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01.12.2010

Zusammenarbeit zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern mit einer psychischen Erkrankung

Fachkräfte des Pflegekinderdienstes berichten immer häufiger über vermutete oder diagnostizierte psychische Erkrankungen von Eltern, deren Kinder auf Dauer in eine Pflegefamilie vermittelt werden oder in Verwandtenpflege leben. Häufig werden die Pflegeeltern nicht ausreichend auf die besonderen Folgen einer psychischen Krankheit in der Herkunftsfamilie vorbereitet und benötigen eine kompetente Begleitung.

Fachkräfte des Pflegekinderdienstes berichten immer häufiger über vermutete oder diagnostizierte psychische Erkrankungen von Eltern, deren Kinder auf Dauer in eine Pflegefamilie vermittelt werden oder in Verwandtenpflege leben.

Häufig werden die Pflegeeltern nicht ausreichend auf die besonderen Folgen einer psychischen Krankheit in der Herkunftsfamilie vorbereitet und benötigen eine kompetente Begleitung.

Wagenblass (2003, 9) bezeichnet psychische Erkrankungen als Familienkrankheiten, weil alle Familienmitglieder betroffen sind. Werden Kinder psychisch kranker Eltern in Pflegefamilien vermittelt, wirkt sich die Inpflegegabe oft in mehrfacher Hinsicht auf die Pflegefamilie aus.

  • In der Beziehungsgestaltung zwischen den Pflegeeltern und dem Kind spiegelt sich die Erfahrung des Kindes aus dem Zusammenleben mit einem psychisch erkrankten Elternteil und mit Rollenerwartungen in der Familie wider.
  • Die Gestaltung von Umgangskontakten bedarf häufig einer besonderen Sorgfalt.
  • Die psychische Erkrankung kann sich in der Beziehung zwischen der Herkunftsfamilie und den Pflegeeltern auswirken.

Kinder psychisch kranker Eltern

Nicht selten sind Kinder die ersten Personen, die lange bevor sie als solche erkannt wird, mit der Krankheit konfrontiert werden. Wahrnehmungsstörungen, das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden, oder Depressionen werden in der Familie allzu häufig erst spät als Krankheitssymptome erkannt. Die erkrankten Personen stoßen auf peinliches Schweigen, Unverständnis und Hilflosigkeit. Häufig vergeht viel Zeit, bis eine wirksame Hilfe einsetzt. Zunächst wird vielen Betroffenen die Verantwortung an einem Verhalten zugeschrieben, das sie von sich aus und ohne professionelle Hilfe nicht verändern können.

Die Kinder erleben diesen Prozess hautnah mit. Von den ersten Symptomen der Krankheit bis zur Diagnose und Behandlung erleben sie ihre eigene Unsicherheit und die Hilflosigkeit der beteiligten Erwachsenen und leiden häufig unter ambivalenten Gefühlen. Liebe und Hass, Mitleid und Scham, Enttäuschung und Hoffnung, Hilflosigkeit und Schuld begleiten den Abschied aus einer unbeschwerten Kindheit.

In dieser Situation werden von vielen betroffenen Kindern Verständnis, Rücksichtnahme, Unterstützung und eine größere Selbstständigkeit erwartet. Manchen Kindern wird durch den gesunden Elternteil oder Verwandte eine Teilschuld an der Krankheit übertragen oder sie glauben oder hören, dass Mutter oder Vater wegen ihres aggressiven oder aufsässigen Verhaltens krank geworden sind.

Einige psychische Erkrankungen nehmen einen schleichenden Verlauf; die ersten Anzeichen sind eher ungewöhnlich als beängstigend. Andere Krankheiten verlaufen in Phasen, in denen sich eher normale Zeiten mit Zeiten eines Krankheitsschubes abwechseln. Kinder sind ebenso wenig wie viele Partnerinnen und Partner der erkrankten Person in der Lage, Depression von normaler Traurigkeit und Niedergeschlagenheit oder Manie von Freude und Ausgelassenheit zu unterscheiden.

Viele Kinder sind verunsichert und trauen ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr. Manche geraten in Loyalitätskonflikte zwischen den Eltern, manche versuchen das Zusammenleben zu stabilisieren.

