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29.11.2013

Interview mit einem älteren Adoptivsohn zur Frage der leiblichen Eltern

"Die Sicherheit der Kinder kommt durch den Halt, den die Eltern ihnen geben, mit denen sie leben und nicht durch die Fantasie, da ist noch jemand anderes, dessen genetisches Material ich habe." sagt Matthias.

Interview mit Matthias.
Die Fragen stellte Ricarda Hartwich-Reick

Um dich kennenzulernen wäre es schön, wenn du uns zwei für dich eher positive und zwei eher negative Eigenschaften von dir sagen könntest.

Ich glaube, ich bin sehr neugierig, das hat auch meinen Berufswunsch stark geprägt, nämlich den Journalist zu werden. Und ich habe als Stärke, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich umgeben und versuche mir die zu erklären und nicht nur drauflos zu leben. Und was nicht so gut ist, ich glaube, ich bin vergleichsweise undiszipliniert und das macht es mir und anderen nicht immer leicht. Und ich habe ein Unverhältnis zum Geld, in jeder Hinsicht.

Und glaubst du denn, dass du diese vier Eigenschaften eher aus deiner Adoptivfamilie übernommen hast oder dass sie angeboren sind und du sie also von deinen Herkunftseltern mitbekommen hast?

Meine Mutter war, was den Umgang mit Geld betrifft, erheblich disziplinierter als ich. Sie war überhaupt disziplinierter.

Deine Adoptivmutter?

Ja, wenn ich meine Mutter sage, spreche ich nie von jemand anderem. Also meine Mutter war disziplinierter als ich. Und was den anderen Teil angeht, das Interesse an der Welt, das hat meine Mutter nicht gehabt. Sie war eher unpolitisch, was ich nicht war. Sie war viel weniger neugierig auf die Welt. Außer für ihren unmittelbaren Lebensraum hat sie sich nicht viel interessiert. Insofern ist es interessant, dass die beiden Punkte, die ich für mich positiv empfinde, bei ihr nicht so ausgeprägt waren und umgekehrt.

Ob das jetzt genetisch oder durch Erziehung oder weiß der Kuckuck was ist, das kann ich erstens nicht beurteilen und ich halte das auch für eine uninteressante Diskussion, weil natürlich Eigenschaften in mir drin sein werden, die mich beflügelt haben. Und andere Sachen habe ich mir angeeignet aufgrund der Lebensumstände, die mir geboten wurden. Das ist ein sehr komplizierter, komplexer Prozess, dessen Bewegungsmuster ich nicht kenne.

Das heißt, du kannst es nicht raus finden und es scheint auch keine besondere Rolle für dich zu spielen.

Erstens das und ich glaube, dass die Menschen von so vielen Dingen beeinflusst werden und es so oft Abbiegemöglichkeiten gibt auf der Lebensspur. Das mit genetischen Faktoren erklären zu wollen oder mit Erziehung ist mir viel zu oberflächlich. Man muss das konkrete Leben der Leute angucken, was da wirklich eine Rolle gespielt hat. Da gibt’s Schicksalsschläge, die wirken sich viel mehr aus. Da gibt’s Unfälle – ich bin z.B. als Kind, da war ich fünf, vor ein Auto gerannt. Da hätte ich tot sein können oder eine Querschnittslähmung haben können. Das hätte mein Leben von da an massiv beeinflusst.

Ich höre daraus, dass dich diese Fragen nie besonders umgetrieben haben: Was kommt woher? Wie waren meine leiblichen Eltern?

Das hat mich nie umgetrieben. Ich wusste es ja auch lange gar nicht.

Wann hast du es denn erfahren und wie?

Erfahren habe ich das nach meinem Abitur, zufällig in einer Hotelbar im Harz. Meine Mutter hatte - was ich ihr sehr gegönnt habe - einen Lebensgefährten gefunden nach einer längeren Zeit, in der sie keinen Partner hatte. Ich hatte sie da besucht, meine Mutter und ihren Lebenspartner, in der Kur. Ich stand dann abends mit ihr und ihrem Lebensgefährten an der Bar und dabei hat er sich verplappert. Er hat gedacht, ich wüsste das. Es ging über die Hintertür, über das Schicksal einer Freundin, von der ich wusste, dass sie Adoptivkind ist. Und der Lebensgefährte sagte, dass wir ja nun das gleiche Schicksal hätten, was mich natürlich verblüffte und ich erst gar nicht wusste, was er meinte. Dann hab ich das verstanden und ja, ich war sehr irritiert.

