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13.04.2018
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Förderschüler sind im Vergleich stärker von sexualisierter Gewalt betroffen

Im Rahmen der Erweiterungsstudie Speak!-FÖS wurden zwischen April 2017 und Februar 2018 insgesamt 248 Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr befragt, die Förderschulen besuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass sexualisierte Gewalt – insbesondere in verbaler, aber auch in körperlicher Form – zur Erfahrungswelt vieler Förderschüler gehört.

„Das Hauptrisiko für sexualisierte Gewalt sind andere Jugendliche, das heißt Gleichaltrige“, so resümierten Prof. Dr. Sabine Maschke und Prof. Dr. Ludwig Stecher schon im Juni 2017 bei einer Pressekonferenz den zentralen Befund der Studie „Speak!".

Für die wissenschaftliche Untersuchung waren mehr als 2.700 Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe aller allgemeinen Schulformen 2016/17 zu ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt befragt worden. Dies gelte, so die beiden Erziehungswissenschaftler der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen, auch für die Erweiterungsstudie, deren Ergebnisse heute auf einer Fachtagung in Marburg der Öffentlichkeit vorgestellt worden sind. Im Rahmen der Erweiterungsstudie Speak!-FÖS wurden zwischen April 2017 und Februar 2018 insgesamt 248 Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr befragt, die Förderschulen besuchen. Die  Ergebnisse zeigen, dass sexualisierte Gewalt – insbesondere in verbaler, aber auch in körperlicher Form – zur Erfahrungswelt vieler Förderschüler gehört. Diese sind im Vergleich zu Schülern an allgemeinen Schulen vor allem von  körperlicher sexualisierter Gewalt noch stärker betroffen, auch mit Blick auf die Auswirkungen solcher Erfahrungen. Hessens Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz nannte das Ergebnis nicht ganz überraschend, aber dennoch besorgniserregend: „Die Ergebnisse machen es erforderlich, die Schulen – und das heißt alle Schulformen – als Schutz- und Präventionsorte weiter zu stärken.“ Förderschülerinnen und Förderschüler brauchten dabei im Besonderen einen in den (Schul-)Alltag eingebundenen kontinuierlichen Austausch über Themen der Sexualität, Körperlichkeit und sexualisierte Gewalt.

Insgesamt seien Jugendliche, die Förderschulen besuchen, besonders verletzlich. Eine umfassende ‚Sprachlosigkeit‘ in den Bereichen Sexualität, Körperlichkeit und sexualisierte Gewalt trägt bspw. dazu bei, dass die Worte fehlen, um sexualisierte Gewalthandlungen benennen und in einem ersten Schritt Grenzen ziehen und Übergriffe verhindern zu können. Zudem sind die Themen rund um Sexualität wie auch sexualisierte Gewalt mit Schamgefühlen verbunden und werden als peinlich erlebt. „Erst dann, wenn Heranwachsende benennen können, was mit ihnen geschieht, was sich nicht gut anfühlt etc., kann es gelingen, über sexualisierte Gewalt kommunizieren, Grenzen ziehen, sich wehren und Hilfe holen zu können“, erklärten die Professoren.

Zum Ablauf der Studie

„Auch für die Erweiterungsstudie Speak!-FÖS ist es ein wesentliches Merkmal, dass sie nicht nur die Perspektive der unmittelbar Betroffenen einbezieht, sondern auch die von Jugendlichen, die sexualisierte Gewalt beobachtet haben oder auch selbst ausgeübt haben“, erläuterte die Leiterin des Projekts Prof. Maschke. „Die Schule ist für nicht-körperliche Formen sexualisierter Gewalt ein risikoreicher Ort. Nicht zuletzt deshalb kann Schule aber auch ein bedeutender Ort für die Präventionsarbeit sein“, so Maschke. „Der Fragebogen wurde von allen Schülerinnen und Schülern mit großer Ernsthaftigkeit ausgefüllt. Dafür möchten wir allen sehr herzlich danken. Obwohl wir den Fragebogen in einem aufwändigen Vorgehen an die Bedürfnisse der Jugendlichen in den verschiedenen Förderschwerpunkten angepasst haben, konnten wir nicht alle vollständig abbilden.“ Besonders mit Blick auf den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sei man an die Grenzen eines standardisierten repräsentativen Vorgehens gestoßen. „Dennoch ist die Erweiterungsstudie für den weitaus größten Teil der Jugendlichen, die Förderschulen besuchen, repräsentativ“, ergänzt Prof. Stecher, der für das statistische Design der Studie verantwortlich ist.

