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09.05.2022
Interview

Auf dem Weg

Vor Jahren kam eine Adoptivmutter zu mir und fragte mich, ob ich sie, ihren Mann und ihre Adoptivtochter beim Kennenlernen der leiblichen Mutter ihrer Adoptivtochter begleiten würde. Ich sagte zu. Gut zwei Jahre später bat ich die Adoptivmutter, mir in einem Interview zu erzählen, wie es eigentlich damals der Familie bei der doch einige Zeit dauernde Aktion gegangen war.

HH.- Sie haben Ihre Tochter als jungen Säugling adoptiert. War die Adoption ein Thema in Ihrer Familie?

AM: In unserer Familie wurde die Adopti­on nie zu einem Geheimnis gemacht. Auch mit unserer Tochter Nicole haben wir stets offen darüber gesprochen.

HH.- Hat Nicole nach ihrer Herkunftsfami­lie gefragt?

AM: Natürlich hat sie gefragt. Leider konnten wir Nicoles Fragen nur sehr lü­ckenhaft beantworten, da wir nicht viel über ihre Herkunft wussten. Aber wir ha­ben ihr versprochen, ihr zu einem späteren Zeitpunkt zu helfen, die Fragen beantwor­tet zu bekommen. Als Nicole 10 Jahre alt war, zeigte sie Interesse, ihre leibliche Mut­ter kennen zu lernen.

HH.- Wie haben Sie auf dieses Interesse reagiert?

AM: Mein Mann und ich waren zuerst unsicher über die Vorgehensweise und dar­über, wann wohl der richtige Zeitpunkt, das richtige Alter für dieses Kennenlernen sei. Darum sind wir zu einem Treffen der Selbsthilfe-Initiati­ve der Pflege- und Adoptivfamilien an un­serem Ort gegangen. Da haben wir Sie ja kennengelernt. Dort erfuhren wir, dass unsere Tochter mit 16 Jah­ren auf jeden Fall das Recht hat, die leibli­che Mutter kennen zu lernen. Je nach dem Stand ihrer Entwicklung wäre dies auch schon mit 14 Jahren sinnvoll. Da uns 10 Jahre zu früh erschien, haben wir dann mit Nicole vereinbart, dass wir mit ihr auf Suche ge­hen, wenn sie 14 Jahre alt ist. Darauf hat sie sich einlassen können.

HH.- Was passierte, als sie ihren vierzehn­ten Geburtstag hatte?

AM: Zu unserer Überraschung passierte gar nichts. Wir wollten auch nicht drängen und warteten, ob Nicole die Sache in Angriff nehmen wollte. Doch sie wartete auf uns. Das merkten wir zwei Monate später, als sie mir sagte, sie müsse wohl mal zum Jugendamt gehen, und sich dort nach der leiblichen Mutter zu erkundigen, da wir ja nichts täten.

HH.- War sie sauer?

AM: Sie hatte eindeutig das Gefühl, dass wir ihr zwar ein Versprechen gegeben hatten, aber uns nicht so richtig trauten. Und da wollte sie sich eben allein auf den Weg ma­chen. Sie beruhigte uns, dass wir vor diesem Schritt keine Angst haben müssten. Für sie sei es selbstverständlich, dass wir ihre Fami­lie sind und bleiben werden. Aber es gäbe in ihrem Leben noch etwas Unbekanntes, wonach sie forschen müsse.

HH.- Sie haben ihr dann angeboten, den Weg zusammen zu gehen?

AM: Ja, wir wollten zu unserem Verspre­chen stehen und hatten, wie schon gesagt, ihr eigentlich nur nichts aufdrücken wol­len, wozu sie vielleicht noch nicht bereit war und haben deswegen auf sie gewartet. Aber sie hat das eben anders verstanden. Wir haben dann noch einmal miteinan­der gesprochen und konnten das Problem schnell lösen. Wir haben ihr dann vorge­schlagen, nicht über das Jugendamt zu ge­hen, sondern bei Ihnen anzufragen, ob Sie uns auf dem Weg begleiten würden. Damit war sie einverstan­den.

HH.- Dann begann der Weg?