Warst du nur irritiert oder warst du dann auch sauer auf deine Mutter, weil sie dir das nicht gesagt hatte? Hast du sie dann zur Rede gestellt?

Erstmal musste ich das ja verarbeiten, für mich verstehen, Ich war ja nicht mehr so jung. Ich war schon in der Lage mir das ganze Tableau vorzustellen. Es war mehreres. Ich war sehr verwundert, warum mir meine Mutter das nicht gesagt hatte. Dann habe ich mich versucht damit zu befassen. Es musste ja Gründe geben. Ja, irritiert ist das richtige Wort, weil ich eben erstmal verblüfft war. Ich fand es aber in der Situation nicht weiter dramatisch. Es klingt vielleicht komisch, aber es war die Situation selber, die so problematisch war. Es gibt ja Dinge, die man durchaus austauschen sollte. Wenn das nicht gemacht wird, ist es ein Geheimnis und wenn das gelüftet wird, ist es auf jeden Fall erstmal eine große Überraschung. Und jetzt ist die Sache, wie diese Überraschung bewertet wird. Ich konnte das einordnen. Die Haltung, die ich zu meiner Mutter hatte, hat sich dadurch nicht geändert. Gefragt hab ich sie - ich hab sie nicht zur Rede gestellt.

Du hast gefragt ohne Vorwurf?

Ohne Vorwurf. Ich hab sie gefragt, warum sie das eigentlich so lange mit sich rumgeschleppt hat. Ich fand das auch für sie sehr anstrengend. Ich hab mir im Laufe der Jahre dazu noch mehr Gedanken gemacht. Ich finde solche Geheimnisse bewahren zu wollen … fast…

…Unerträglich, es ist eine Bürde, eine Last.

Weil es wahrscheinlich auch gar nicht geht. Die Geschichte ist voller gelüfteter Geheimnisse. Und in letzter Konsequenz riskiert auch jemand was. Das hätte natürlich nach hinten losgehen können. Dass ich hätte die Beziehung abbrechen wollen oder mich auf die Suche gemacht hätte nach leiblichen Eltern. Aber das waren keine Impulse, die ich hatte. Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir war so gefestigt, dass das keine Rolle spielte. Mag auch seltsam klingen, war aber so. Dieser Punkt zu sagen, ich hätte das schon ertragen, wenn ich das eher erfahren hätte. Und dann haben wir das besprochen, aber meine Mutter hat das nicht erklärt.

Sondern? Sie wollte nichts sagen?

Das weiß ich nicht mehr. Sie sagte, sie hätte es mir wohl nie gesagt, lieber mit ins Grab genommen. Und ich weiß nicht, ob ich es rausgekriegt hätte. Aber so war es dann eben. Es war in der Welt und hat mich beschäftigt.

Deine Mutter ist kürzlich gestorben. Wenn du jetzt zurückblickst auf das lange Leben, das ihr doch miteinander hattet – sie ist ja 99 Jahre alt geworden, wie würdest du die Beziehung zu ihr beschreiben?

Es war ein sehr inniges Verhältnis, weil es geprägt war von der Haltung meiner Mutter mir gegenüber, die wollte, dass aus mir was wird. Ich bin 1954 geboren worden im Wirtschaftswunder. Das waren einfache Verhältnisse, aber gesicherte mit durchaus komplizierten Strukturen. Ich war ja, wenn man das so sagen möchte, ein Wunschkind. Also, sie hatte sich das Kind gewünscht, sie konnte keine Kinder kriegen. Da hat sie sich auf die Suche gemacht ganz offensichtlich und dabei mich gefunden. Das nenne ich so eine Wunschkind-Beziehung.

Weiß du, wie viel Zeit vergangen war zwischen dem Zeitpunkt zu dem sie erfahren hat, dass sie keine Kinder bekommen kann und dem Wunsch zu adoptieren und dich dann auch zu bekommen?

Nein, aber ich weiß, dass ich ein Jahr im Heim war. Meine Mutter war 40 Jahre alt, da kann man ja drüber nachdenken, das muss ja schon länger bekannt gewesen sein in dem Alter.