Insbesondere bei phasisch verlaufenden Krankheiten gibt es zudem zwischen den Krankheitsschüben immer wieder Zeiten, in denen es den Eltern gut geht – und in denen sie manchmal alles wiedergutmachen wollen, was sie in anderen Phasen der Krankheit den Kindern zugemutet haben.

Diese Erfahrung kann dazu beitragen, dass das Kind Schuldgefühle entwickelt, weil es seine Wut auf und seine Scham über die Eltern als ungerecht empfindet.

Ambivalente Gefühle und vor allem Ängste bestimmen den Alltag betroffener Kinder:

  • Angst vor dem unzuverlässigen, in seinen Stimmungen extrem schwankenden und unberechenbaren Elternteil, aber auch
  • Angst um ihn,
  • die Angst um die Stabilität der Familie und vor dem Verlust wichtiger Beziehungen,
  • Angst vor dem eigenen Versagen,
  • Angst vor den eigenen Gefühlen.

Entsprechend reagieren viele Kinder mit einer Reihe unterschiedlicher Verhaltensauffällig-keiten; sie erscheinen abwesend, kauen Nägel, nässen ein, leiden unter Wahrnehmungs-störungen, es kommt zu Schulschwierigkeiten oder fremd- oder autoaggressivem Verhalten.

Beziehungsgestaltung zwischen Pflegekind und Pflegeeltern

Wenn betroffene Kinder in eine Pflegefamilie vermittelt werden, tut vielen von ihnen die Ruhe, der verlässliche Tagesablauf und die entspannte Atmosphäre in der neuen Familie gut. Sie genießen die „Normalität“ der Familie.

Früher oder später werden einige Kinder ihre Erfahrungen mit Elternfiguren und ihre Strategien, mit denen sie in der Herkunftsfamilie die Situation bewältigt haben, in der Pflegefamilie anwenden. Misstrauen in die Verlässlichkeit von erwachsenen Personen in Elternpositionen und Ängste tauchen wieder auf. Je nach persönlichen Einstellungen des Kindes, seinen Bewältigungsstrategien, seiner Fähigkeit zu unterscheiden, seinem Kontroll-bedürfnis und seinem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und einem auftauchenden Loyalitätskonflikt zu seinen Eltern, wird das Kind mit dem Wunsch nach mehr Nähe oder nach mehr Distanz zu den Pflegeeltern reagieren.

Pflegeeltern sollten damit rechnen, dass das Kind auf alltägliche Stimmungsschwankungen, Gefühlsausbrüche und Krankheiten der Pflegeeltern in einem besonderen Maße mit Veränderungen in seinem Verhalten mal ängstlich, mal besorgt, mal umsorgend, mal aggressiv fordernd reagiert. Vielleicht versucht es auch, eine Erkrankung der Pflegeeltern zu leugnen, sie nicht wahrzunehmen, weil sie große Ängste auslöst.

Beziehungsgestaltung zwischen leiblichen Eltern, Pflegeeltern und dem Kind im Besuchskontakt

Die bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass einige Kinder psychisch kranker Eltern in Dauerpflegefamilien zunächst keinen Kontakt zu den Herkunftseltern haben wollen. Dieser Wunsch erfordert ein besonderes Fingerspitzengefühl in der Zusammenarbeit zwischen Pflegefamilie und Herkunftsfamilie; denn viele psychisch kranke Eltern begegnen den Pflegeeltern und dem Jugendamt mit Misstrauen.

Für die Zusammenarbeit und verlässliche Umgangskontakte ist es wichtig, für klare Abgrenzungen und verlässliche Absprachen zu sorgen, offen über Ängste und Vorurteile zu sprechen und Verständnis für die Reaktionen des Kindes zu wecken. Manchmal geht es auch einen Schritt zurück, wenn das gerade aufgebaute Vertrauen wieder erschüttert wird.

Besuchskontakte sollten gut vorbereitet und nachher besprochen werden. Gerade in der ersten Zeit ist eine Begleitung, die von allen Seiten – auch vom Kind – akzeptiert wird, hilfreich.