Was hat die Studie mit welchen Ergebnissen untersucht?

„Die Hälfte der Jugendlichen erlebt über alle Förderschwerpunkte hinweg nicht-körperliche Formen sexualisierter Gewalt. Ein Ergebnis, das sich sehr ähnlich auch in der Haupterhebung zeigte. Es werden sexuelle Witze über die Jugendlichen gemacht, oder sie werden als schwul oder lesbisch in abwertender Form bezeichnet“, erläuterte Prof. Maschke. „Verbreitet ist aus unserer Sicht auch für die Förderschulen eine sexualisierte Beschimpfungs-‚Kultur‘ unter den Jugendlichen. Mädchen sind im Vergleich zu Jungen im Besonderen von Exhibitionismus und von Belästigungen im Internet betroffen.“

„Knapp ein Drittel (30 %) der befragten 14- bis 16-Jährigen berichtet über körperliche sexualisierte Gewalterfahrungen wie gegen den Willen angetatscht, geküsst oder am Geschlechtsteil berührt zu werden. Damit liegt die Prävalenzrate um 7 Prozentpunkte höher als in der Hauptstudie. 45 Prozent der Mädchen (in der Hauptstudie waren es 35 %) berichten von solchen Erfahrungen“, so Maschke über die Ergebnisse der Befragung über das zweite Basis-Instrument körperliche sexualisierte Gewalt. Es zeigt sich, dass „Mädchen einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, sexualisierte Gewalt zu erleben“, hebt Maschke hervor „und im Vergleich zur Hauptstudie, dass das Risiko für Mädchen und für Jungen, die Förderschulen besuchen höher ist.“

„Sexualisierte Gewalterfahrungen sind nicht folgenlos für die Betroffenen, sondern wirken in viele Lebensbereiche der Jugendlichen hinein. Betroffene gehen weniger gerne zur Schule, fühlen sich in ihrer Familie weniger wohl, haben ein negativeres Bild von sich selbst und berichten häufiger von Mobbingerfahrungen in der Schule als andere Jugendliche“, erläutert Prof. Maschke die Folgen für betroffene Jugendliche. „Dies hatten wir so auch in der Haupterhebung bei den dort Betroffenen beobachtet“, ergänzt Stecher, „allerdings ist auffällig, dass Betroffene in der Förderschule häufiger als wir dies in der Haupterhebung sahen, gleichzeitig über Mobbingerfahrungen berichten.“ Außerdem erleben Förderschüler/innen zu erheblich höheren Anteilen als die Jugendlichen in der Hauptstudie, dass die Erfahrungen sexualisierter Gewalt Folgen für sie haben, bspw. dass sie deshalb geweint haben, Sorgen und Ängste hatten, sich geschämt oder anderen misstraut haben.

Prävention – Möglichkeiten in der Schule

Maschke und Stecher raten, den Fokus bei der Prävention nicht allein auf sexuellen Missbrauch und erwachsene Täter zu richten. Die Sensibilisierung für sexualisierte Gewalt müsse auch mit Blick auf die Gleichaltrigen erfolgen. Denn insbesondere von diesen gehe sie auch aus. Förderschüler seien in mehrfacher Hinsicht als verletzlich anzusehen, bringen aber auch Ressourcen und Kompetenzen mit, die es in Prävention positiv einzubinden und zu stärken gilt. Das, was für die Schülerinnen und Schüler aus der Hauptstudie gilt, gilt auch für Förderschülerinnen und Förderschüler: Sie brauchen ein schulisches Umfeld, das Sozialisations- und Erfahrungsräume bereitstellt, die Sicherheit gewährleisten (Schule als Schutzraum), aber gleichzeitig dem Wunsch der Heranwachsenden nach Freiraum und Eigengestaltung nachkommen (Schule als Sozialisationsraum). Im Vergleich zur Speak! Hauptstudie kommt es mit Blick auf die Förderschülerinnen und Förderschüler noch stärker auf langfristige, nachhaltige und ganzheitliche Angebote an, die auf eine umfassende Präventionsarbeit zielen – von der Sexualpädagogik bis hin zur Prävention sexualisierter Gewalt.