Aber du weißt es nicht.

Nein, aber ich denke mir, das ist ja etwas Merkwürdiges, ich hätte drüber stolpern können über das hohe Alter, dass meine Mutter 40 Jahre älter war als ich. Man muss das im Vergleich sehen, die Eltern der Mitschüler waren alle jünger, sahen übrigens älter aus zum Teil. Meine Mutter hat immer den Eindruck erweckt, dass sie viel jünger war. Deshalb ist mir das nicht aufgefallen. Es hätte auch noch andere Möglichkeiten gegeben, anhand der wenigen Bilder, die es gab, misstrauisch zu sein. Da ich das Misstrauen aber nicht hatte, hab ich das nicht wahrgenommen. Ich vermute, das hat meine Mutter lange beschäftigt. Sie hat selbst eine schwierige Biografie.

Weißt du etwa über die Zeit bevor du ins Heim gekommen bist?

Ich selbst habe es nicht wahrgenommen, ich war ja noch zu klein. Diese Schweigekartell, das es gab, hat sich eisern bemüht, dass nichts durchsickert. Also, nach der Geburt, die war in Bochum, ich bin danach in Iserlohn im Heim gewesen, also nach der Geburt muss etwas passiert sein, was ich nicht weiß.

Also, wenige Tage nach der Geburt?

Ja, da war ich, wie nennt man das? Ein Waisenkind. Und da war ich im Heim. Und offensichtlich gab es da mehrere Interessenten. Also die Kinder, die keine Eltern hatten, sollten ja nicht unbedingt im Heim bleiben.

Und dann hat dich deine Mutter sozusagen ausgesucht. Hat sie darüber mal was erzählt?

Nein, sie hat ja nichts erzählt.

Sie hätte ja darüber vielleicht sagen können, du hast mich damals so angesprochen, du warst mir ähnlich…

Eine Bekannte hat da was angedeutet, aber als wir darüber hätten reden können, wollte keiner so richtig, verpasster Termin: Mich belastet das nicht, aber die paar feuilletonistischen Versatzstücke, die ich da kenne, sind zumindest nicht ganz uninteressant.

Aber du hättest ja die Möglichkeit, schon seitdem du 16 Jahre alt bist, die Akte beim Jugendamt einzusehen. Spielt das eine Rolle für dich? Willst du dir selber noch auf die Spur kommen?

Nein, ich hab das nicht gemacht, es hat mich nicht interessiert. Ich brauchte mal meine Original-Geburtsurkunde. Das war ein lustiger Tag, ich bin zum Standesamt nach Bochum gefahren und hab meine Geburtsurkunde besorgt, die brauchte ich für meine erste Eheschließung. Da hab ich einmal drauf geguckt, weil es ein anderer Name war und ich hab ihn wieder vergessen, ich hab ihn mir nicht gemerkt. Ich habe mich dafür nicht interessiert. Und ich habe lange überlegt, warum das so war. Es ist eine Parallelbiografie. Ich hätte es aus journalistischem Interesse machen können.

Ja, weil du auch Neugierde als eine deiner herausragendsten Eigenschaften genannt hast wundert es schon, dass du nicht neugierig auf deine Vergangenheit bist.

Meine Vergangenheit kenn ich ja.

Die Vergangenheit davor. Das erste Jahr.

Wenn ich das richtig verstehe, geht es bei dieser Suche ja um ganz wenige Dinge. Es geht um die Frage, wer sind die leiblichen Eltern. Und was sind die Umstände gewesen, warum sie mich nicht behalten konnten. Es muss mir ja nicht schlecht ergangen sein dann. Das heißt, es ist ja jetzt immer so ein Entweder-Oder-Dschungel. Es gab Spekulationen. Ich hab das mal so angedeutet im Gespräch mit Leuten, die das hätten wissen können. Das haben sie aber entweder nicht genau gewusst oder nicht genau sagen wollen. Es gab mal eine … was mich sehr beunruhigt hat, dass meine leibliche Mutter bei der Geburt gestorben ist. Was es zu der Zeit ja noch häufiger gab. Oder dass mein leiblicher Vater da schon nicht mehr da war und meine leibliche Mutter das allein nicht geschafft hätte. Schwierig, schwierig, schwierig. Wichtiger war für mich immer so ein Gedanke „ ich war gesund, ich hab das überlebt“. Das Zweite ist, ich bin in eine Struktur gekommen, die war sehr unübersichtlich. Aber ich hatte eine Mutter, die sich total um mich kümmert. Hab ich schon gesagt, dass meine Mutter wollte, dass aus mir was wird, dass ich ein Wunschkind war? Dass da so eine liebevolle Zuwendung war bei allen Überforderungen, die sie gelegentlich mit mir hatte. Das lag aber mehr an mir als an ihr. Dass sie sich gekümmert hat. Ich hatte keinen Vater - keinen leiblichen, den kannte ich nicht und keinen Vater, der mich erziehen konnte. Meine Mutter hatte sich sehr früh getrennt. Das heißt, das kam dann auch noch erschwerend hinzu. Ich bin praktisch in einem Drei-Mädel-Haushalt aufgewachsen ohne Mann. Meine Mutter musst dann für sorgen, dass wenigstens ein paar Männer mal in meinem Leben auftraten.

