die Lösung solcher Konflikte kann durch eine Veränderung eines der Beteiligten oder aller Beteiligten gesucht werden.

Bei Konflikten mit Kindern wird durch erzieherisches Verhalten der Erwachsenen versucht, das Kind sozial verträglicher zu machen. Hilfreich ist auch die Veränderung des anderen Beteiligten am Konflikt – hier den Pflege- und Adoptiveltern. Sie können lernen vom Kind nur Dinge zu erwarten und zu fordern, die es auch leisten kann. Eine weitere Lösung ist die Angleichung der unterschiedlichen Vorstellungen und Möglichkeiten des Kindes und der Erwachsenen hin zu einem gemeinsam getragenen Kompromiss.

Sowohl die Veränderung des Kindes, als auch die Veränderung der Erwachsenen als auch eine gemeinsame Kompromisslösung sind wirklich nicht einfach und dauern oft eine lange Zeit des miteinander Versuchens und Streitens.

Um überhaupt den Alltag mit einem geschädigten Pflege- und Adoptivkind bewältigt zu bekommen stehen seine neuen Eltern erst einmal vor der Aufgabe SICH dem Kind anzugleichen, bevor das Kind in der Lage ist, sich ihnen anzugleichen. Ein langer Weg also.

Zur schnelleren Veränderung von schwierigem Alltagsgeschehen gibt es den Weg, die SITUATION, durch die der Konflikt beständig entsteht, zu verändern.

Beispiele von hilfreicher Veränderung von Konflikten durch Veränderung der bestehenden Situation:

Ein gemeinsames Zimmer
Sie haben drei Kinder. Zwei haben ein gemeinsames Zimmer und streiten sich beständig. Sie versuchen immer wieder den Streit zu schlichten, es ist hoffnungslos.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, die beiden Kinderzimmer anders aufzuteilen? Durch eine veränderte Möblierung das große Zimmer in zwei halbe Zimmer zu verändern? Zwei andere Kinder beieinander wohnen zu lassen? Etc. etc.

Die magnetische Geldbörse
Es zeigt sich, dass Ihr Pflege-/Adoptivkind Geld aus Ihrer Geldbörse nimmt. Sie versuchen es durch Erklärungen, durch die Vermittlung Ihres verletzten Gefühls. Sie appellieren an seine Ehre – alles hilft nur eine sehr kurze Zeit. Sobald das Kind die Börse unbeaufsichtigt sieht, fühlt es sich magisch angezogen. Klären Sie die Situation durch eine deutliche Entscheidung, die Sie dem Kind mitteilen: „ich werde meine Börse jetzt einschließen. Mir geht es damit wesentlich besser und du wirst nicht weiter verführt. Das machen wir jetzt z.B. vier Wochen so, dann werden wir wieder darüber miteinander sprechen“.

Körperliche Empfindungen
Sie haben ein Kind mit Wahrnehmungsproblemen. Ihm ist im Sommer nicht wirklich warm und im Winter nicht wirklich kalt. Es steht mit blau gefrorenen Füssen im Garten und wundert sich über Ihre Aufregung. Sie erklären ihm im Sommer, dass es doch nicht mit Rollkragen und dicker Hose in die Schule gehen kann und im Winter versuchen Sie ihm deutlich zu machen, dass es in Sandalen frieren wird.
Erziehung zur Selbständigkeit her und hin: das Kind ist überfordert – entscheiden SIE sich dazu, ihm am Morgen oder den Abend davor seine Anziehsachen auf einen Stuhl zu legen, so dass es passend angezogen ist. Und sprechen Sie mit ihm über Gefühle, und wie es sich anfühlt warm zu sein oder zu frieren.

Zu viel – zu wenig essen
Sie haben ein vernachlässigtes Kind aufgenommen, das Essenprobleme hat. Es isst Unmengen, hat kein Maß. Weiß nicht wann es satt ist oder Hunger hat. Entscheiden SIE sich dazu, dem Kind die Menge seines Essens zuzuteilen. Beobachten Sie dabei, ob diese Menge für das Kind o.k. ist. Sprechen Sie in ruhigen Momenten mit ihm über das Gefühl von satt sein oder Hunger haben. Vertrauen Sie darauf, dass das Kind langsam lernen wird, und später auch entscheiden kann wie viel es für sich braucht.

Sicherheit geben
Die leibliche Mutter des Kindes war es gewöhnt, jederzeit bei den Pflegeeltern anzurufen und mit ihrem Kind sprechen zu können. Nach der Phase der Eingewöhnung merkten die Pflegeeltern, dass dies das Kind irritierte und es eigentlich die ganze Zeit auf den Anruf der Mutter wartete. Die Mutter schwebte wie übermächtig beständig über dem Kind. Beim nächsten Hilfeplangespräch wurde das Thema angesprochen – die Mutter konnte die Bedenken der Pflegeeltern nicht verstehen.

Es wurden keine entsprechenden Veränderungen in den Hilfeplan aufgenommen. Die Pflegeeltern bemerkten jedoch die Gefühle des Kindes und entschieden sich, dem Kind Sicherheit durch eine veränderte Situation zu ermöglichen: Sie schlossen an diese Telefonnummer einen Anrufbeantworter an. Sie hörten diesen Anrufbeantworter ab und überlegten mit dem Kind, ob und wann es seine Mutter anrufen wollte. Nach anfänglicher Aufregung führte diese Entscheidung der Pflegeeltern zu einer für das Kind verträglicheren Vereinbarung mit der leiblichen Mutter.

Fehlendes Vertrauen und Entwicklung von Vertrauen

Die Kinder, die neu in Pflege-/Adoptivfamilien vermittelt werden haben meist eine schwierige Vorgeschichte, die dazu führt, dass sie kein Vertrauen zu Erwachsenen haben – im Gegenteil, sie misstrauen allem und allen. Sie haben erfahren, dass die Welt nicht verlässlich ist, dass das Leben bedroht wird, dass Hilfe kaum zu erwarten ist, das man auf sich allein gestellt ist. Es gilt eigentlich nur, das ‚hier und jetzt’ zu überleben und zu bewerkstelligen. Das Leben ist ein Kampf. Dies ist die Sicht der Welt dieser Kinder.

Solche Erfahrungen prägen auch Art und Umfang der Hirnreifung des Kindes. Ebenso führen traumatische Situationen zu vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen, die wiederum das kindliche Gehirn auf ständige Alarmbereitschaft polen. Das fehlende Vertrauen zeigt sich durch permanente Anspannung (stark angespannter Körper). Ein „sich fallen lassen“ ist nicht möglich. Das Kind muss alles unter Kontrolle haben und sieht sich nicht in der Lage, den Erwachsenen die Bewältigung des Alltages überlassen zu können.