AM: Ja, wir haben dann mit Ihnen Kontakt aufgenommen. Wir Adoptiveltern und Sie haben uns dann erst einmal getroffen, um zu dritt die Vor­gehensweise zu überlegen. Dann gab es ein weiteres Treffen mit uns Eltern, Ihnen als begleitende Sozial­arbeiterin und Nicole, um auch mit ihr den Weg zu besprechen. Uns war ja besonders wichtig, dass Nicole die einzelnen Schritte absegnete und jeden Schritt auch verarbei­ten konnte. So sollte es zwischen jedem wei­teren Schritt erst eine Rückmeldung vonNi­cole und uns geben und Sie und wir würden dann grünes Licht für den nächsten Schritt geben.

HH.- Welche einzelnen Schritte haben wir gemeinsam verein­bart?

AM:

1. Ausfindig machen der Adresse der Herkunftsmutter;

2. Anschreiben der Herkunftsmutter;

3. wenn die Mutter sich meldet, einladen in Ihr Büro als begleitende Sozialarbeiterin;

4. dort könnten Sie erst einmal die Herkunftsmutter kennenlernen;

5. bei diesem Treffen sollten schon Fra­gen, die Nicole Ihnen gegeben hatte, an die Mutter weiter gegeben werden;

6. Rückmeldung von Ihnen über das Treffen an Nicole und uns El­tern;

7. Überlegungen von uns - machen wir weiter? Wenn ja:

8. Treffen von uns Adoptiveltern und der leiblichen Mutter in Ihrem Büro;

9. Rückmeldung dieses Treffens an Ni­cole;

10. Entscheidung von Nicole, was sie jetzt möchte;

11. wenn sie will, dann gemeinsames Tref­fen mit uns Eltern, der leiblichen Mut­ter, Nicole wiederum in Ihrem Büro;

12. nach diesem Treffen würde sich dann alles weitere entwickeln oder eben nicht.

HH.- War Nicole mit diesem Weg einver­standen?

AM: Ja, sie fand die einzelnen Schritte gut. Sie bekam von Ihnen eine Ko­pie der vereinbarten Schritte, damit sie die Möglichkeit hatte, eventuell noch Schritte zu verändern oder zu ergänzen.

HH.- Hat sie sich später zuhause noch dazu geäußert?

AM: So wie wir es besprochen hatten, wollte sie es gemacht haben.

HH.- Nachdem Nicole grünes Licht gege­ben hatte, ging es los.

AM: Ja, wir hatten inzwischen die Adres­se der leiblichen Mutter ausfindig gemacht und Sie schrieben folgenden Brief an die Mutter:

„Sehr geehrte Frau ... betrifft den (Geburtsdatum von Nicole)

Ich bin gebeten worden, mich deswegen mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Wenn Sie möchten, bitte ich Sie, mich anzuschrei­ben oder mit mir zu telefonieren."

HH.: Es gab ja dann eine schnelle Rückmeldung.

AM: Sofort. Die leibliche Mutter hat un­mittelbar, nachdem sie den Brief erhalten hat, bei Ihnen angerufen und Sie haben uns sofort über das Gespräch in­formiert.

HH.- Waren Sie überrascht?

AM: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Rückmeldung so schnell erfolgen wür­de. Diesen Schritt hatte ich mir schwieriger vorgestellt. Ich war froh zu erfahren, dass die leibliche Mutter für ein Treffen bereit war und freute mich für unser Kind.

HH.- Wie hat Nicole reagiert?

AM: Bei ihr war die Reaktion „Siehste, ich hab gewusst, sie meldet sich sofort". Sie hat dann gefragt, ob die leibliche Mutter schon was erzählt hätte. Dann hat sie ja Ihnen einen Brief geschrieben und hat Fragen für das erste Treffen formuliert:

• Wo lebt die Mutter?

• Habe ich Geschwister?

• Warum hat sie mich abgegeben?

HH.- Danach gab es ein Treffen zwischen der Herkunfts­mutter und mir.

AM: Genau. Sie haben uns dann anschließend folgendes berichtet:

Die Mutter kam mit ihrem Ehemann und zwei ihrer Kin­der. Sie war sehr aufgeregt und erzählte be­reitwillig wie sie lebt, dass es noch mehre­re Geschwister gibt und was die Familie so macht. Die Frage, warum sie Nicole abge­geben hat, stellten Sie ja wegen der anwesenden Kinder nur sehr vorsichtig und bekamen auch eine sehr vorsichtige Ant­wort. Die Mutter zeigte sich dann mit den besprochenen Schritten einverstanden. Sie war einfach nur glück­lich, etwas über Nicole zu erfahren und sie eventuell sogar sehen zu können. Dann vereinbarten Sie einen nächsten Termin mit ihr und uns.

