Sie sind hier

08.01.2024

Prüfsteine für ein inklusives Kinder- und Jugendhilferecht

In einer gemeinsamen Stellungnahme vom Dezember 2023 haben die Erziehungsfachverbände IGFH, EREV, BVkE und AFET grundlegenden Prüfsteinen zu einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe erarbeitet und appellieren damit an die Verantwortlichen, die Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe auch voranzubringen.

Aus der Webseite der IGFH zur Stellungnahme:

Vor dem Hintergrund des zu erwartenden Gesetzgebungsprozesses 2024 zu einem inklusiven SGB VIII und mit Blick auf den zurückliegenden Beteiligungsprozess „Gemeinsam zum Ziel – wir gestalten die inklusive Kinder- und Jugendhilfe“ wenden sich die Geschäftsführungen der Erziehungshilfefachverbände Deutschlands an politisch Verantwortliche auf der Bundes- und Länderebene mit grundlegenden Prüfsteinen zu einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe. Sie appellieren und erinnern eindringlich an die Verantwortung der Entscheidungsträger*innen, die Kinder- und Jugendhilfe im Gesamten inklusiv auszugestalten und nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Es liegt das Papier in längerer Fassung und in Kurzfassung vor.

In der Stellungnahme werden nachfolgende Fragen der Erziehungsfachverbände durchleuchtet:

1. Wird der Inklusionsanspruch in der Systematik und im Aufbau eines neuen Gesetzes deutlich oder finden vornehmlich spezialisierte, exkludierende und kategorisierende Leistungen Platz? 

2. Wird der Anspruch auf Inklusion auf die Kategorie von Behinderung enggeführt?  

3. Wie gestalten sich Leistungsansprüche und die Zugänge zu Leistungen?

4. Werden Tendenzen einer Pathologisierung, Kategorisierung und einer Individualisierung von Problemlagen erkennbar? Verändern diese den Kern bewährter, die Lebenswelt beachtender präventiv wirkender, sozialpädagogischer Diagnostik und Leistung? 

5. Welchen Stellenwert hat die verbindliche Beteiligung der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien? Wo und wie werden Partizipation und Beteiligung verbindlich geregelt?  

6. Wie wird die Rechtsanspruchsinhaberschaft geregelt und welche Folgen hat eine mögliche neue Rechtsanspruchsinhaberschaft der Kinder für die Leistungserbringung? 

7. Findet implizit oder explizit eine ausschließende oder einschränkende Definition von Leistungen und Hilfen statt, die Exklusionsmechanismen reproduzieren?

8. Wie werden die Rechte von und die Leistungen für junge Volljährige, insbesondere Careleaver*innen gestärkt und verbessert? Gibt es eine mit allen relevanten Rechtskreisen verzahnte Übergangsgestaltung?  

9. Ist das Thema der Problematisierung von freiheitsentziehenden Maßnahmen im Kontext der Gesetzesreform mitgedacht? 

10. Gelten die Leistungen eines zukünftigen Gesetzesentwurfes zur SGB VIII Reform vollumfänglich auch für unbegleitete minderjährige Geflüchtete? 

11. Welche Regelungen zu sozialraumorientierten Leistungen werden zukünftig getroffen? 

12. Wie werden die Einhaltung und die Überprüfung der Reformziele sichergestellt? 

13. Sehen mögliche Reformen Länderrechtsvorbehalte und Länderregelungen vor, die zu Einschränkungen führen können? 

14. Wie werden Selbstvertretungen in der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe abgesichert und weiterentwickelt? 

Der letzte Punkt ist gewissermaßen ein Fazit der Stellungnahme

15. Barrierefreie und niederschwellige Inanspruchnahme von Leistungen 

Barrierefreie und niederschwellige Inanspruchnahme von Leistungen Inklusion kann nur durch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortungsgemeinschaft mit Leben gefüllt werden. Sozialrechtliche Regelungen müssen dementsprechend so aufeinander abgestimmt werden, dass Infrastrukturen und Unterstützungsangebote von Anspruchsberechtigten möglichst niedrigschwellig und barrierefrei erreicht werden können. Es liegt in der Verantwortung aller Beteiligten in den Infrastrukturen und Unterstützungsangeboten, sich zu vernetzen und miteinander zu kooperieren. Es sind „angemessene Vorkehrungen“, wie es die UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) fordert, zur diskriminierungsfreien Teilhabe aller jungen Menschen zu schaffen. Wo spezialisierte und professionalisierte Angebote nötig sind, sind diese auch individualisiert und flexibel zu gestalten. So muss im Kontext der Reform gefragt werden, wie eine bedarfsgerechte Ausgestaltung der Infra- und Angebotsstruktur und ein niedrigschwelliger Zugang zu diesen Angeboten sichergestellt werden können. Darüber hinaus ist zu hinterfragen, welcher zusätzlichen rechtlichen Regelungen es bedarf, um diese Angebotsstruktur kommunal verbindlicher zu planen und vorzuhalten.