Fehlendes Vertrauen verhindert Beziehungen und Bindungen. Fehlendes Vertrauen macht das Leben mit anderen Menschen und Kindern in Schule, Verein, Kindergarten und Pflegefamilie fast unmöglich. Es verhindert soziales Verhalten und das Verständnis für Andere. Fehlendes Vertrauen macht extrem einsam, macht die Welt extrem bedrohlich und dunkel.

Es ist daher die oberste Aufgabe der Pflege-/Adoptiveltern, dem Kind Beziehung und Bindung anzubieten, um ihm damit den Weg zu Vertrauen zu öffnen.

Dieser Weg ist nur mit Geduld zu meistern. Er geht nicht immer geradeaus, sondern um Biegungen. Er geht bergauf und bergab. Er stürzt in tiefe Täler um sich dann wieder hoch zu schlängeln. Manchmal gibt es am Wegesrand hilfreiche Stützen und immer wieder steht man schwindelig und allein im starken Gegenwind (z.B. durch Besuchskontakte, Krisen, Erschütterungen).

Sieben Phasen eine Kindes bis hin zum festen Vertrauen

In ihrem Buch „Praxisbuch Pflegekind“ beschreibt Alice Abel sieben Phasen eine Kindes bis hin zum festen Vertrauen und zur Bindung des Kindes an die Pflegeeltern.

Ich möchte diese Phasen kurz wiedergeben:

1. Überanpassung des Kindes – es lebt in einer Pseudo-Normalität, die es aber nicht lange durchhalten kann, weil es mit den Beziehungsangeboten der Pflegeeltern konfrontiert wird
2. Die Phase setzt schon ein gewisses Vertrauen in die Zuneigung und Stärke der Pflegeeltern voraus. Das Kind gibt seine Maske auf und zeigt das Ausmaß seiner Störungen durch auffälliges Verhalten.
3. Diese Phase ist davon geprägt, dass das Kind immer deutlicher Bindungsverhalten zeigt und beginnt, seine innere Not zu zeigen. Es drückt sich nicht mehr nur in auffälligem Verhalten und Krankheit aus, sondern zeigt auch, dass es akut von Ängsten, seelischen und körperlichen Schmerzen oder Albträumen geplagt wird. Dies setzt ein noch größeres Vertrauen voraus als nur das reine Fallenlassen der Maske in der zweiten Phase.
4. Hier zeigt das Kind eine vertiefte Bindung an die Pflegeeltern, was sich an einem klammernden Verhalten zeigt. Es möchte sich nicht mehr von ihnen trennen. Das nun erreichte Vertrauen dürfen die Pflegeeltern als echte Liebeserklärung werten.
5. Noch mehr Sicherheit und Vertrauen setzt diese fünfte Phase voraus, denn in dieser spricht das Kind nicht nur über frühere Erlebnisse oder Nöte, sondern es zeigt den Pflegeeltern auch die mit den frustrierenden, verletzenden und bedrohlichen früheren Bindungserfahrungen zusammenhängenden Gefühle. Es konfrontiert die Pflegeeltern mit voller Wucht mit seinen schlummernden negativen Gefühlen. Hier ist es besonders wichtig, dass die Pflegeeltern diese Gefühle nicht persönlich nehmen, sondern sie den früheren Erfahrungen des Kindes zuordnen.
6. Hat das Kind ausreichend erfahren, dass es von den Pflegeeltern auch in seinem Schmerz angenommen wird, beginnt es die Pflegeeltern als „sicheren Hafen„ anzusehen zu denen es sich in Momenten der Angst und des Schmerzes flüchten kann. Macht es damit positive Erfahrungen, dann kann es echte Bindungssicherheit entwickeln.
7. Ist es nach vielem Auf und Ab eines Tages gelungen, eine wahrhaft heilsame Bindung aufzubauen, dann besteht nun in der siebten Phase die reelle Chance, dass das Kind folgende Eigenschaften und Fähigkeiten entwickelt:

  • eine echte Fähigkeit, zu entspannen und zu genießen
  • die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen
  • ein gutes Selbstwertgefühl
  • Konzentrationsvermögen und die Entwicklung *intellektueller Fähigkeiten
  • Empathiefähigkeit
  • Engagement und Gemeinsinn.

Jetzt hat das Kind wirklich tiefes Vertrauen zu seinen neuen Eltern entwickelt und kann mit diesem neuen Vertrauen und der auf diesem Vertrauen beruhenden neuen positiven Sicht der Welt ein erfülltes Leben erreichen. Eine solche Wendung hin zu vollem Vertrauen ist jedoch nicht allen Pflegekindern möglich.

Manche Kinder sind so verletzt, dass sie sich nicht mehr ganz auf die Beziehungsangebote der Pflegeeltern einlassen können. Sie gehen einen Teil des Weges und verlieren dann die Zuversicht. Schwierige Umstände z.B. durch Besuchskontakte, ewiges Ziehen der Herkunftseltern, unklare Aussagen der Verantwortlichen, unklare Verbleibensperspektiven und zusätzlich die sich darauf oft ergebende Erschöpfung der Pflegeeltern können das Erreichen des tiefen Vertrauens verhindern.
Kinder mit fehlendem Vertrauen Erwachsenen gegenüber haben das Gefühl von „Leben ist Kampf“. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, fühlen sich angegriffen und verletzt und nehmen die Realität verzerrt wahr.

Tipps für den Alltag

Um Vertrauen zu fördern bedarf es eines menschenwürdigen Verhaltens, ein Verhalten dass die Würde des Kindes oder Jugendlichen trotz seines auffälligen und schwierigen Verhaltens bewahrt.

Was meine ich damit?
Für das Kind ist es wichtig, dass die Pflegeeltern es fair handeln und nicht ihre Macht und ihre Möglichkeiten gegen das Kind ausspielen.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen:

Der 13jährige Sven ist in einem Sportverein und hat dort 2mal wöchentlich Training. Eines spätnachmittags nimmt der Pflegevater einen Anruf an, in dem ihm der Trainer des Vereins mitteilt, dass Sven nicht zum Training gekommen ist.
Als Sven zur üblichen Zeit nach Hause kommt fragt der Pflegevater ihn:
„Na, wie war das Training?“ „Gut“ sagt Sven
„Was habt ihr gemacht?“ geht es weiter und Sven erfindet etwas.
So geht es eine Weile hin und her bis der Pflegevater letztendlich den Jungen der Lügereien „überführt“ und von dem Telefonat mit dem Trainer berichtet.