Warum wurde die Studie in Auftrag gegeben?

Die Hessische Landesregierung hat im Mai 2012 den „Aktionsplan des Landes Hessen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt in Institutionen“ (LAK) beschlossen. Der Plan wurde unter der Federführung des Justizministeriums gemeinsam mit dem Innenministerium, dem Sozialministerium und dem Kultusministerium erarbeitet. „Schule kommt bei der Präventionsarbeit gegen sexuellen Kindesmissbrauch eine besondere Rolle zu“, betonte Kultusminister Lorz. „Als ein besonderer institutioneller Schutzraum hat die Schule präventiv gegen sexualisierte Gewalt zu arbeiten und sie muss in der Lage sein, Opfer zu schützen bzw. ihnen fachkundige Unterstützung zu vermitteln.“ Um Hilfe- und Unterstützungsangebote sowie Präventionsmaßnahmen bedarfsgerecht und das heißt für alle Schulformen (weiter-)zu entwickeln, sei eine Arbeitsgrundlage notwendig gewesen, die den Bereich sexualisierter Gewalt aus der Sicht Jugendlicher detailliert erfasst. Denn: Präzise Statistiken und repräsentative Untersuchungen darüber, wie viele Fälle es in welchen Bereichen gibt, fehlten für Deutschland weitgehend. „Dank der Beauftragung der Philipps-Universität Marburg mit der Durchführung der nun vorliegenden Studie in Kooperation mit der Justus-Liebig-Universität Gießen konnte diese Lücke nun geschlossen werden“, so Lorz.

Was tut Hessen bereits in Sachen Prävention?

Der Kultusminister verwies in diesem Zusammenhang auf die Maßnahmen, die für die hessischen Schulen bereits auf den Weg gebracht worden sind:

  • Die Handreichung zum Umgang mit sexuellen Übergriffen im schulischen Kontext liegt allen hessischen Schulen in einer überarbeiteten Fassung vor. Sie steht auch als Download zur Verfügung. Zur Unterstützung der Schulen im Umgang mit der Handreichung wird diese auch auf Schulleiter-Dienstversammlungen vorgestellt und diskutiert.
  • Hessen beteiligt sich an der Kampagne des Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) „Schule gegen sexuelle Gewalt“ und hat allen hessischen Schulen entsprechende Infomappen zur Verfügung gestellt. Die UBSKM-Initiative unterstützt Schulen bei der Erarbeitung eigener Schutzkonzepte durch gezielte Informationen und das Fachportal www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de.
  • Es hat bereits Qualifizierungsreihen zur Schulung der schulischen Ansprechpersonen gegen sexuelle Übergriffe in den einzelnen Schulamtsbezirken gegeben: 2016 Kassel und Weilburg, 2017 in Gießen, Fulda, Bebra, Offenbach und Wiesbaden. 2018 folgen die restlichen Schulamtsbezirke.
  • Das Theaterstück „Trau dich!“, das Kinder informieren, ihnen Selbstbewusstsein geben und sie zum Thema Missbrauch aufklären soll, wurde 2017 an mehreren Standorten in Hessen gezeigt und wird künftig vom Schultheaterstudio Frankfurt im Rahmen einer Kooperation des Kultusministeriums mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angeboten.

Kultusminister Lorz versicherte zum Abschluss, dass das Land auch weiterhin alle sinnvollen Präventionsmaßnahmen unterstützen und die Schulen zur Umsetzung animieren werde. „Klar ist für uns auch, dass die Erkenntnisse der Studie auch in die Lehreraus- und -fortbildung einfließen sollen. Der Auftrag für eine Folgestudie an den Förderschulen war die logische Konsequenz entsprechende Maßnahmen für alle Schulformen zu entwickeln. Für den Bereich der Schulen wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass sexualisierte Gewalt für Jugendliche künftig seltener zur persönlichen Erfahrung wird und stattdessen der wertschätzende und diskriminierungsfreie Umgang miteinander gestärkt und gefördert wird.“

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