Sie sind hier

25.11.2011
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Sexueller Kindesmissbrauch: Neue Analysen der Anrufe und Briefe in der Anlaufstelle

Der Endbericht berücksichtigt die Inhalte aller Anrufe und Briefe, die von April 2010 bis Ende August 2011 bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten eingegangen waren.

Mit dem Ende der Amtszeit der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin a. D., am 31.10.2011 endete auch der Auftrag an die wissenschaftliche Begleitforschung der Anlaufstelle, die durch ein Team um den Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten Prof. Dr. Jörg M. Fegert vom Universitätsklinikum Ulm durchgeführt und von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet wurde.
Der Endbericht berücksichtigt die Inhalte aller Anrufe und Briefe, die von April 2010 bis Ende August 2011 bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten eingegangen waren. „Mit den jetzt veröffentlichten Ergebnissen der quantitativen und qualitativen Auswertung liegt uns der bisher größte Datensatz in Deutschland zu Berichten von Betroffenen zu sexuellem Missbrauch vor“, so Prof. Dr. Fegert, „die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse über die Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs, die nicht nur in den Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten und die Arbeit des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ eingeflossen sind, sondern auch weitere wichtige Impulse für die Forschung und alle Akteure, die mit Kindern und Jugendlichen zur Thematik arbeiten, setzen werden.“
Der gesamte Datensatz nach rund eineinhalb Jahren Anlaufstelle (6.300 verwertbare Datensätze aus rund 22.000 Anrufen und Briefen) erlaubt nun auch zum ersten Mal eine Auswertung der Angaben von Betroffenen in drei verschiedenen Altersgruppen. In den bisher veröffentlichten Zwischenberichten waren alle Berichte trotz großer Altersspannen (6-89 Jahre) gemeinsam analysiert worden, nun wurden die Altersgruppen 16-39 Jahre, 40-59 Jahre und ab 60 Jahre auch getrennt analysiert.
Diese neu gebildeten Vergleichsgruppen erlauben eine Einschätzung von Entwicklungstrends. Hier scheint sich beispielsweise zu bestätigen, was nach der Vorstellung der Repräsentativbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) durch Prof. Dr. Christian Pfeiffer ebenfalls betont wurde, dass ein Rückgang der Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen in den jüngeren Altersgruppen feststellbar ist. Da es sich um eine Inanspruchnahmepopulation (Betroffene und Kontaktpersonen von Betroffenen meldeten sich selbst) und nicht um eine repräsentative Stichprobe (Befragung eines Querschnitts der Gesellschaft) handelt, können keine Angaben zur proportionalen Gesamthäufigkeit in der Bevölkerung gemacht werden. Der Datensatz mit tausenden von Angaben zu Missbrauchsgeschehen ermöglicht aber einen vertieften Einblick in sehr viele Schicksale und Kontexte, wie er in einer Repräsentativbefragung kaum mö glich ist.
Während beispielsweise in der Repräsentativbefragung von Prof. Dr. Pfeiffer nur vier Heimkinder überhaupt erreicht werden konnten und Heimkinder damit auch nach Angaben des KFN deutlich unterrepräsentiert sind, enthält der Datensatz des Endberichts der Anlaufstelle Angaben von über 300 betroffenen Heimkindern. Da Fremdbetreuung für viele gefährdete Kinder oft die einzige Chance, gleichzeitig aber auch ein neues Gefährdungsrisiko darstellt, wurden im Endbericht auch Daten zu ehemaligen Pflegekindern und Missbrauch in Pflegeverhältnissen ausgewertet. Erstmals finden sich im Endbericht auch eine Sonderauswertung der Fälle im Kontext der katholischen und evangelischen Kirche in Gegenüberstellung zu Fällen in weltlichen Institutionen sowie Auswertungen zu Missbrauch im medizinisch-therapeutischen Kontext oder zu seltenen, aber schwerwiegenden Fällen ritueller Gewalt.
„In den letzten eineinhalb Jahren haben sich viele Menschen in dem Prozess der Aufarbeitung engagiert und ihren persönlichen Beitrag hierzu geleistet“, so Prof. Dr. Fegert bei der Übergabe des Endberichts an die Geschäftsstelle der ehemaligen Unabhängigen Beauftragten, „nach dem Ende des Runden Tisches erwarten viele Betroffene zu recht, dass die Politik definitiv Konsequenzen zieht und sich in der Praxis, auch in der Fläche der gesamten Bundesrepublik, etwas verbessert.“
Die Geschäftsstelle der Unabhängigen Beauftragten sowie die telefonische Anlaufstelle mit der kostenfreien Rufnummer 0800-22 55 530 werden seit dem 1. November 2011 kontinuierlich weitergeführt. Eine Nachfolge von Frau Dr. Bergmann wird spätestens mit Ende des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ Ende November erwartet. Noch immer gehen täglich zwischen 40 und 60 Anrufe in der telefonischen Anlaufstelle ein, die bei Zustimmung fortgesetzt dokumentiert werden. Seit April 2010 sind inzwischen 23.500 Anrufe und Briefe in der Anlaufstelle eingegangen.
Hier finden Sie den Endbericht als auch alle Zwischenberichte
Quelle: Pressemitteilung der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs vom 17.11.2011