Wie mag Sven sich fühlen nach dieser Art der Vorführung? Vertraut er seinem Pflegevater noch oder fühlt er sich aufs Glatteis geführt und irgendwie auch verraten?
Was lernt er aus dieser Aktion? Dass er nächtens ehrlich ist – oder dass er besser lügen muss?
Was wäre anders gewesen wenn der Pflegevater ihn bei seiner Rückkehr über das Telefonat seines Trainers informiert hätte und mit ihm dann darüber gesprochen hätte, was los war, was ihn daran gehindert hat zum Training zu gehen?
Sven hätte wahrscheinlich empfunden, dass er mit seinem Pflegevater über seine Probleme durchaus sprechen kann, dass dieser zwischen Wichtigem und Unwichtigen unterscheiden kann und dass es dem Vater wichtig ist wie es ihm geht. Er hätte sich ernst genommen gefühlt, hätte verstanden, dass es dieser Auswege nicht bedarf, und dass es hilft, über Gefühle und Ängste zu sprechen.
Das Schwänzen des Trainings wäre so zu einer Chance für die Beziehung zwischen Pflegesohn und Pflegevater geworden und nicht zu einer Herabwürdigung und Machtdarstellung.

Vertrauen bedeutet, sich auf jemanden verlassen können. Das Kind muss sich auf die Pflegeeltern verlassen können. Sie müssen ihm zeigen, dass es sich auf sie verlassen kann.

Auch immer wieder enttäuscht zu werden, darf die Pflegeeltern nicht daran hindern. Das ist schwer, natürlich – aber Sie haben keine andere Chance. Sie müssen ihrem Kind zeigen, dass Sie an es glauben, dass Sie daran glauben, dass das Kind es eines Tages schaffen wird. Wenn Sie an das Kind glauben, dann kann es den Mut finden, ebenfalls an sich zu glauben. Wenn Sie ihm vertrauen, kann es den Mut finden, ebenfalls zu vertrauen.

Wie gesagt, Vertrauen zu entwickeln ist eine Achterbahn – aber jede Achterbahn braucht einen stabilen Mittelpunkt, um den sie gebaut wird. Das können Sie für Ihr Kind sein – verlieren Sie nicht den Mut – geraten Sie bitte nur hin und wieder in Verzweiflung – impfen Sie sich mit Geduld – suchen Sie sich etwas schönes, was Sie auf andere Gedanken bringt - suchen Sie sich Gesprächspartner – glauben Sie an Ihr Kind.

Aggressives Verhalten

Das aggressive Verhalten eines Adoptiv- oder Pflegekindes kann sich gegen Menschen, Tiere und Sachen richten, es kann gewollt oder ungewollt sein und - die gleiche Handlung kann zwei ganz unterschiedliche Ziele haben:

  • erstens kann das Ziel haben, Abstand zu den Pflegeeltern herzustellen und
  • zweitens kann es das Ziel sein, genau das Gegenteil von Abstand nämlich Nähe herstellen zu wollen.

Aggressives Verhalten kann entstehen aus dem Gefühl der Macht, aus dem Gefühl der Ohnmacht oder einfach daraus, dass das Kind kein anderes Verhalten kennt.

Aggressives Verhalten eines Kindes in einer Pflege- und Adoptivfamilie hat verschiedene Ursachen.

Vorgeschichte des Kindes

Das Verhalten lässt sich häufig erklären durch die Lebenserfahrungen, die das Kind vor der Unterbringung in der neuen Familie hatte. Viele dieser Kinder kommen mit Gewalterfah-rungen aus körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt.

Diese Kinder sind Opfer die sich aus Überlebensgründen mit ihren Peinigern solidarisieren. Sie suchen die Schuld für die Gewaltanwendungen bei sich selbst: Ich bin so böse, dass er/sie nicht anders handeln kann und übernehmen diese Form des Handelns als übliche Form bei Auseinandersetzungen und Konfliktlösungen. Misshandelte Kinder reagieren impulsiv und spontan aggressiv, weil sie Dinge in ihrem Umfeld verzerrt wahrnehmen und als bedrohlich ansehen. Sie sind sehr empfindsam, sehen vieles als Angriff an und setzen sich sofort zur Wehr.

Integrationsprozess in die neue Familie

Nach der Phase der Überanpassung kommt die Phase der Übertragung alter Erfahrungen des Kindes auf die neue Lebenssituation und neue Familie. In dieser Phase ( also noch ziemlich zu Beginn der Inpflegegabe) können die Kinder verstärkt aggressiv sein.
Immer wieder erleben Pflegeeltern dieses Verhalten aber auch nach Zeiten relativer Ruhe, ebenso dann wenn sich das Kind von der Pflegefamilie ablöst und immer wieder im Zusammenhang mit Besuchskontakten mit den Herkunftseltern. – also immer dann, wenn das Kind sich verunsichert fühlt.

Handeln der Pflege-/Adoptiveltern

Misshandelte Kinder reagieren impulsiv und spontan aggressiv, weil sie Dinge in ihrem Umfeld verzerrt wahrnehmen und als bedrohlich ansehen. Sie sind sehr empfindsam, sehen vieles als Angriff an und setzen sich sofort zur Wehr. Das Kind hat vielleicht über Jahre intensiv unter dem gewalttätigen Verhalten der Herkunftseltern gelitten und hat gelernt, sein Verhalten ebenso rücksichtslos durchsetzen zu wollen.
So löst manches Verhalten der Pflegeeltern etwas in dem Kind aus, was von den Pflegeeltern so überhaupt nicht gemeint war. Das aggressive Handeln des Kindes macht dann meist auch die Pflegeeltern wütender und hilfloser und es kann eine Spirale der Vorwürfe und der Wut entstehen.

Hilfen

Es ist sicherlich hilfreich, den eigenen Anteil an der Entstehung der Wut des Kindes zu erkennen. Hin und wieder erleben wir auch, dass Pflegeeltern sich selbst in einen massiven Zorn hineintreiben lassen, der sie dann ebenso zu massiven, oft überhaupt nicht angemessenen Reaktionen dem Kind gegenüber treibt. Ein dauerhaftes Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit verbunden mit Druck von außen kann dann zu völlig unangemessenen Strafen führen.

Helfen Sie sich, in dem Sie Menschen haben, mit denen Sie über Ihre Gefühle sprechen können. Das kann eine Gruppe Gleichgesinnter sein oder natürlich auch professionelle Berater und Helfer. Holen Sie sich Hilfen. Der Umgang mit provozierenden, gewalter-fahrenen Kindern ist ein hartes Stück Arbeit. Lassen Sie sich nicht im Regen stehen, fordern Sie Hilfe ein – Hilfe für sich selbst und Hilfe für das Kind.

