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Aus der Praxis

Sich verantwortlich fühlen

Wenn Eltern den Alltag nicht geregelt bekommen und ihre Kinder vernachlässigen, übernehmen häufig die ältesten Kinder die Rolle des Versorgers und Kümmerers für Mutter und Geschwister. Viele Kinder erlebten genau diese Situation, bevor sie in eine Pflegefamilie übersiedelten. Das Gefühl der Verantwortlichkeit für ihre Familie veränderte sich für die meisten Kinder durch ihren Lebenswechsel jedoch nicht.

Immer wieder habe ich erlebt, dass Pflegekinder und Adoptivkinder sich selbst in Verantwortung gegenüber ihrer Herkunftsfamilie brachten. Sie sahen sich deutlich weiterhin als Teil dieser Familie und empfanden familiäre Verantwortung für Personen aus dieser Familie, besonders gegenüber der Mutter und den Geschwistern. Gerade bei Kindern, die bei vernachlässigenden Eltern nicht nur ihre Geschwister sondern oft auch die Mutter versorgten, zeigte sich immer wieder eine große Sorge um das Befinden der Mutter.

Manche Pflegekinder wünschten sich, dass die leibliche Mutter doch auch mit in die Pflegefamilie ziehen könnte. dann würden sie wissen, dass die Mutter gut versorgt ist und könnten sehen, wie es ihr geht. Von den Geschwistern, die sie bisher versorgt hatten, wollten sie ebenfalls präzise wissen, wie es ihnen geht und sichergehen, dass deren Pflegeeltern auch "alles richtig" machten. 

So sehr wir einem „Versorgerkind“ auch wünschen, diese Verantwortlichkeit aufgeben und wieder nur Kind werden zu können, so sehr müssen wir akzeptieren, dass das Kind sich in dieser Rolle sieht. Wenn wir das Kind hier nicht ernst nehmen wird es in dieser Rolle verhaftet bleiben und sich nicht neu einlassen können.Wir können das Verantwortungsgefühl des Kindes für seine Familie nur dadurch verringern, dass wir ihm glaubhaft zeigen können, dass es seiner Familie auch ohne seine Versorgung nicht schlecht geht, 

Kinder wollen wissen und fühlen sich immer wieder verantwortlich. 

Hier einige Beispiele:

Sven

Sven lebte in einer Pflegefamilie. Nachdem er nach einem Jahr Aufenthalt in der Pflegefamilie von der Mutter wieder zu sich genommen worden war, gab diese ihn nach zehn Monaten wieder dorthin zurück. Als ihm erneut eine Herausnahme durch seine Mutter drohte, wurde sein Verbleib mit einer Verbleibensanordnung durch das Gericht gesichert. Damals war er acht Jahre alt. Die Mutter akzeptierte die Anordnung und erklärte, dass Sven so lange in der Pflegefamilie leben könne, solange er dies wolle.

Es gab nach der Verbleibensanordnung vereinbarte Kontakte, dann, als Sven zehnJahre alt war, ging er zur Mutter, wann er es wünschte. Spontan konnte er dort auch übernachten. Es gab darüber Einvernehmen zwischen den Pflegeeltern und der leiblichen Mutter, die inzwischen gut miteinander auskamen.

Als Sven 12 Jahre alt war, heiratete seine Mutter erneut und brachte bald darauf einen kleinen Jungen zur Welt. Sven besuchte die Familie nun intensiv, übernachtete alle 14 Tage und ging auch in der Woche nachmittags öfter hin. Als der kleine Junge vier Monate alt war, erklärte Sven plötzlich, dass er zu seiner Mutter ziehen wolle.

Alle Beteiligten waren überrascht. Weder Pflegeeltern, noch leibliche Mutter, auch nicht die Sozialarbeiterin des Jugendamtes verstanden was in ihm vorging und waren vom Donner gerührt. Es hatte keinerlei Probleme in der Pflegefamilie oder sonst wo gegeben. Er blieb bei seinem Wunsch, auch wenn er bei seinen Äußerungen hin und wieder weinen musste.
Alle Erwachsenen waren verwirrt und sahen sich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, denn Sven gab keine Erklärung zu seinem Wunsch ab.