Das könnte Sie auch interessieren

Stellungnahme

Wuppertaler Appell an den "Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch"

Vom 23. - 25.4.2010 trafen sich in Wuppertal Experten aus dem gesamten Bundesgebiet und Österreich, die männliche Opfer sexualisierter Gewalt begleiten, beraten und zum Thema forschen. Sie fordern mehr qualifizierte Hilfen und veröffentlichten einen Appell
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Bilanzbericht des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung:

Der Bundesbeauftragte stellt fest: „Keine Entwarnung. Kein Schlussstrich. Trotz wachsender Sensibilität: Nach der Bundestagswahl braucht sexueller Kindesmissbrauch höheren politischen Stellenwert“
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Missbrauch von Pflegekindern in Berlin länger als angenommen

In Berlin wurden Kinder oder Jugendliche wohl länger als bisher angenommen gezielt zur Pflege an Pädophile vermittelt und von diesen dann auch sexuell missbraucht. Das legt ein am Montag, dem 18. November 2019, in der Hauptstadt vorgestellter Zwischenbericht eines Forschungsvorhabens der Universität Hildesheim zum verstörenden Wirken des Berliner Sozialpädagogen Helmut Kentler (1928-2008) nahe.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Abschlussbericht der DJI-Studie „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen”

Seit Anfang März liegt nun der vollständige Abschlussbericht der Institutionenbefragung in Schulen, Internaten und Heimen vor - auch online.
Arbeitspapier

Perspektivpapier der Kinderschutzzentren zum sexuellen Missbrauch an Kindern

Im Nachgang zur nationalen Konferenz zum Schutz vor sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche am 25.-26.3.09 in Berlin haben die Kinderschutzzentren Anregungen zur Diskussion um den Nationalen Aktionsplan veröffentlicht.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Schulkinder ohne Schutz?

Eine Studie des Deutschen Jugendinstitut (DJI), die vom Unabhängigen Beauftragen für Fragen des Sexuellen Missbrauchs in Auftrag gegeben wurde, zeigt, wie es an deutschen Schulen um den Schutz vor sexuellem Missbrauch steht
Stellungnahme

von:

Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder

Das Deutsche Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht eV (DIJuF) hat am 14. September 2020 eine Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder veröffentlicht. Das Institut äußert sich in seiner Stellungnahme besonders zu den geplanten Veränderungen in familiengerichtlichen Verfahren und zu den Straftatbeständen bei sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Ebenso hat der Paritätische Gesamtverband im Rahmen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) zum Gesetzentwurf Stellung genommen.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

von:

Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zeigt: Die gesamte Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlicht den Bilanzbericht ihrer ersten Laufzeit
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Fokus JA

Projekt „FokusJA“ ermöglicht einen partizipativen Wissenstransfer zu Kooperation, Hilfeplanung und Schutzkonzepten in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Die Hochschule Hannover, die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und die Stiftung Universität Hildesheim forschen gemeinsam für besseren Wissenstransfer zu Kooperation, Hilfeplanung und Schutzkonzepten im Rahmen von sexualisierter Gewalt.
Stellungnahme

Stellungnahmen zum Kentler-Experiment

In den 1960/70er Jahren wurden Pflegekinder im Rahmen des Kentler-Experimentes auch bei pädophilen Pflegevätern untergebracht. Wissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen bestätigt, dass es im Rahmen des „Kentler-Experiments“ zu schwerem sexuellen Kindesmissbrauch kam. Das Land Berlin hat infolgedessen im April 2021 das Leid zweier Betroffener anerkannt und sich zu finanziellen Leistungen bereit erklärt. Kentler war auch in Bayern tätig. Das Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal und die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern haben nun Stellungnahmen zur Zusammenarbeit mit Kentler veröffentlicht. Die Kirche will sich an der Aufarbeitung in Josefstal beteiligen und erklärt weiterhin: "Wir werden aktiv die Aufarbeitung der unkritischen Aufnahme von Kentlers Theorien und Haltungen zu Sexualität und Jugendarbeit im Bereich der ELKB und der EKD und den Gründen, weshalb dem nicht früher und lauter widersprochen wurde, anstoßen und unterstützen." Moses-online hat im Januar 2017 einen Artikel zum Kentler-Experiment mit Pflegekindern in Berlin veröffentlicht.