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Aus der Praxis

Pflegeeltern am Limit.

Bestürzung, Hilflosigkeit und Trauer sind nur einige der Gefühle, die Pflegeeltern nach einem unerwarteten Ende des Pflegeverhältnisses empfinden. Die Praxis zeigt immer wieder, dass sie mit diesen Gefühlen lange zu kämpfen haben und kaum Hilfe finden.

Themen:

Mich erreichte eine Mail und ein Anruf einer Pflegemutter. Schon an der Stimme konnte ich hören, dass es ihr nicht gut ging und sie erzählte ihre Geschichte:

Sie und ihr Mann hatten als Bereitschaftspflegeeltern einen acht Monate alten Säugling aufgenommen. Die Mutter hatte schwere psychische Probleme. Als das Kind über ein Jahr bei ihnen lebte, wurde die Bereitschaftspflege in eine Dauerpflege umgewandelt. Das Kind hatte sich prächtig entwickelt und hatte eine tiefe Bindungen an seine Pflegeeltern – die es Omi und Opa nannte – aufgenommen.

Dann brach das für sie Unvorstellbare herein, die Mutter forderte nach gut vier Jahren das Kind zurück. Das Jugendamt unterstütze diese Planungen, informierte die Pflegeeltern nicht über die Möglichkeit eines Verbleibensantrages sondern tröstete damit, dass sie ja nach der Rückführung ein Besuchsrecht haben würden. Das Kind ging zur Mutter.

In der Mail hieß es: „Drei Monate vorher: Rückführung mit Übernachtung. Das Kind veränderte sich schlagartig, wurde aggressiv und gewalttätig, konnte nicht begreifen, was geschah! Eine Trennung von uns war für ihn nicht zu fassen! Als der letzte Tag kam, sah er mich an, als würde ich ihn zum Tode verurteilen, einfach nur grausam! Niemals wäre er freiwillig mit vier Jahren von uns weg gezogen, wir waren seine sozialen Eltern, die er über alles liebte. Das Jugendamt wollte, dass er eine Eingewöhnungszeit nach dem Umzug hatte, und dann sollte es eventuell Besuchskontakte geben.“

Das Besuchsrecht der ehemaligen Pflegeeltern zum Kind wurde nach wenigen Monaten von der Mutter nicht mehr akzeptiert. Nun klagten die Pflegeeltern ihr Besuchsrecht ein, konnten aber keine weiteren Kontakte erreichen. Das war jetzt neun Monate her und die Pflegeeltern waren immer noch in einem Stadium tiefer Trauer. Ich fragte sie, ob sie mit jemandem darüber sprechen könnte. Nein, sie hätten keinen und dem Jugendamt würden sie nicht mehr vertrauen.

Neben der Fassungslosigkeit hatten sie jetzt auch Schuldgefühle, weil sie sich gegen die Rückführung nicht gewehrt hatten. In der Email hieß es: „ Ich habe mir Ihr Heft “Besuchskontakte” gekauft und beim Lesen immer wieder “Weinanfälle” bekommen. Ich glaube durch unsere Unwissenheit ist vieles falsch gelaufen“.

Ihre ganze Hoffnung sehen sie nun in der entfernten Möglichkeit, doch noch Besuchskontakte zum Kind zu bekommen. An Abschied nehmen zu können ist überhaupt nicht zu denken. Der Verlust zu unerwartet und schockierend, das Gefühl der Hilflosigkeit zu groß.

Letzte Aktualisierung am: 
04.06.2024

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