Sie sind hier

09.12.2011
Hinweis

Gefangen in der verführerische Werbeflut der Industrie

Kinder- und Jugendärzte fordern mehr Kinderbewusstsein nicht nur in der Weihnachtszeit und eine Auseinandersetzung aller Eltern mit verführerischen Werbebotschaften.

Pressemittelung

Die deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) fordert alle Eltern auf, sich mit verführerischen Werbebotschaften an Kinder auseinanderzusetzen und diese in gegebenen Fällen auch deutlich als Täuschungen zu entlarven.

Jüngstes Beispiel dafür ist die «Milchschnitte», die 2011 von der Verbraucherorganisation foodwatch mit dem "Goldenen Windbeutel" als gravierendste "Werbelüge des Jahres" bedacht worden war. Begründung: Die Milchschnitte "ist keine sportlich-leichte Zwischenmahlzeit! Sie hat mehr Zucker, mehr Fett und mehr Kalorien als eine Schoko-Sahnetorte". "Eine so irreführende Werbung von Ferrero fördert die Entwicklung von Übergewicht." Die zweifelhafte Ehrung war nach Angaben von Dr. Johannes Oepen, Leiter des DGSPJ-Fachausschusses Stationäre Prävention und Rehabilitation, zuvor im Jahr 2010 bereits der Molkerei Zott für "Monte Drink", und 2009 Danone für den Joghurt "Actimel" zuerkannt worden.

Wie wichtig solche Gegenkampagnen zu den Tricks und Machenschaften der Werbeindustrie sind, belegen nur einige wenige Daten und Fakten: Kinder in Deutschland sind eine hochattraktive Zielgruppe für Werbung und Marketing. Die 11 Millionen Kinder, die zwischen 6 und 19 Jahren sind, verfügen über mehr Geld als jemals vorher: Im Durchschnitt 1.800 EUR. Deshalb versucht die Werbewirtschaft, Kinder immer früher an Markenprodukte zu binden und ihr Konsumverhalten zu beeinflussen. Gut die Hälfte aller 20.000 bis 40.000 Werbespots, die pro Jahr allein über das Fernsehen auf Kinder einströmen, vermarkten Süßwaren, Limonaden und Knabberartikel, hat die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin festgestellt. Schon 2- bis 5-jährige Kinder stehen heute im Visier der Hersteller, damit diese sich an den Konsum bestimmter Marken, Produkte oder Ess- und Trinkgewohnheiten frühzeitig gewöhnen. Mit Softdrinks als wahre Kalarienbomber und mit immer größeren Packungen für Schoko- und Fastfood-Produkte wird schon Kleinkindern ein hoher Wohlfühlfaktor suggeriert.

Bis zum Alter von 8 Jahren können sich Kinder der Faszination von in ihren Augen attraktiven Produkten (DVDs, Spielzeug oder Genussmittel, verziert mit ihren Lieblingshelden) nicht entziehen. Erst ab dem Alter von 8 bis 10 Jahren beginnen Kinder die Glaubwürdigkeit von Werbung allmählich in Zweifel zu ziehen, so Johannes Oepen. Auf dem Wege zu einem abwägenden und kritischen Konsumenten benötigen sie jedoch auch weiterhin orientierende Unterstützung.

Doch was können Eltern, (Kinder)-Ärzte und Politiker tun, um Kinder aus der verführerischen Welt der Werbeindustrie zu befreien? Dazu hat die DGSPJ folgende 6 Handlungs-Richtlinien aufgestellt:

1) Vorbild sein! Tabakrauch ist ein Risikofaktor für Asthma. Dennoch
wird bei einem Drittel der asthmakranken Kinder und Jugendlichen zu
Hause geraucht und ein Fünftel der asthmakranken jungen Menschen
raucht dann auch selbst. Eltern sollten daher auf Tabakkonsum in den
eigenen vier Wänden verzichten!
2) Aufklären! Werbung ist zwar Teil des Alltags im Fernsehen, in
Zeitschriften und selbst auf der Straße. Dennoch müssen Eltern
darüber informieren, was hinter Werbespots steckt und dass diese
Kinder manipulieren können.
3) Aktiv werden! Gesundheitsfürsorge für Kinder ist mühsam, zahlt
sich auf Dauer aber aus. So ist es nicht zuletzt auch auf Druck der
Verbraucher gelungen, die Gesundheitsrisiken von Tabakkonsum deutlich
zu benennen und so den gesundheitlichen Schutz von Kindern zu
verbessern.
4) Politischen Druck aufbauen! Nur durch Druck von Eltern können
Hersteller zur Aufgabe fragwürdiger Werbespots wie etwa bei der
Milchschnitte (etwa über E-Mail Ketten) gezwungen werden. Doch ein
solcher Weg ist langwierig. Erst jüngst ist der Vorschlag
gescheitert, in der EU nach dem Vorbild des britischen Ampelsystems
auch in Deutschland Gesundheits-Ampeln auf Lebensmittel (Rote Punkte
für ungesunde Produkte) einzuführen.
5) Alltagswissen stärken! Kochkurse, Ernährungsberatung oder ein
verbindlicher Gesundheitsunterricht an Schulen müssen verbindlich
eingeführt werden.
6) Werbeverbote: Bei Sendungen, die nachgewiesenermaßen von sehr
vielen Kleinkindern angeschaut werden, muss auch über ein Werbeverbot
für Genussmittel nachgedacht werden.