Tipps für den Alltag

Trotz des Verhaltens des Kindes ist das Kind darauf angewiesen, dass Sie bereit sind, eine Beziehung mit ihm zu wollen und diese aufzubauen. Gelingt diese Beziehungsarbeit, dann kann das Kind langsam sein Verhalten selbst kontrollieren und so eine vorsichtige Veränderung des Verhaltens ermöglichen. Dies kann aber auch dazu führen, dass das aggressive Verhalten, welches bisher nur außerhalb der Familie gezeigt wurde, nun nach innen verlagert wird.
Darf ich mir erlauben, Sie darauf hinzuweisen, dass diese Verlagerung also ein Fortschritt ist? Sie bieten dem Kind nun einen geschützten Rahmen, in dem es umlernen und neues Verhalten probieren kann.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, wie Sie sein Verhalten empfinden, was schwierig für Sie ist und überlegen Sie, welche Möglichkeiten des besseren Umgehens miteinander es gäbe. Aber klar, man kann nicht immer über alles reden - konsequentes Verhalten bei Regelverstößen gehören einfach zum Alltag der Familie und muss nicht dauernd diskutiert werden.

Es ist wichtig für Sie und das Kind, dass die Berechtigung der Wut nicht in Zweifel gezogen wird – auch wenn Sie diese Reaktion für wirklich übertrieben halten – für das Kind hatte diese Form der Reaktion offensichtlich Notwendigkeit. Aber: achten Sie darauf, dass es so etwas wie einen „Opferausgleich“ gibt, wenn jemand durch die Wut geschädigt wurde.

Versuchen Sie, sich im Nachhinein die Situation noch einmal anzusehen und die einzelnen Schritte nachzuvollziehen. Vielleicht lässt sich ja dann ein Muster entdecken, welches dann zu Beginn einer neuen Eskalation abgebogen werden kann.

Wut, Aggression und die damit verbundenen Gefühle von Hilflosigkeit und Trauer müssen raus. Versuchen Sie mit dem Kind zu überlegen, was getan werden kann, wenn es merkt, dass diese Gefühle kommen. Hilft ein Boxsack oder ein Kissen zum draufschlagen, hilft Schreien, hilft Laufen und körperliches Abreagieren? Kann das Kind sich mit ihrer Hilfe vielleicht schon von der Wut ablenken, indem es anfängt zu zählen oder beginnt ruhig zu atmen?

Wenn Sie merken, dass Ihnen die Galle so richtig hoch kommt, dann entziehen Sie sich der Situation. Verlassen Sie den Raum, gehen Sie spazieren, gehen Sie in die Küche und kochen sich einen Tee, mit dem Sie sich dann in einen gemütlichen Sessel setzen – oder, oder, oder. Zeigen Sie sich und dem Kind durch Ihre Handlung, dass Sie so mit sich nicht umgehen lassen wollen. Und sprechen Sie mit dem Kinder hinterher darüber.

Das aggressive Verhalten kann auch ANGST in Ihnen auslösen. Wenn Sie spüren, dass dies häufiger passiert und Sie schon bemerken, wie Sie Schutzmaßnahmen für sich ergreifen, dann nehmen Sie dies Gefühl sehr ernst. Sprechen Sie mit Ihnen vertrauten Personen, sind Sie ehrlich zu sich, versuchen Sie herauszufinden, wo Ihre Grenzen sind (z.B. wenn ich mit einem Messer bedroht werde) und suchen Sie einen Lösungsweg. Das Ziel dieses Weges kann auch bedeuten, dass Sie und Ihr Kind nicht länger unter einem Dach zusammen wohnen können. Wenn Sie jedoch weiter für das Kind da sein wollen, dann machen Sie dies deutlich. Machen Sie klar, dass dies aber nicht bedeutet, den Alltag in Ihrer Familie weiterhin zusammen leben zu müssen, denn oft ist ein solch aggressives Verhalten des Kindes genau diese Mitteilung: du bist mir zwar wichtig, aber du bist mir auch zu nah. Das kann ich nicht aushalten, dagegen muss ich mich mit allen Mitteln wehren. Hier hilft es, wenn das Kind z.B. in einer Wohngruppe lebt, aber zu Ihnen noch Kontakt hat und erlebt, dass es für Sie noch etwas bedeutet.

Distanz und Nähe

Behütete Kinder erleben in ihrer Entwicklung in den ersten Lebensjahren dass das Grundbedürfnis von Zugehörigkeit durch das fürsorgliche und angemessene Verhalten der Eltern wachsen kann. Sie fühlen sich den Eltern nahe, entwickeln Bindung und Vertrauen und entwickeln ein Gefühl von Nähe zu Vertrautem und Distanz zu Fremden. Diese Distanz zum Fremden entwickelt sich aus dem Wissen um die Nähe zum Vertrauten. Aus dem Vertrauten heraus betrachte ich mit Distanz das Neue und Fremde und entscheide dann, ob ich mich diesem Fremden nähere.

Beispiel:
Die Mutter ist mit ihrem 2Jährigen auf dem Spielplatz. Dieser spielt eine zeitlang in der Nähe der Mutter. Dann wird er immer neugieriger den anderen Kindern im Sandkasten gegenüber. Er tippelt ein paar Schritte weg von der Mutter, dreht sich wieder um, um sicher zu sein, dass sie noch da ist, und bewältigt die nächsten Schritte. Manchmal kommt er auch ganz wieder zurück – es war wohl noch ein bisschen zu viel. Schließlich schafft er es bis zur Buddelkiste und setzt sich so hinein, dass er seine Mama im Blick hat. Diese wiederum gibt ihm durch aufmunternde Blicke oder Worte zu verstehen, dass sie da ist und bleibt und er sich sicher fühlen kann.

Kinder, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte keine sicheren Bindungen eingehen konnten und die Nähe zu ‚ihrem’ Erwachsenen als bedrohlich erlebten kennen nicht dieses Gefühl von sicherer Zugehörigkeit und Schutz. Sie kennen nicht das Gefühl sicherer Nähe und vorsichtsgebietender Distanz.

Die feinen sozialen Regeln von

  • wie weit nähere ich mich jemanden
  • wen fasse ich an
  • wie fasse ich jemanden an
  • was sage ich wie zu wem
  • wie reagiere ich auf Signale des anderen
  • etc., etc.

werden von den Kindern so nicht beherrscht.

Vernachlässigte Kinder suchen in fast jedem Erwachsenen einen möglichen potenziellen Versorger und nähern sich ihm daher entsprechend viel zu schnell, viel zu nah, viel zu auffordernd, viel zu übergriffig.
Oder auch genau umgekehrt – mit größter Abwehr, völligem Desinteresse und nur auf sich selbst bezogen.

