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Alltag mit Kindern

Reaktionen von Pflegekindern - Teil 1

Das Leben in der Pflegefamilie beinhaltet häufige Reaktionen von Pflegekindern, die Pflegeeltern nur verstehen können, wenn sie die Vorgeschichte des Kindes kennen. Das Wissen um die bisherigen Lebenserfahrungen des Kindes macht es möglich, das Verhalten des Kindes einzuschätzen, nicht persönlich zu nehmen und Entwicklungen des Kindes zu erkennen. In dieser Rubrik kommen Pflegeeltern zu Wort, die überraschende Erfahrungen mit ihren Pflegekindern gemacht haben.

Themen:

Karl

Karl ist 12 Jahre alt und besucht ein Gymnasium. Es gibt eine Schlägerei. Karl ist ansatzlos auf einen Jungen losgegangen hat ihn getreten, vors Schienbein, in die Genitalien, unkontrolliert, heftig, geboxt etc. Er weigert sich anschließend in die Klasse zu gehen, verlässt das Schulgelände und ist nicht ansprechbar.

Bei seinen Schulkollegen sind Spitznamen, die sich am Anfangsbuchstaben des Vornamens des Kindes orientieren modern, z.B. bei L…. Looser , bei A… Affe, Alter etc. Bei Karl erfinden die Kinder „Kacker, Kacko“ und Karl rastet aus, denn er stammt aus einem Haushalt in dem Exkremente einfach „fallengelassen“ wurden. Urin und Kot bedeckten Boden und Betten. Das Kind kannte bis zu seinem 8. Lebensjahr keine Toilette.

Kevin

Kevin ist 4 Jahre alt. Im Kindergarten will die Erzieherin einen Scherz machen und sagt zu Kevin: „Deine Pflegemutter kommt dich gar nicht abholen, dann nehme ich dich eben mit zu mir nach Hause.“ Kevin läuft puterrot an, schreit laut und anhaltend. Beim Eintreffen der Pflegemutter rennt er voller Panik auf diese zu. Die Erzieherin erzählt von ihrem „Scherz.“ Das Kind kann sich kaum beruhigen und klammert sich über Stunden an den Pflegeeltern fest.

Kevin hat panische Verlassensängste, wurde bis zum Alter von 2 ½ Jahren im Bett „gehalten“, angewiesen auf sporadische Zuwendung, Essen, Sauberkeit etc.

Melissa

Melisse ist 10 Jahre alt. Am ersten Abend in der Bereitschaftfamilie wird sie am Bett des 14jährigen Pflegesohns „erwischt“ wie sie dem Jungen eindeutig sexuelle Angebote macht. Dieser liegt voller Panik in seinem Bett und weiß nicht, wie er aus dieser Situation herauskommen soll.

Melissa hat ihrer sich prostituierenden Mutter bei ihrem Gewerbe zuschauen müssen.

Justin

Justin, 7 Jahre alt, rastet in der Schule aus, schlägt die Lehrer, tritt und boxt sie. Sobald ein Lehrer im Klassenraum an ihn herantritt, evtl. eine Hand auf die Schulter legt, fliegen die Fäuste von Justin hoch, der Stuhl kippt um und er wird zur Kampfmaschine.

Justin wurde in einer Familie groß, in der körperliche Gewalt an der Tagesordnung war, sowohl Vater als auch Mutter prügelten sich und ihn, bis hin zu Krankenhausaufenthalten wegen Knochenbrüchen.

Thomas

Thomas, 10 Jahre alt, erzählt in der Schule, dass die Pflegeeltern ihn hungern lassen, nie bekäme er ein Butterbrot mit in die Schule, kein Frühstück und abends trockenes Brot. Er bettelt um Essen.

Bei den Herkunftseltern erlebte Thomas massives Hungern, am Anfang eines jeden Monats gab es in den ersten Tagen Aufenthalte in einer Pommes-Bude mit Pommesessen bis zum Erbrechen. Den Rest des Monats verbrachte das Kind auf der Straße mit betteln um Essen.

Denis

Denis, 12 Jahre alt, berichtet in der Schule, dass seine Pflegemutter jeden Tag alkoholisiert ist, immer hinfällt und sich übergibt. Er entschuldigt seine fehlenden Hausaufgaben damit, dass er zuerst den Haushalt regeln muss, seine Pflegemutter ins Bett bringen und auch dafür Sorge trägt, dass genügend Essen im Haus sei, da er sonst Prügel bekommt.

Denis stammt aus genau solchen Verhältnissen und vermischt seine früheren Erlebnisse mit dem Hier und Jetzt.