HH.- Wie haben Sie empfunden, als ich Ihnen von dem Gespräch be­richtete?

AM: Als sie die leibliche Mutter beschrieben und über den Besuch berichteten, war ich

erleichtert. Ich konnte davon ausgehen, dass die leibliche Mutter unser Familien­leben und die Beziehung zwischen Nicole und uns Eltern nicht zerstören wird. Aber ein wenig Angst blieb schon, wie eng der Kontakt denn im Nachhinein sein würde und ob nicht doch negative Einflüsse Auswirkun­gen haben werden. Oder drängelte die leib­liche Mutter vielleicht? Doch es war sehr beruhigend zu wissen, dass sie den verein­barten Weg mit uns gehen würde, dass sie sich neutral verhielt und Nicole den Ablauf bestimmen ließ. Ich hatte auch Angst gehabt, dass die leibliche Mutter ein „Nein" zu der Suche sagen würde und kein Interesse an Nicole hätte und war erleichtert, als alles so gut klappte.

HH.- Dann kam der vereinbarte Termin.

AM. Ja, etwa drei Monate nach dem ersten Treffen lernten wir die leibliche Mutter von Nicole in Ihrem Büro ken­nen. Bei diesem Treffen war die Mutter und ihr Mann schon da, als mein Mann und ich rein kamen. Ich war aufgeregt, welchen Ein­druck sie auf mich und ich auf sie machen würde und wie wir miteinander umgehen würden. Aber als ich sie sah und wir uns be­grüsst hatten, ging es mir schon besser. Ich habe dann einige Fragen an sie gestellt und zwar zur gesundheitlichen Situation und zu Erbkrankheiten. Und auch, warum sie Ni­cole zur Adoption freigegeben hat, wie sie so lebt und was sie macht. Ich erhielt auf alle Fragen eine Antwort. Während dieser Unterhaltung bin ich immer ruhiger ge­worden und war mir ziemlich sicher, dass durch diese Frau unser Familienleben nie in irgend einer Form zerstört würde und dass sie das Treffen gemacht hat, um Nicole den Gefallen zu tun, sie kennen zu lernen.

Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde. Ich hatte das Gefühl: einmal gesehen und die Last war weg. Es war ein harmonisches Gespräch. Es war leichter dadurch, dass Sie dabei waren und dass Sie die Mutter schon kannte.

Als wir wieder zuhause ankamen, wurden wir sofort von Nicole überfallen und muss­ten alles genau berichten. Es ging mir gut dabei und ich habe auch alles locker erzäh­len können. Nicole wurde jetzt besonders neugierig und wollte nun alles ganz schnell haben.

HH.: Sie haben sich damals etwas von Niceoles Eile anste­cken lassen.

AM: Nun ja, ich habe am nächsten Tag bei Ihnen angerufen und grü­nes Licht für den nächsten Schritt gegeben. Die Terminvereinbarung zog sich dann doch etwas hin, so dass der Termin, an dem Nicole ihre Mutter treffen würde, erst 10 Wochen später statt fand.

HH.: Hatte Nicole eine Vorstellung gehabt, wie der Termin ablaufen sollte?

AM: Oh ja, Nicole hatte präzise Vorstel­lungen. Erstens wollte sie nur ein Frau­entreffen. d.h. leibliche Mutter (ohne Ehemann). Nicole, ich und Sie. Mein Mann nahm diesen Wunsch gelassen hin. Nicole nutzte die Zeit bis zum Treffen, um sich selbst vorzubereiten. Sie suchte Fotos heraus und gab ja dann Ihnen und mir „genaue Anweisungen", wie das Treffen ablaufen sollte: Nicole und ich sollten zuerst in Ihrem Büro sein, sollten bereits sitzen und nicht aufstehen, wenn die leibli­che Mutter hereinkommen würde. Dann haben Sie den Termin mit der Mutter telefonisch vorbereitet, damit auch sie genau Bescheid wusste.

HH.- Wissen Sie noch, ob Nicole kurz vor dem Treffen nervös oder aufgeregt war?