Durch die Hinwendung des Kindes zu neuen Eltern wird das Nähe-Distanz-Verhalten durch die zunehmend empfundene Beziehung bis hin zur engen Bindung des Kindes an die Eltern normalisiert. Aber diesen Weg braucht es auch.

Tipps für den Alltag

Machen Sie klar, dass SIE der Versorger sind. Geben Sie Ihrem Kind dazu klare Regeln:

  • gegessen wird nur bei uns
  • nur wir holen dich aus dem Kindergarten/Schule ab
  • nach der Schule kommst du erst einmal nach Hause
  • bei uns gibt es die und die Vereinbarungen
  • Um ... Uhr bist du abends zu Hause
  • Du gehst nur mit meiner Erlaubnis da und da hin
  • Du gehst mit keinem Fremden mit
  • Etc. etc.

Die Regeln müssen klar machen: Wir sind die Eltern, die Erwachsenen, wir haben das Sagen und passen gut auf dich auf.

Sprechen Sie auch mit Ihrer Verwandtschaft, Ihren Nachbarn und Freunden darüber – so dass diese Ihr Verhalten verstehen lernen.

Neben diesen Regeln ist für das Kind natürlich IHR Vorbild von ausschlaggebender Bedeutung. ZEIGEN Sie, wie man sich „richtig“ verhält. Diskutieren Sie aber nicht beständig über „falsches“ Verhalten, sondern versuchen Sie mit einem Blick, einer Geste das Kind auf den geeigneten Weg zu führen.

Und – bemerken Sie „richtiges“ Verhalten und erwähnen Sie dies Ihrem Kind gegenüber in einer entspannten Situation.

Bitte verstehen Sie, dass das Kind in einer krisenhaften Situation wieder in ein schwierigeres Nähe-Distanz-Verhalten fällt, wenn es z.B. eine ihm vertraute Person (Lehrerin, Kindergärtnerin, nette Nachbarin) verliert und sich dadurch verunsichert fühlt. Sehen Sie diesen „Rück“fall dann als Sprache seiner Gefühle an und bleiben Sie geduldig auf Ihrem Weg hin zu einer sicheren Beziehung.

RITUALE in der Familie können das Kind sicherer machen. Es lernt, dass es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann und die immer wieder so eintreten. Neben den großen Feiertagsritualen sind es die kleinen Rituale des Alltags, die diese Sicherheit unterstützen und Nähe bringen:

  • wecken SIE Ihr Kind, es lernt sich auf jemanden zu verlassen
  • nehmen Sie es am Morgen (vorsichtig) in den Arm und zeigen ihm Nähe
  • zeigen Sie dass Sie sein Bedürfnis von immer vorhandenem Essen verstehen und füllen Sie mit ihm abends eine Schüssel mit Knäckebrot und ein Trinkglas
  • schließen Sie mit ihm deutlich abends Türen und Fenster zu wenn es ein hohes Schutzbedürfnis hat
  • erzählen Sie Geschichten
  • lesen Sie vor
  • singen SIE –
  • schaukeln Sie es in einem Tuch
  • kuscheln Sie mit ihm

Tun Sie die Dinge, die Nähe fördern und die regelmäßig gemacht werden können.

Nie genug zu bekommen

Vernachlässigte Kinder sind – besonders wenn diese Vernachlässigung in den frühen Lebensjahren geschah – traumatisierte Kinder. Das Grundbedürfnis nach körperlicher, geistiger und seelischer Versorgung konnte nicht gestillt werden. Die Kinder waren übermächtigen Erwachsenen hilflos und ohne zeitliche Begrifflichkeit ausgeliefert. Diese unzuverlässigen, nicht schützenden Erwachsenen verursachten beim Kind schwere Ängste und Verwirrungen.
Die Hirnreifung vernachlässigter Kinder entwickelt sich anders als die behüteter und versorgter Kinder. Hirnreifung geschieht durch das Erleben im sozialen Kontext. Während behütete Kinder ihre Eltern als Quell der Versorgung und Freude erleben und dies auch so in ihrem Hirn als Lebenserfahrung speichern, erleben vernachlässigte Kinder ihre Eltern als bedrohlich und zerstörerisch und speichern diese Lebenserfahrungen in ihrem Hirn ab.

Diese frühen Traumatisierungen prägen das Kind und seine Sicht auf seine Welt. Die frühen Erfahrungen werden auf das Leben im hier und heute übertragen und es dauert eine lange Zeit, bis Kinder diese Sicht der Welt durch eine neue Sicht der Welt verändern können. Dazu braucht es jahrelang geduldig und verständnisvoll handelnde Pflege-/Adoptiveltern, die dem Kind durch ihr Kümmern die Chance auf eine neue, weniger schreckliche Sicht der Welt ermöglichen. Schwer traumatisierte Kinder können diesen Weg oft nicht mehr gehen und verbleiben in ihren Ängsten und Wirren.

Pflegekinder sind sehr häufig (schwer) vernachlässigte Kinder, die den Erwachsenen nicht (noch nicht) vertrauen.

Diese Kinder leiden an einem Grundmangelgefühl. Sie haben das Gefühl, nie genug zu bekommen.
Dies zeigt sich in Fragen des Essens, aber auch in anderen Situationen: Sie wünschen sich von Herzen etwas und wenn sie es dann bekommen haben, ist die Freude nur kurz und das Kind will schon wieder was anderes. Aus hier hat es nie das Gefühl, genug zu bekommen.

Tipps für den Alltag

Dieses Gefühl ist für die Pflegeeltern schwer auszuhalten. Sie bemühen sich doch so sehr um das Kind und wollen es zufrieden und glücklich sehen.
Das Kind braucht Zeit – es braucht Ihre Geduld um langsam zu Ihnen Vertrauen aufzubauen. Manchmal geht es dabei auch wieder einen Schritt zurück - aber es geht durchaus auf Sie zu, wenn auch ganz langsam, denn es hat immer wieder Angst, dass auch Sie es verlassen oder nicht versorgen werden.

Es tut in der Seele weh zu sehen, dass ein Kind sich nicht wirklich freuen kann und dass es immer wieder und weiter nur haben, haben, haben will.

Sie helfen dem Kind nicht, wenn Sie ihm alles geben, was es will – denn das ist wie ein nicht zu füllender Brunnen. Geben Sie ihm Geschenke, wenn die Familie üblicher weise Geschenke bekommt: zu Festen, Geburtstagen, manchmal zur Überraschung. Sprechen Sie mit ihm darüber und bleiben Sie dabei, den Tag zu strukturieren und Regeln einzuhalten. Überlegen Sie sich Rituale, die Ihr Kind sicherer machen kann.