Das zuständige Jugendamt fragte bei mir an, ob sie mich als unabhängige Fachfrau zur Begleitung beauftragen könnten. Ich kannte Sven und seine Pflegeeltern von einigen gemeinsamen Seminaren und Wochenenden und als ich ihn fragte, ob ich ihm zukünftig zur Seite stehen könnte, war er erleichtert. 

Schon bei unserem ersten Treffen erläuterte er seine Entscheidung:
Er habe das Gefühl, dass er auf den kleinen Bruder aufpassen müsse. Seine Mutter hat das mit ihm früher auch nicht geregelt bekommen und er wolle nicht, dass dem Kleinen irgendetwas passieren würde. „Mama und Papa, (Pflegeeltern) kriegen das hin wenn ich gehe, die können mich gehen lassen, die können auch ohne mich leben, die schaffen das, aber B (Name der Mutter) kann das nicht, die kann das nicht allein mit dem Baby, da muss ich da sein.“ Alle Erläuterungen, dass das Baby ja auch noch einen Papa habe und seine Mutter ja nun älter sei, konnten ihn nicht beruhigen. Er wolle und müsse jetzt dorthin.

Er wollte seine Mutter nicht kränken, aber er traute ihr die Versorgung das Bruders nicht zu und er ging nur deswegen zu ihr. Das bedeute für ihn jedoch überhaupt nicht, dass er die Pflegefamilie verlassen wolle. Er gehöre immer noch dorthin, gehöre weiterhin total dazu. Er könne halt nur nicht dort leben. Er wolle aber so oft da sein, wie es nur ging und Feiertage, Ferien und Festlichkeiten dort verbringen. 

Sven erlaubte mir, zwar den Pflegeeltern seine Gedanken zu erzählen, aber nicht der leiblichen Mutter. Ich war beeindruckt, wie klar er das alles sah und äußerte und wie sicher er sich darin war, dass seine Pflegeeltern ihn verstehen und unterstützen würden. Er konnte es ihnen nur nicht so richtig sagen. Ich könne das besser meinte er und sie würden mich verstehen und er würde ganz klar auch weiterhin ihr Kind bleiben. 

Ich sprach mit den Pflegeeltern und er hatte sie völlig richtig eingeschätzt. Sie konnten ihn zur Mutter ziehen lassen, blieben ihm weiterhin eng verbunden und die Tür blieb immer offen für ihn. 

Beim bald folgenden Hilfeplangespräch wurde vereinbart, dass Sven vorerst zur leiblichen Mutter zieht, jederzeit die Pflegeeltern besuchen kann und dass ich für ein halbes Jahr als Erziehungsbeistand die Aktion begleiten sollte. Am Ende des halben Jahres sollte dann ein erneutes Hilfeplangespräch stattfinden, in dem geklärt würde, wo Sven dann wohnen werde.

Sven und seine Mutter empfanden die Umstellung als schwer und immer wieder dachte seine Mutter, er würde wieder zur Pflegefamilie gehen. Ich begleitete intensiv in dieser Zeit. 

Nach fünf Monaten wurde das nächste Hilfeplangespräch zwischen Sven und mir sehr sorgfältig vorbereitet. Ich besprach dann seine Überlegungen mit der Pflegefamilie und der Mutter. Sven wollte bei der Mutter bleiben, aber in beiden Familien zuhause sein. Er wollte in beiden Familien Familienfeste feiern, regelmäßig Ferien verbringen - er wollte in beiden Familien der Sohn bleiben. Genauso wurde es im Hilfeplan vereinbart. Ich blieb ihm und seinen Familien verbunden.

Die folgende Zeit war nicht unproblematisch, aber die Pflegeeltern begleiteten die Mutter, standen ihr zur Seite und es war ein Miteinander, mit dem Sven gut leben konnte. 