Wenn du so darüber sprichst, über die große Liebe und Zuwendung deiner Mutter, was sie dir alles gegeben hat, empfindest du das als normal oder denkst du manchmal darüber, dass das in irgendeiner Form etwas Besonderes ist, weil du ja eben nicht ihr leibliches Kind bist. Du hast ja selber zwei inzwischen erwachsene Kinder und hast dir vielleicht schon mal Gedanken darüber gemacht, ob das anders ist oder doch letztendlich genau das Gleiche.

Ja, nun sind wir ja andere Menschen, es ist eine andere Zeit und wir sind andere Menschen. Ich hoffe, ich hoffte, dass das normal ist. Das ist es aber nicht. Also, Menschen, die andere Menschen lieben, wäre als Normalzustand schon schön. Das funktioniert aber oft nicht. Und ich glaube, was mir passiert ist, ist ja, dass meine leibliche Mutter mich nicht durchs Leben tragen konnte. Das ist passiert. Und dass jemand anderes die Verantwortung übernehmen konnte und das gut gegangen ist, das ist die Geschichte. Wie viele Kinder verlieren ihre Eltern auf der Welt? Durch Unglücke, durch Krieg. Wie viele Kinder werden verstoßen, schon mit der Geburt? Was passiert da eigentlich in dieser Welt? Wenn ich an die Frage am Anfang des Interviews nach meinen Stärken denke, ich glaube - das habe ich aber noch nie bis zu Ende durchdacht - dass mein Interesse an mir und der Welt damit zusammenhängt. Das mich immer interessiert: Warum gehen die Menschen so lieblos miteinander um. Warum gibt es Kriege? Warum gibt es Konflikte, in denen Menschen sich in der Substanz beschädigen. (Und meine Mutter hat mich geschlagen übrigens. Es ist nicht so, diese Alltagsstrukturen waren nicht so, dass man da eine Idylle hatte, immer liebevoll und so. Meine Mutter war auch schon so, weil sie berufstätig war und sie musste berufstätig sein, damit das alles klappte.) Und ich war jemand, der das Leben ausprobiert hat. Mein Invalidenregister ist gewaltig. Dass ich die ersten zwölf Jahre überlebt habe, ist purer Zufall. Ich habe meiner Mutter sehr viele Sorgen gemacht. Das ist so. (Und sie hat sich oft nicht anders zu helfen gewusst. Meine Oma, die war schon über 80 passte auf mich auf und sie war im Geschäft. Das war so. Das war nicht der Punkt.) Der Punkt war, dass ich immer gespürt habe, dass diese Frau mich liebt.

Ich frage deshalb so hartnäckig nach, weil es ja oft im Fernsehen Sendungen zu dem Thema gibt, in denen Kinder, die abgegeben wurden, nach Jahrzehnten ihre leiblichen Eltern wiedersehen und das Gefühl haben, endlich das gefunden zu haben, was sie sind. Sie fühlen sich dann den Menschen nahe und sagen ja auch manchmal, sie hätten bei ihren Adoptiveltern immer etwas vermisst, etwas wäre immer anders gewesen. Du hast es offenbar nicht so empfunden.