Wenn Ihr Kind sich bei Ihnen immer sicherer fühlt, dann kann es Vertrauen zu Ihnen aufbauen. Mit Vertrauen wächst das Wissen darum, dass Sie es nicht verlassen und dass Sie es versorgen werden. DANN verliert es sein Grundmangelgefühl, wird zufriedener und wird sich mehr freuen können.

Sich Überanpassen und andere kopieren

Die einfachste Methode Fehler in einer unsicheren Umgebung zu vermeiden ist –
a) genau zu schauen, wie die Anderen etwas machen und dies dann nach zu machen
b) sich im hohen Maße anzupassen (Überanpassung)

Das ist das was Pflegekinder zu Beginn in ihren Pflegefamilien machen.

Nach der Übersiedlung in die Pflegefamilie muss das Kind erst einmal die Art und Weise des Lebens, Denkens und Handelns dieser neuen Familie kennen lernen. Es möchte aber nicht direkt unangenehm auffallen und so tut es denn so, als würde es alles verstehen und richtig machen.
Dazu schaut es sich an, was die anderen Mitglieder der Familie tun. Meist sucht es sich eines der Geschwisterkinder heraus und kopiert dessen Verhalten genau. Außerdem passt es sich den Tagesabläufen und Verhalten in der Familie sehr an. So kann es sein, dass es auch sofort Mama und Papa zu den Pflegeeltern sagt, weil dies die anderen Kinder ja auch tun.

Diese Überanpassung drückt noch keine Integration in die Pflegefamilie aus, sondern ist ein Schritt zu Beginn eines langen Weges in die Familie.

Nienstedt-Westermann schreiben in ihrem Buch „Pflegekinder“ S. 88/89:

Die Überanpassung des Kindes an die Erwartungen der (Pflege)Eltern, sein Wohlverhalten und seine Orientierung an den elterlichen Normen und Werten, die von einem Tag bis zu mehreren Monaten anhalten kann, dient nicht dazu, einen guten Eindruck zu machen. Wenn das Ken den Eltern ihre Wünsche von den Augen abliest und beunruhigend gut funktioniert, hält es seine eigene Unsicherheit unter Kontrolle, als müsste es bedacht sein, seine Lage nicht zusätzlich zu gefährden. Die Überanpassung des Kindes wird aber oft nicht als eine vorüber-gehende und für die Entwicklung neuer Beziehungen hinderliche, wenn auch für das Kind zunächst notwendige Anpassungsform erkannt, sondern als Hinweis darauf verstanden, dass das Kind gut in die Familie passt, dass es schon die neuen Pflegeeltern als seine Eltern akzeptiert, dass die (Pflege)Eltern schon die Eltern des Kindes geworden sind.

Durch diese Form der Überanpassung werden die Pflegeeltern verleitet, vom Kind Bestätigung und Anerkennung in ihrer Elternrolle zu erwarten, und sie werden verleitet, das Kind rasch erziehen zu wollen, wie es ihren Vorstellungen entspricht. Infolge dieses Missverständnisses übernehmen die Eltern dann zu rasch eine Erziehungshaltung und reagieren mit Anpassungsdruck, wenn das Kind beginnt, die Beziehungen zu den (Pflege)Eltern aufgrund seiner früheren Erfahrungen nach alten Mustern zu gestalten.
Der Anpassungsdruck kann z.B. durch Sätze wie: „Das geht aber in unserer Familie nicht; wenn du dich nicht änderst, musst du wieder gehen“, oder auch dadurch, dass die (Pflege)Eltern dem Kind signalisieren, dass sie das gute Funktionieren geschätzt haben und möchten, dass es so bleibt.

Das Auftreten von Konflikten wird dann nicht als Entwicklungsfortschritt erlebt, als Hinweis auf gewachsene Sicherheit und als Chance für eine Klärung der Beziehung und eine Aufarbeitung der bisherigen Erfahrungen des Kindes, sondern als Rückschritt und oft als Hinweis auf die eigene Unfähigkeit, mit dem Kind angemessen umzugehen. „Es war doch zunächst so gut gegangen – warum jetzt nicht mehr? Was haben wir falsch gemacht? Ist das Kind doch viel schwerer gestört als wir dachten?

Die Fragen, die sich Eltern in dieser Situation selten stellen lauten: „Was sagt mir das Kind durch sein Verhalten über seine bisherigen Erfahrungen, über seine Gefühle und Erwartungen?“
Eltern fragen eher:“ Was kann ich tun, damit sich das Verhalten ändert? Welche Belohnungen, Anreize, Ablenkungen oder Zurechtweisungen und Strafen könnten wirksam sein?“ Ein rasches Bewältigen der Probleme wird als Erfolg verbucht, bedeutet aber in vielen Fällen nur, dass das Kind in die äußere Anpassung zurückgedrängt wird, ohne die Chance eines wirklich neuen familialen Beziehungsaufbaus zu erhalten, da ihm die neuen Normen und Werte aufgezwungen und andressiert werden, statt dass das Kind sie schließlich aktiv erwirbt aufgrund seines Wunsches, sich mit den (Pflege)Eltern zu identifizieren. Bis dahin braucht man jedoch eine sehr viel längere Perspektive. Bei älteren Kindern muss man in der Regel mit mindestens einem Jahr rechnen, bis man an diesem Punkt angelangt ist.

Eine zu rasche Erziehung führt nicht selten zum Aufrechterhalten der Überanpassung beim Kind und schließlich zum Scheitern des Beziehungsaufbaus. Die Anpassung bleibt nur eine äußere und neue Beziehungen werden nicht entwickelt, in denen sich das Kind aktiv an die Normen und Werte der Eltern anzupassen sucht.

Die Pflegeeltern müssen dem Kind erlauben, dass es sie manipuliert und Einfluss auf sie gewinnt. Sie müssen den Weg des Kindes mitgehen und sich von ihm an die Hand nehmen lassen. Nur so kann es dem Kind gelingen, die aufgrund ängstlicher Unsicherheit aufgebaute Überanpassung aufzugeben und sich mehr als es selbst auf die Familie einzulassen.

Tipps für den Alltag:

Sicherlich ist es für das Geschwisterkind in der Familie, welches von dem Pflegekind aus Unsicherheit kopiert wird, notwendig, wenn die Eltern ihm dies so erklären und ihm versichern, dass dieses Verhalten aufhören wird. Meist stört ein solches Verhalten das Geschwisterkind, denn es weiß nicht so richtig damit umzugehen, weil es es nicht versteht. Eine entsprechende Erklärung ist daher wichtig.