AM: Eigentlich war sie ganz normal, aber am Abend vorher bekam sie Angst, wirk­te sehr aggressiv und wollte dieses Treffen nicht mehr haben. Sie sagte: „Eigentlich will ich gar nicht die, sondern lieber meine Schwester kennen lernen".

HH.- Waren Sie verblüfft? Nach all den Vorbereitungen – und nun das?

AM: Meine Reaktion war Nicole zu er­klären, dass die Mutter von weit her kommen würde, Nicole den Termin ja unbedingt gewollt hatte und ihn daher nun auch wahrnehmen müsse. Weil ich sie aber so bedrängte, wollte Nicole jetzt gar nicht mehr. Am nächsten Morgen rief ich Sie darauf­hin an und Sie meinten, dass Nicole überhaupt nicht muss, wenn sie nicht will. Auch wenn sie ganz kurz, also unmittelbar vor dem Treffen ‚nein‘ sagen würde, wäre dies in Ordnung.

Ich holte Nicole wie ver­einbart von der Schule ab und sagte ihr, was Sie mir gesagt hatten: Dass es jetzt wahrscheinlich schwer für sie wäre. Aber dass sie zufrieden und sich stark fühlen würde, wenn es klappen könnte. Es könnte aber auch sein, dass es diesmal noch zu schwer für sie wäre. Das wäre dann auch völlig in Ordnung und wir würden dann einen anderen Termin vereinbaren oder es ganz lassen.

HH.- Sie hat sich ja dann entschieden.

AM: Nicole merkte, dass ich meine Mei­nung vom Abend vorher verändert hatte und dass ich es ihr jetzt wirklich frei über­lassen konnte, ob sie das Treffen machen wollte oder nicht. Durch die freie Wahl konnte sie nun auch frei entscheiden und entschied sich, zum Treffen zu gehen.

Sie hat sich gut angezogen und sich sicher gemacht. Im Auto war alles normal - ich war aufgeregt. Ich machte mir Gedanken darüber, wie sie das alles aufnehmen würde. Wir hat­ten vorher schon viel darüber gesprochen und sie hat immer gesagt: „Lass mal, das mache ich schon. Alles Weitere wird sich beim Gespräch von selbst ergeben".

HH.- Lief der erste Moment des Treffens so ab, wie Nicole es gewollt hatte?

AM: Genau so, Nicole und ich waren da und die leib­liche Mutter kam etwas später. Sie baten die Mutter herein und Nicole und ich saßen da. Ich war überrascht über die Fassung von Nicole. Wie sie sich verhalten hat, das hat mich überrascht.

Die Mutter ist reingekommen, hat gezit­tert, hat ihr die Hand gegeben und geweint. Sie hat sich dann hingesetzt, Nicole einfach nur angeguckt und gesagt: „Du siehst aus wie deine große Schwester".

Ich habe dann gemerkt, dass Nicole sich sehr gut im stillen Kämmerlein auf das Treffen vorbereitet hatte. Sie sagte: „Ich habe Fotos mitgebracht, möchtest du sie se­hen?" und hat dadurch die Spannung raus­genommen. Nicole war souverän. Beim Er­zählen fiel mir immer wieder auf, dass sie sich viel auf uns - ihre Adoptiveltern - be­zog und mich immer wieder mit ins Ge­spräch hinein nahm.

Beim ersten Treffen zwischen uns Adoptiveltern und der Mutter hatten wir ja vereinbart, dass Nicole ihre leibliche Mut­ter mit Vornamen anreden könnte und wir uns mit Sie und Frau und Herr.... ansprechen würden. Wir wa­ren bereit, unsere Namen der Mutter bekannt zu geben. Das war auch so mit Ni­cole besprochen.

HH.- Wir haben ja dann eine ganze Weile zusammen gesessen.

AM: Das Gespräch dauerte etwa 1 1/2 Stun­den. Als es dann beendet wurde, blieb die Mutter etwas zurück, blieb bei Nicole ste­hen und fragte, ob sie sie einmal umarmen dürfe. Nicole meinte: „Ja, warum nicht" und ließ sich umarmen und die Mutter sag­te ihr, wie toll sie sie findet. Dann ging sie. Dieses Umarmen war für mich eine Situati­on bei der ich dachte: „Spielt sich hier doch noch was ab?" und hörte dann von Nicole, dass

dies bei ihre keine Gefühle ausgelöst habe und sie dem wenig Bedeutung beimaß.

HH.-Wie war es, als sie beide wieder zuhause waren?