Samantha

Samanthe, 8 Jahre alt, ein „Muster“ an Ordnung. Jedes Blatt, jedes Spielzeug, jeder Stift, alles hat seinen Platz. Unordnung bringt sie zum ausrasten. Samantha räumt die Wohnung der Pflegeeltern auf, immer wieder, besonders gern Nähkasten und „Kramschubladen“. In der Schule gilt sie als ein „besonders nachahmenswertes Beispiel“. Ihr Ordnungssinn hindert sie daran zu spielen, weil dadurch Unordnung entsteht. Sie ist in der Lage bei Regen in einem weißen Kleid auf einen Baum zu klettern und diesen genau so sauber gekleidet wie vorher wieder zu verlassen. Verletzungen sind nur „schlimm“ wenn Schmutz zu sehen ist, die Verwundung selbst ist uninteressant.

Samantha stammt aus einer Herkunftsfamilie in der Ordnung kein Thema war. Die Mutter lebte mit halbtoten - im Wald oder auf der Straße- gefundenen (Wild)Tieren zusammen und päppelte diese wieder auf. Hase, Fuchs, Frettchen, Ratten, Kuhkalb, Rehkitz usw. teilten Wohnung und Bett mit der Familie. Samantha bekam Prügel mit Gegenständen und kaum zu essen, nur die Tiere waren wichtig.

Tommi

Tommi, 6 Jahre alt, untersucht jeden Essensbissen den er bekommt auf Schimmel und Ungeziefer, probiert vorsichtig ob das Essen genießbar ist, freut sich, wenn es schmeckt und isst dann große Mengen. Bleiben Reste übrig, fragt er kurze Zeit später, ob er diese auch noch essen dürfe. Wird das bejaht, wird auch dieser Rest erst wieder überprüft.

Tommi hat sich aus Mülltonnen und Papierkörben ernährt, seine Eltern lebten auf der Straße. Meist war er auf sich allein gestellt und musste um nicht zu verhungern sein Essen zusammensuchen.

Kevin

Kevin, 7 Jahre alt schläft in der Pflegefamilie unter seinem Bett, nicht darin. Er ist nicht dazu zu bewegen sich in das Bett zu legen. Er kennt kein Spielzeug, keine Toilette, nur Dinge die es „draußen“ gibt. Er kann aber erstklassig mit Messer und Gabel essen.

Kevin lebte mit seiner drogenabhängigen Mutter unter Brücken und in Abbruchhäusern, auf oder in zusammengesuchtem Sperrmüll, der nach „oben“ Schutz vor Regen und Sturm bot, „drunter“ kamen Plastiktüten etc. Wenn die Mutter sich prostituieren konnte, lebten Mutter und Sohn für kurze Zeit mit dem entsprechenden Mann zusammen, dann war die Fähigkeit, mit Messer und Gabel essen zu können, eine wichtige Voraussetzung für den Aufenthalt im „normalen“ Leben.

Ole

Ole, 9 Jahre alt, uriniert in seinem Zimmer auf den Fußboden oder in den Kleiderschrank, mag sein Geschlechtsteil nicht anfassen, ekelt sich davor.

Ole wurde in seiner Herkunftsfamilie von der Mutter missbraucht.

Günther

Mit 5 Jahre isst er blitzschnell riesige Mengen, hat immer Hunger, bunkert Essen unter der Matratze, schleicht nachts durch das Haus um nach Essen zu suchen. Die Pflegeeltern lassen ihn gewähren. Trotzdem bettelt er auch bei den Nachbarn, im Kindergarten und später in der Schule um Essen. Mit 17 Jahren kann Günther sein Essverhalten steuern. Allerdings fällt er in alte Verhaltensweisen zurück wenn Besuch kommt und er nicht abschätzen kann, wie viel dieser Besuch essen wird.

Günther wurde in seiner Herkunftsfamilie massiv vernachlässigt, bekam nur unregelmäßig Nahrung, manchmal tagelang gar nichts.

Bernd

Bernd, 7 Jahre alt, erträgt keine „fremden“ Menschen in seiner Nähe die sich mit ihm beschäftigen, ihn ansprechen, o.ä. Spricht ihn in der Schule der Lehrer an, verschwindet Bernd unter dem Tisch und gibt keine Antwort. Zuhause rennt er, sobald Besuch kommt, in sein Zimmer und versteckt sich unter seinem Bett. Er kann niemanden anschauen oder begrüßen.

Bernd wurde von seiner Mutter isoliert, um die desolaten Zustände in der Wohnung zu verheimlichen. Er hatte keinerlei Sozialkontakte, wurde zum Schweigen gezwungen.

Letzte Aktualisierung am: 
17.04.2024

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