Die Überanpassung ist also nur ein zeitweises Verhalten des Kindes, dass es dann lassen kann, wenn es enger in die Beziehung zu der Pflegefamilie geht. Aus dem lieben, friedlichen und angepassten Kind kann dann ein anderes Kind werden, welches den Mut hat, sich und seine bisherigen Lebenserfahrungen in der Pflegefamilie zu zeigen. Dies ist ein großartiger Schritt hin zu Ihnen als Pflegeeltern.
Bisher hat das Kind sich Ihnen angeglichen, nun erwartet es, dass Sie sich mehr ihm angleichen und SEINE Bedürfnisse, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gelassen tragen lernen.
Wenn Ihnen das gelingt, wird sich eine Beziehung zwischen Ihnen und dem Kind ergeben und nur mit BEziehung ist ERziehung überhaupt möglich.

Haben Sie Geduld, überfluten Sie das Kind nicht mit zu Vielem, leben Sie in einem strukturierten und für das Kind überschaubarem Alltag, versuchen Sie es zu verstehen, dann kann es mit der Zeit Ihre Werte und dass was Ihnen Wichtig ist auch übernehmen und muss nicht einfach dem Mächtigeren nur gehorchen.

Essen horten - zu viel, zu wenig essen

Probleme mit dem Essen zeugen davon, dass das Kind in seiner Vorgeschichte schwere Vernachlässigung erlitten hat.
Besonders sehr junge Kinder leiden in starkem Maße unter Vernachlässigung, weil sie diesem Verhalten der Eltern nichts entgegen zu setzen haben und hilflos und ohne ein Zeitempfinden ausgeliefert sind. Für diese Kinder bedeutet Vernachlässigung eine Traumatisierung. Die Vernachlässigung bedeutet für sie existenzielle Todesangst und brennt sich tief als reiner Überlebenskampf ein. Das Hirn wird entsprechend verknüpft und reagiert daher im einmal Erlebten – auch wenn die Kinder nun in einer Pflegefamilie leben und dort regelmäßig und angemessen versorgt werden.

Die Überlebensstrategie „ Wenn du Essen hast dann nimm so viel wie möglich denn du weißt nicht, wann es wieder Essen gibt“ bleibt lange Zeit bestehen, auch wenn die Kinder schon auf dem inneren Weg hin zu ihren Pflegeeltern sind – aber jede Verunsicherung unterbricht diesen Weg und lässt die Überlebensstrategien wieder aufleben.

Kinder mit schweren Vernachlässigungen

  • über“fressen“ sich - haben kein Maß
  • verweigern das Essen
  • horten das Essen in allen möglichen Ecken ihres Zimmers, im Tornister, unter der Matratze, in Regalen etc.
  • sichern sich andere „Geber“ z.B. in dem sie zu Nachbarn gehen und sagen, sie würden bei Ihnen nicht genügend bekommen, oder ihr Schulbrot vor der Schule in den Mülleimer werfen und in der Schule darüber klagen, kein Schulbrot bekommen zu haben.

Sie müssen sich sicher sein, auch unabhängig vom Essens-Angebot der Pflegeeltern überleben zu können. Sie müssen die Kontrolle über Essen haben.

Tipps für den Alltag

  • klar strukturierter Tagesablauf mit gleichen und verlässlichen Essenszeiten
  • regulieren Sie die Essensmenge des Kindes, denn es weiß nicht wann es satt ist
  • sprechen Sie mit ihm darüber und erklären Sie ihm, warum Sie das tun
  • ermöglichen Sie ihrem Kind Zugang zum Essen, welches Sie für es aussuchen z.B. Knäckebrot, Obst
  • machen Sie deutlich klar, dass nur bei Ihnen (oder bei Besuch mit Ihnen) gegessen wird
  • klären Sie diese Regel auch mit Ihren Nachbarn und erklären Sie, dass dies dem Kind hilft, Vertrauen zu Ihnen aufzubauen.
  • beenden Sie den Tag mit einem Ritual in dem Sie mit dem Kind jeden Abend vor dem Schlafengehen auf einen kleinen Tisch Knäckebrot, Obst und etwas zu trinken stellen und deutlich machen, dass dies für das Kind ist wenn es nachts Hunger und Durst verspüren sollte. Das Kind erkennt so, dass Sie sein Bedürfnis und seine Ängste verstehen und akzeptieren und ihm so helfen wollen.
  • Nehmen Sie das Verhalten des Kindes nicht persönlich – es kann nicht anders, es braucht noch Zeit
  • Bemerken Sie auch, wenn sich Dinge zum Positiven entwickeln – z.B. wenn Ihr Kind seinen Teller nach einer Weile wegschiebt und sagt, es sei satt – oder wenn es sich bei einem Besuch wirklich nicht vier sondern nur ein Stück Kuchen auf den Teller tut.
  • Geraten Sie nicht in Verzweiflung, wenn die Dinge sich auch wieder rückwärts entwickeln – das Kind ist dann in einer Krise oder hat ein Problem. Bleiben Sie gelassen und ermuntern Sie das Kind, doch mit Ihnen über seine Schwierigkeiten zu sprechen.

Strukturen, Grenzen, Rituale

Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien brauchen Sicherheit, Klarheit, Verlässlichkeit, Deutlichkeit, Kompetenz, Geborgenheit und Halt

Je chaotischer die innere Welt des Kindes ist, umso mehr braucht es einen geordneten, klaren und stabilen Rahmen. Dieser Rahmen soll ihm möglichst umfassende Sicherheit vermitteln durch sicherheitsgebende Strukturen, durch sicherheitsgebende klare Grenzen und sicherheitsgebende Rituale.

Die Kinder brauchen einen absolut nachvollziehbaren Alltag in dem die Eltern dem Kind gegenüber vorhersehbar, konsequent und wiederholend sind.

Strukturen

Kinder ohne sichere Bindung reagieren empfindlich auf Änderungen im Tagesablauf, auf Übergänge, auf Überraschungen, chaotische soziale und allgemein neue Situationen. Sie verfügen über kein sicheres Arbeitsmodell im Umgang mit anderen und sind daher auf äußere Stützen maßgeblich angewiesen.

Denkstrukturen und „Sortieren“ des Kindes in der Pflegefamilie :

  • wer hat was zu sagen (Elternrolle) –
  • wer hat die Macht –
  • was ist die Rolle des Jugendamtes, des Vormundes etc.
  • Pflegekind sein - in Pflegefamilie leben und leibliche Eltern haben
  • Leben mit altem Denken in neuen Situationen
  • Kontrolle über mich nicht verlieren
  • etc.