Für eine gleichberechtige Teilhabe aller jungen Menschen

Vierzehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen (UNBRK) ist Inklusion in Deutschland noch immer ein umkämpftes und vieldiskutiertes Thema, obwohl der menschenrechtliche Auftrag mit der UN-BRK bundesrechtlich verankert ist. Nicht nur durch die UN-BRK, sondern auch in den Nachhaltigkeitszielen der UN ist klar formuliert: Weder Geschlecht, soziale oder ökonomische Voraussetzungen noch besondere Lernbedürfnisse aufgrund von Behinderungen oder Erkrankung dürfen dazu führen, dass ein Mensch behindert wird und seine Potenziale und Interessen nicht in gleicher Weise wie andere Menschen entfalten kann. Dieses Verständnis von Inklusion verlangt von (pädagogischen) Fachkräften und politischen Verantwortungsträger*innen daher die Verwirklichung der Rechte der jungen Menschen und eine daran ausgerichtete fachliche, politische und organisationale Haltung der Ermöglichung diskriminierungsfreier Teilhabe, um in allen Lebensbereichen und Infrastrukturen fördernd und unterstützend wirken zu können. Für eine gleichberechtigte Teilhabe aller jungen Menschen gilt es daher, dass Inklusion weder an finanziellen, strukturellen, politischen noch ideologischen Grenzen scheitern darf. 

Das könnte Sie auch interessieren

Bericht zur Veranstaltung

Forschung zum Übergang junger Menschen aus der Erziehungshilfe ins Erwachsenenleben

Tagungsbericht der internationalen und nationalen Expertenworkshops im Projekt „Was kommt nach der stationären Erziehungshilfe? – Gelungene Unterstützungsmodelle für Care Leaver“ (IGfH, Universität Hildesheim)
Arbeitspapier

von:

Umgangsbestimmungen durch Vormund*innen und Zusammenwirken mit den sozialen Diensten und Betroffenen

Die vorliegende Expertise wurde im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (Koordinierungsstelle des Bundesforums Vormundschaft und Pflegschaft) vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF e. V.) und vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS e. V.) erstellt. Ein Kind hat ein Recht auf Umgang mit seinen Eltern nach § 1684 BGB. Eltern haben nicht nur ein Recht auf Umgang mit ihrem Kind, sondern auch die Pflicht. Bei Kindern unter Vormundschaft stellt sich die Frage, wer in welcher Form für die Planung und Vorbereitung, Gestaltung und ggf. Begleitung des Umgangskontaktes mit den Eltern (oder anderen Angehörigen) oder aber für einen Ausschluss des Umgangs verantwortlich ist, da im Falle von Kindern und Jugendlichen unter Vormundschaft mehrere Institutionen und Fachkräfte in den Hilfeprozess und Hilfeplan involviert sind.
Bericht zur Veranstaltung

Tagungsdokumentation für den Fachtag 'Kinder in Pflegefamilien' im März in Weimar

Die IGFH hat von der Tagung 'Kinder in Pflegefamilien' vom 16.-17.03.2015 in Weimar nun alle Vorträge und Workshops veröffentlicht.
Positionspapier

Armutsrisiken von Pflegeeltern vermeiden!

Fachliche Positionierung der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) "Systemimmanente Armutsrisiken von Pflegeeltern vermeiden! Elterngeld für Pflegeeltern einführen und Rentenbeiträge absichern"
Stellungnahme

von:

„Große Lösung“ und Inklusion – eine Stellungnahme der Erziehungshilfefachverbände IGfH und AFET - Rückmeldungen

Ausgehend von der Stellungnahme der IGfH und des AFET wurden Fachleute von anderen Verbänden um Kommentierung und um ein Statement gebeten.
Stellungnahme

von:

Stellungnahmen des DIJuF und der IGFH zur SGB VIII-Reform

Neben der bereits Anfang Oktober veröffentlichen Synopse, hat nun das DIJuF - Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht - auch eine Stellungnahme zum Gesetzentwurf des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes erarbeitet, ebenso wie die IGFH. Die IGFH hat im Rahmen des 'Dialogforums Pflegekinder' intensiv auf die Praxissituation und die sich darauf ergebenden notwendigen Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der Pflegekinderhilfe hingewiesen. Inzwischen hat es eine Vielzahl von Stellungnahmen der verschiedenen Institutionen gegeben, auf die wir hier hinweisen.
Bericht zur Veranstaltung

Von Care-Leavern lernen

Zusammenfassung der Tagung vom 17.-18.09.2015 in Berlin mit Veröffentlichung der Vorträge und Workshopergebnisse.
Bericht zur Veranstaltung

Arbeitsgruppe Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe

Auf Einladung der IGFH traf sich die Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe“ zu einem dritten Treffen am 15. April 2013 in Frankfurt am Main
Stellungnahme

von:

Zwischenruf der IGfH anlässlich der Debatte um die Wirksamkeit ambulanter Hilfen im Kontext von Kindeswohlgefährdungen

Da zunehmend Bundesländer, aber auch Kommunen, sich auf die Wirksamkeit von ambulanten Hilfen im Kontext von Kindeswohlgefährdungen konzentrieren, möchte die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) mit dem vorliegenden Zwischenruf die Gelegenheit nutzen zu einigen fachlich wie fachpolitischen Erinnerungen
Bericht zur Veranstaltung

Fachimpulse zum Kinder- und Jugendstärkungsgesetz

Eingebettet in die Mitgliederversammlung der IGfH im September 2021 fand eine öffentliche Fachveranstaltung zum neuen Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) statt. Kern-Themen waren "Recht und Beteiligung von jungen Menschen und Eltern", "Inklusion", "Kinderschutz und Kooperation" sowie "Leaving Care".