Beziehungsgestaltung zwischen der Herkunftsfamilie und den Pflegeeltern

Die psychische Erkrankung kann ebenso wie die Angst des erkrankten Elternteils vor der Entfremdung des Kindes zu Misstrauen gegenüber den Pflegeeltern und dem Jugendamt beitragen, so dass eine gemeinsame Übernahme der Verantwortung für das Kind schwierig ist.

Starre Grenzen insbesondere zwischen den beiden Familien des Kindes machen eine Zusammenarbeit fast unmöglich. Fehlendes Vertrauen, unrealistische Einschätzungen und unklare Grenzziehungen tragen zu Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit der Herkunfts-familie und der Pflegefamilie bei.

Es kann aber auch sein, dass die leiblichen Eltern sich selbst Unterstützung und emotionale Versorgung durch die Pflegeeltern wünschen. Andere leibliche Eltern versuchen die Pflegeeltern zu vereinnahmen und zu Verbündeten zu machen. Die Grenzen zwischen den Familien, insbesondere zwischen den Erwachsenen drohen diffus zu werden. Hier müssen die Pflegeeltern einen Weg finden, sich abzugrenzen, ohne die leiblichen Eltern vor den Kopf zu stoßen.

Beziehungsgestaltung zwischen Jugendamt, Pflegefamilie und Herkunftsfamilie

Um ihre komplexen Beziehungen untereinander erfolgreich zu regeln, bedarf es einer sachkundigen und von allen Seiten akzeptierten Begleitung. Die Erwartungen und Wünsche untereinander müssen geklärt werden und der Schutz des Kindes sicher gestellt sein. Wenn klare und verbindliche Absprachen getroffen werden, muss gleichzeitig deutlich werden, was geschieht, wenn Absprachen nicht eingehalten werden.

Ein regelmäßiger Kontakt zwischen den Beteiligten in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen trägt dazu bei, Konflikte frühzeitig aufzudecken und zu bearbeiten.

Abgrenzungen, klare Absprachen, Erreichbarkeit, Beschwerdemanagement sind wichtige Stichworte für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt und den beteiligten Familien. Im Mittelpunkt steht das Kind, das als Mitglied in der Pflegefamilie, in der Herkunftsfamilie und nicht zuletzt im System der Jugendhilfe auf Klarheit und Verlässlichkeit angewiesen ist.

Es ist hilfreich, wenn die Kontakte zwischen den Familien durch eine eher außen stehende Person koordiniert werden, die das Gesamtsystem und Wechselwirkungen zwischen den Beteiligten beobachten kann.

Literatur

Beeck, K.: Im Schatten der Kindheit. Soziale Psychiatrie 3/2003, 12-15
Hipp, M./Staets, S.: „Familiäre Ressourcen stärken“ Das Präventionsprojekt „Kipkel“. Soziale Psychiatrie 3/2003, 27-30
Knuf, A.: „Mit meiner Mutter stimmt etwas nicht“. Die vergessenen Kinder psychisch Kranker. Psychologie Heute 2000, 34–39
Lazarus, H.: Zum Wohle des Kindes? Soziale Psychiatrie 3/2003, 22-26
Lisofsky, B.: „Aus der Krankheit kein Geheimnis machen ...“ Soziale Psychiatrie 3/2003, 34-36
Mattejat, F.: Kinder psychisch kranker Eltern im Bewußtsein der Fachöffentlichkeit – eine Einführung. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001, 491-497
Mattejat, F./Lisofsky, B. (Hg.): ... nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker. Bonn 2001
Schuhmann, K./Ehrhardt, K.: „Mut, Kraft und Stärke geben“ Das Kinderprojekt AURYN. Soziale Psychiatrie 3/2003, 31-33
Szylowicki, A.: Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern. Forum Erziehungshilfen 3/2003, 142-148
Wagenblass, S.: Wenn Eltern in ver-rückten Welten leben ... Soziale Psychiatrie 3/2003, 8–11
dies.: Biographische Erfahrungen von Kindern psychisch kranker Eltern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001, 513-524
Wagenblass, S./Schone, R.: Zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe – Hilfe- und Unterstützungsangebote für Kinder psychisch kranker Eltern im Spannungsfeld der Disziplinen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001, 580-589

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