AM: Es ging uns gut, wir sind noch essen gegangen und waren zufrieden und ent­spannt.

HH.- Hat Nicole noch anschließend etwas zu Ihnen gesagt?

AM: Nach dem Gespräch hat sie zu uns gesagt: „Ein bisschen verbindet mich mit ihr, z.B. haben wir gemeinsame Hobbies" aber es sei völlig klar, dass wir ihre Fami­lie sind und das wir Mutter und Vater sind und innerliche Gefühle hätte sie für ihre leibliche Mutter gar nicht. Sie hätte uns lieb und gehörte da nicht hin. Es wäre so ein ganz an­deres Leben, was diese Familie führe und sie spüre, dass sie da nicht hingehöre, möchte aber weiterhin Kontakte haben und eventu­ell auch mal dort einen Besuch machen.

HH.- Hat es eigentlich nach diesem ersten Treffen noch mal Kontakte zueinander gegeben?

AM: Beim Treffen waren auch Adresse und Telefonnummern ausgetauscht worden und zwei Wochen nach dem Treffen schrieb die Mutter an Nicole, erwähnte dass es ihr gut ging und dass sie froh sei, dass Nicole so gute Eltern habe und ließ uns auch grüßen. Es sei in Ordnung, dass sie so wenig über Nicole wüsste und habe auch keine weite­ren Fragen. Sie erwähnte auch, dass die äl­tere Schwester von Nicole diese gern ken­nen lernen würde und ob dies machbar sei.

HH.' Nicole hat dann Kontakt zu dieser Schwester aufgenommen?

AM: Ja, es gab Kontakt per Handy, dann zwei briefliche Kontakte und dann haben wir überlegt, wie ein Treffen möglich wäre. Da alles so gut gelaufen war bisher, waren wir der Überzeugung, dass wir Sie diesmal nicht beteiligen brauchten. Die Schwestern haben sich dann in der Nähe des Wohnortes der leiblichen Fami­lie getroffen. Wir haben Nicole dort hin­gebracht, die leibliche Mutter die Schwes­ter. Die beiden Mädchen konnten ein paar Stunden zusammen verbringen. Später wurden sie von den Erwachsenen wieder abgeholt.

HH.- Wie war dieses Treffen für die Mäd­chen?

AM: Beide waren glücklich, dass sie sich kennen gelernt haben und haben dann häufiger per SMS miteinander Kontakt gehabt. Aber die Abstände werden immer größer, wobei im Grunde herein geplant ist, dass die Schwester uns einmal besuchen wird. Nicole will ihr dann hier ihre Umge­bung zeigen. Aber wie gesagt, der Kontakt ist nun doch selten geworden.

HH.- Wenn Sie jetzt so knapp 2 Jahre nach Nicoles 14. Geburtstag zurückbli­cken, wie sehen Sie jetzt dies ganze Un­terfangen'

AM: Es geht mir gut, dass es so gelaufen ist und dass dadurch kein Knacks in unsere Familie gekommen ist. Ich bin froh darü­ber, dass die leibliche Mutter sehr zurück­haltend ist und sehr darauf achtet, Nicole entscheiden zu lassen. Ich befürchtete zu Beginn, dass sie alle Nase lang am Telefon sein würde und damit Nicole verunsichern könnte. Nicole hat ihren Wunsch erfüllt bekommen. Sie hat ihre leibliche Mutter kennen gelernt, sie kennt ihren Ursprung, kann Kontakt aufnehmen, wenn sie möch­te. Damit ist die Sache auch mehr oder we­niger für sie abgeschlossen. Sie ist aufge­schlossener und ruhiger geworden und hat in der Schule selbst noch einmal einen Vortrag gehalten über die Kontakte und über Pflege- und Adoptivkinder. Sie hat dies da­rin alles positiv geschildert. Irgendwie ist der Dampf raus und sie hat das alles verar­beitet. Eine große Rolle hat dabei gespielt, dass wir immer offen waren und sie hat auch gesagt, dass diese Klarheit des Wissens um die Adoption ihr diesen souveränen Umgang mit ihrer Herkunft ermöglicht.

Zur Info: Gemäß § 9c Abs. 1 Adoptionsvermittlungsgesetz ( AdVermiG ) sind die Adoptionsunterlagen 100 Jahre ab Geburt des Kindes aufzubewahren.

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