Seinen Pflegeeltern ist Sven weiterhin ein Sohn, er nennt sie weiterhin Mama und Papa und ist ihnen auch jetzt, da er ein junger Erwachsener ist, eng verbunden. Mit Sorgen, Nöten und Freuden kommt er zu ihnen. Inzwischen lebt er nicht mehr bei seiner Mutter und dem Bruder, der nun schon die weiterführende Schule besucht und hat nur wenig Kontakt zu ihnen. 

Angela

Angelas Mutter kriegte nichts geregelt. Sie trank zu viel und war mit allem überfordert. Ihre Tochter Angela war vier Jahre alt und versorgte sich und die Mutter nach ihren Möglichkeiten. Nachbarn wurden aufmerksam. Angela kam in eine Pflegefamilie. Die Mutter stimmte dem zu. Es ging Angela gut, sie war gern in der Pflegefamilie und doch - --. Öfter war die Mutter zu den vereinbarten Besuchskontakten nicht gekommen – und auch wenn sie kam, war Angela hinterher beunruhigt und verwirrt.

Die Pflegeeltern merkten, dass Angela sich ihnen mehr anschloss, die Beziehung enger wurde – und dann ging sie wieder Schritte zurück und entfremdete sich.

Der betreuenden Sozialarbeiterin öffnete sich Angela nach einigen Monaten und erklärte ihr, dass sie sich doch so große Sorgen um ihre Mutter mache. Wer kümmere sich jetzt um sie, wo Angela dies doch nicht mehr tat? Wo wohne sie jetzt? Was war passiert, als die Mutter nicht zum Besuchskontakt kam? Sie müsse soviel daran denken. Sie könne die Mama doch nicht allein lassen, aber genau das täte sie doch.

Die Sozialarbeiterin informierte sich, ging die Mutter besuchen und konnte Angela nun genaueres erzählen:
Die Mutter sei in einer Klinik, dort habe sie gesehen, dass man sich um die Mutter kümmern würde und dass es der Mutter nicht schlecht ginge. Die Mutter wüsste jedoch nicht, was sie nach dem Klinikaufenthalt machen würde und ob sie evtl. umziehen würde. Sie würde aber über die Besuchskontakte nachdenken.

Angela war gar nicht so sehr daran interessiert, die Mutter zu sehen, sie wollte einfach für sich wissen, ob es ihr gut ginge und ob die Mutter nun durch andere versorgt würde. Auf eindringliches Bitten hin versprach die Sozialarbeiterin ihr, dass sie die Mutter im Blick behalten werde, dass sie immer schauen würde, wo diese nun sei und wie es ihr gehe und dass sie ihr über die Mutter Informationen geben würde. Sie würde in Erfahrung bringen, wenn es der Mutter nicht gut ginge und wie ihr dann geholfen würde. Sie würde Angela immer berichten, so dass sie Bescheid wissen würde.

Angela vertraute der Sozialarbeiterin. Sie konnte die Verantwortung für die Mutter zunehmend loslassen – obwohl sie diese im tiefen Inneren immer noch empfand und daher die Zustandsberichte der Sozialarbeiterin brauchte. Das alles half ihr,  sich intensiver an die Pflegeeltern zu binden.

Doris

Doris lebt schon seit vielen Jahren in der Pflegefamilie. Es gibt – auch auf Wunsch des Kindes – keine Besuchskontakte. Einmal im Jahr treffen sich jedoch die Pflegemutter und die leibliche Mutter, um miteinander zu sprechen. Die Pflegemutter ist besonders darum bemüht, herauszufinden, was die Mutter zur Zeit macht – denn, wenn sie nach Hause kommt, wird sie von Doris erwartet, die dann sofort alles wissen möchte.

Doris möchte die Mutter nicht sehen, aber sie möchte wissen, wie es ihr geht. Wenn sie erfährt, dass es ihr gut geht, dann ist sie zufrieden. Erfährt sie etwas anderes, dann muss die Pflegemutter mit ihr darüber nachdenken, wer denn in welcher Form der Mutter nun hilft oder helfen kann.

Letzte Aktualisierung am: 
24.11.2023

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