Ein Patentrezept, um rasch gegen den an Kinder gerichteten Missbrauch von Werbung vorzugehen, gibt es für Johannes Oepen zwar nicht. Doch alle Maßnahmen zusammen, so die DGSPJ, werden auf Dauer ihre Wirkung nicht verfehlen und könnten zu dem Kinderbewusstsein führen, am dem es derzeit in- und außerhalb der Werbebranche so sehr mangelt.

Pressekontakt:

Dr. med. Johannes Oepen
Fachausschuss "Stationäre Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen
für Kinder und Jugendliche"
55543 Bad Kreuznach
E-Mail: Johannes.Oepen@viktoriastift.de

Das könnte Sie auch interessieren

Alltag mit Kindern

Kleinkinder brauchen keine Diät

Die Lebensmittelindustrie verunsichert Eltern und Kinder und leistet falschen Ernährungsgewohnheiten Vorschub. So lautet der Vorwurf des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) im Zusammenhang mit sogenannten Kleinkinder- und Kinderlebensmitteln.
Hinweis

Sommer, Sonne, Handyzeit

Sommerzeit bedeutet Sonne, gute Laune und lange Ferien. Mit Beginn dieser unbeschwerten Zeit sehen wir vieles nicht mehr so eng. Trotzdem sollten einige Grundregeln in Sachen Medienkonsum bestehen bleiben. Was es trotz aller Ausgelassenheit und Sommerfeeling zu beachten gilt, weiß ZEBRA, das Beratungsportal der Landesanstalt für Medien NRW zu allen Fragen rund um die Nutzung digitaler Medien.
Alltag mit Kindern

Lexikon der Babysprache: „Signale des Babys“

Der neue YouTube-Kanal „Signale des Babys“ ist ein filmisches Lexikon der Babysprache – die Ausdrucksmöglichkeiten kleiner Kinder in vielen kurzen Spots und einigen längeren Filmen - und das Projekt einer gemeinnützigen Stiftung.
Tiefergehende Information

Kindgerechter Umgang mit dem Internet

Das Internet ist für Eltern heutzutage das große Erziehungsthema. Schau-hin.info weist hin auf 10 goldene Regeln, Filtersoftware und Schutz der persönlichen Daten.
Hinweis

Dabei sein und mitreden

Social Media für Alle

Die LAG Lokale Medienarbeit NRW hat ein Heft herausgegeben, in dem methodische Ansätze für die Inklusive Jugendmedienarbeit beschrieben werden. Es geht es um verschiedenste Informationen z.B. wie die Jugendhilfe trotz Datenschutz-Bedenken Social Media nutzen kann. Besonders eindrucksvoll und umfassend sind die Erläuterungen/Übersetzungen in einfacher Sprache von Begriffen wie z.B. Sozial Medias, Hate-Speech, Daten-Schutz, Cyber-mobbing etc.
Alltag mit Kindern

Was und wie suchen Kinder im Internet?

Die Suche der Kinder im Internet ist das DJI-Online -Thema 12 /2012
Alltag mit Kindern

Fünf Tipps für den kindgerechten Umgang mit Computerspielen

Eltern können davon ein Lied singen: Computerspiele sind insbesondere bei Kindern und Jugendlichen (zu) beliebt. Viele sitzen stundenlang davor, Tag für Tag. Um möglichen Gefahren oder Problemen besser begegnen zu können, gibt die deutschlandweite Sensibilisierungskampagne medienbewusst.de Tipps und Ratschläge, die helfen, die Medienkompetenz von Kindern bei der Nutzung von Computerspielen zu stärken.
Hinweis

Information in leichter Sprache über Jugendmedienschutz

Mit einem Dossier zum Thema „Jugendmedienschutz in Leichter Sprache“ wollen die Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz und die Bundesvereinigung Lebenshilfe über die gesetzlichen Regelungen zum Jugendmedienschutz informieren.
Projekt

Neue App soll Rechte von jungen Menschen in Pflegefamilien stärken

Zum 30-jährigen Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention veröffentlicht das Verbundprojekt FosterCare eine App, die dabei helfen soll, die Beteiligungs-, Schutz- und Beschwerderechte von jungen Menschen in Pflegefamilien zu stärken. Entwickelt wurde die App im Verbundprojekt FosterCare am Universitätsklinikum Ulm, der Hochschule Landshut und der Universität Hildesheim.
Alltag mit Kindern

Digital kompetent oder abgehängt? Wege von Kindern und Jugendlichen ins Netz

Im Zentrum der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten DJI-Studie „Digital Divide – Digitale Kompetenz im Kindesalter“ stehen die Gelingensbedingungen von Bildung in einer von Medien und Informationstechnologien geprägten Lebenswelt.