Denkstrukturen der Eltern als Pflegeeltern:

  • welches ist unsere Aufgabe
  • was können wir für dieses Kind leisten und tun
  • was sind wir für dieses Kind (Bindung – Beziehung – Liebe?)
  • was sind die Hauptpunkte, die wir zu beachten haben:

wo steht das Kind in seiner Entwicklung
kann es das leisten was wir für es wollen

  • wem gegenüber sind wir verantwortlich
  • wo stehen wir, und was dürfen wir im Gesamtgefüge

Eltern und Kinder denken in unterschiedlichen Denkstrukturen. Die Art und Weise, Dinge zu erleben, darüber zu denken, Erlebtes einzusortieren in wichtig und unwichtig entwickelt sich aus den bisherigen Lebenserfahrungen. Aufgrund dieser Lebenserfahrungen entwickelt der Mensch ein Arbeitsmodell im Umgang mit anderen und eine Sicht der Welt.

Traumatisierte Kinder haben eine spezielle Sicht auf die Welt, durch die sie die Welt als bedrohlich und außer Kontrolle geraten ansehen. Das bisher Erlebte prägt die Art und Weise der Hirnreifung (siehe dazu auch das Schwerpunktthema: traumatisierte Adoptiv- und Pflegekinder)

Die Strukturierung des Tages, der Woche, des Jahres regelt die Zeit und die Erwartungen. Struktur bringt Verlässlichkeit und Ordnung und klärt Forderungen und Abläufe. Äußere Strukturen helfen dem geschädigten Kind sein inneres Chaos bewältigt zu bekommen.

Strukturen im Alltag:

  • Aufstehen, Frühstücken, Kindergarten oder Schule, Schulwege, in der Schule, Mittagessen, Schulaufgaben, Freizeit, Abendessen, Schlafen gehen

Strukturen im Ablauf des Jahres:

  • Ferien, Verreisen (große Verunsicherung für die Kinder)
  • Krankheit
  • Feiertage
  • Familienfeste
  • Besuche
  • Besuche der Sozialarbeiterin/Vormund
  • Evtl. Besuchskontakte

Veränderungen der üblichen Strukturen durch veränderte Situationen z.B. Wochenende, Ferien, Feiertage, Krankheit kann ein traumatisiertes Kind in Verwirrung bringen. Es fällt ihm schwer sich von der üblichen Schulzeit auf die Ferien einzulassen und ebenso umgekehrt. Es hat Probleme, sich im Urlaub zu entspannen und diesen zu genießen. Ein Umzug bringt dieses Kind in eine tiefe Krise, der Verlust einer gewohnten Lehrerin oder eines Nachbarn verunsichert es.

Regeln und Grenzen (und was passiert wenn sie überschritten werden – Konsequenzen)

Absolut notwendig sind klare Bedingungen und Grenzen, die durch Strukturen festgesetzt werden.Das Pflegekind braucht klare, deutliche Ansagen zu dem was gemacht werden darf und was nicht:

  • du gehst nicht mit Fremden mit, steigst nicht in das Auto
  • du kommt zum essen nur zu uns
  • du setzt dich nicht bei anderen auf den Schoß
  • du küsst und umarmst nur uns
  • Fernsehen schaust du nur von 18 bis 19 Uhr
  • Übertretene Grenzen müssen logisch geahndet werden, d.h. für das Kind im Zusammenhang stehen mit den Grenzen, die es verletzt hat.

In ihrer Tätigkeit und ihrem Engagement für das Kind müssen auch Pflege- und Adoptiveltern über ihre Grenzen nachdenken und diese für sich ziehen. Für was bin ICH (sind WIR) verantwortlich, was kann ICH (können WIR) noch leisten?

Rituale

Rituale bringen durch ihre Festlegung und Wiederholung einen vertrauen erweckenden, beruhigenden Hintergrund ins Lebens. Das immer wiederkehrende ordnende Prinzip ist es, was ein Ritual ausmacht. Gerade in Zeiten sozialer Verunsicherung gibt es ein erhöhtes Bedürfnis nach Ritualen. Sie geben Halt und Stabilität und schaffen in der Familie Gemeinsamkeiten. Sie erzeugen ein starkes Wir-Gefühl und die Kinder können sich auf etwas freuen, was sie auffängt, auch wenn der Tag nicht so schön war.

Wichtige Rituale:

Rituale lassen sich über den Tag verteilen:

  • Das Aufstehen morgens,
  • Das gemeinsame Mittagessen - oder
  • Das gemeinsame Abendessen wo alle über den Tag berichten

Und natürlich ganz wichtig: Das Abendritual – Bettgespräche

Vorlesen, Erzählen, Versuch den Tag noch einmal zu betrachten z.B. in Form von Erzählen, was am Tag passiert ist. Dies lässt sich wundervoll im Rahmen einer Tierfamilien-Erzählung machen, in dem die Tiere das erleben, was die Pflegefamilie heute erlebt hat. Wenn das Pflegekind an diesem Tag in einer Weise reagiert hat, welches für die Eltern etwas unverständlich war, dann kann dieses in der Geschichte wiedererzählt werden mit einer entsprechenden Interpretation, warum dieses Tierkind nun so reagiert haben mag. Oft passiert es dann, dass das Pflegekind hier zustimmend nickt oder eine verbessernde Erklärung abgibt – und schon verstehen die Pflegeeltern mehr).

Wichtige Rituale können sich auch aus einem bestimmten Bedürfnis des Kindes heraus entwickeln:

  • das Kind mit Essensproblemen fühlt sich verstanden, wenn die Eltern mit ihm einen Teller Knäckebrot und etwas zu trinken auf einen Tisch neben seinem Bett stellen und es dadurch nicht mehr Angst haben muss, Hunger zu erleiden
  • das Kind mit großem Schutzbedürfnis fühlt sich verstanden, wenn die Eltern mit ihm vor dem Schlafengehen nachsieht, ob alle Türen und Fenster verschlossen sind
  • das Kind mit großen Ängsten fühlt sich verstanden, wenn es im Bett seiner Pflegeeltern einschlafen darf
  • das Kind mit großen Ängsten fühlt sich verstanden, wenn es mit seinen Eltern speziell darauf achtet, dass abends immer das Licht im Flur an bleibt

Ein Leben mit Strukturen, Grenzen und Ritualen ist für die meisten Pflege- und Adoptivkinder unadingbar notwendig. Da die Kinder meist nicht durch Einsicht lernen können, ist es wichtig, dass sie durch die ständigen Wiederholungen in ihrem Alltag durch Gewöhnung lernen.

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