Nein, ich habe das nicht so empfunden. Ich habe auch viel vermisst. Ich habe meinen Vater vermisst. Mich hat die Geschichte, dass meine Mutter und ihr Mann sich getrennt haben als ich drei Jahre alt war, als Kind viel mehr beeinflusst. Mein Vater war Alkoholiker – er war beschädigt durch den Krieg. Ich wollte den Vater wieder haben, ich bin von zu Hause ausgebrochen, um meinen Vater zu besuchen. Das war nicht besonders lustig für die Erwachsenen, weil meine Mutter, die Konflikte, die ich hatte, nicht verstand. Was man heute ja regelt, dass ein Kind geschiedener Eltern den Kontakt zu beiden Elternteilen haben soll, das war damals nicht so und das habe ich viel schmerzhafter empfunden.

Im Nachhinein habe ich das auch überlegt, diese Spurensuche, warum habe ich das nicht gemacht? Und dann dachte ich, weil mich das nicht interessiert hat.

Es ist offenbar für dein Leben nicht wichtig gewesen und auch jetzt nicht wichtig, wer deine leiblichen Eltern waren. Dien Leben empfindest du als gut, du hast alles bekommen, was du brauchtest, du hattest Menschen, die dich geliebt haben.

Ja und zwar sehr. Meine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben und viel nachgesehen. Sie musste sich viel kümmern und das habe ich registriert. Ich weiß, was das für einen Wert hatte.

Gibt es etwas, was du anderen Adoptiveltern und auch Adoptivkindern rätst, ihnen mit auf den Weg geben würdest. Heute wissen ja in der Regel Kinder sehr früh, dass sie adoptiert worden sind.

Damit haben sie ja auch immer direkt eingepflanzt in die Seele diese Unsicherheit, die sie nicht verlieren werden. Wenn sie es früh wissen, bleibt wahrscheinlich diese Suche viel gegenwärtiger. Also, ich weiß nicht, wenn ich das früher gewusst hätte, ob das alles so ungebrochen passiert wäre. So war es ja ein bisschen Theaterspielen. Es hat ja gut funktioniert bei mir.

Als du es erfahren hast, warst du ja gefestigt genug.

Ich kann es nicht so ganz nachvollziehen, was es bedeutet, da werden die Eltern und die Kinder unterschiedlich drauf reagieren. Das Leben ist ja konkret und jede Familie macht das ja auch anders. Es ist nicht von vorneherein besser oder schlechter.

Aber ich würde, glaube ich, den Beteiligten sagen, sie sollen versuchen, das was dann Familie ist, mit Liebe zu leben. Wenn sie sich diesen Fragen stellen müssen, weil sie es alle wissen, dann sollen sie versuchen, es so hinzukriegen, dass dabei keiner beschädigt wird, das ist schwer genug. Die Sicherheit der Kinder kommt durch den Halt, den die Eltern ihnen geben, mit denen sie leben und nicht durch die Fantasie, da ist noch jemand anderes, dessen genetisches Material ich habe. Das ist ein Abenteuer natürlich. Das Leben mit den anderen muss ihnen Stärke geben. Bei mir war das so, bei geschiedenen Eltern, mit drei Frauen, mit einer berufstätigen geschiedenen Mutter in den 50er Jahren, (als geschiedene Frau, das war ja nicht einfach. Das hat sich meine Mutter nicht anmerken lassen. Meine Mutter, geboren 1914, Beginn des ersten Weltkriegs, ich sag das jetzt noch mal, weil mir das wichtig ist, also als Kleinkind musste sie sich in Sicherheit bringen, damit sie dieses Ding überlebt. Dann hat sie in der Weimarer Republik ihren ersten Mann kennen gelernt, der war Regierungsbeamter. Er war Soldat und ist in der ersten Kriegswoche gefallen, eine Woche nach der Hochzeit. Das heißt, meine Mutter stand dann wieder da ohne Mann, konnte kein Kind kriegen, das Land ging kaputt und in der Verwandtschaft gab es stramme Nazis, die erstmal in den Knast mussten und die ganze Zeit danach hieß Wiederaufbau. Zweiter Mann aus dem Krieg heimgekommen, damit nicht fertig geworden – heute nennt man das posttraumatische Belastungsstörung – hat getrunken, das Vermögen verhauen. Meine Mutter konnte wieder von vorne anfangen, adoptierte mich dann, trennte sich und hat trotzdem ihr Leben in den Griff gekriegt und ist 99 Jahre alt geworden, davon zehn Jahre dement.)

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