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Das traumatisierte Kind und seine Entwicklung in der neuen Familie

Das Besondere im Umgang mit traumatisierten Adoptiv- oder Pflegekindern ist die Tatsache, dass die Kinder auf die neuen Pflege-/Adoptivfamilien ihre alten Erfahrung mit Familie bzw. Eltern übertragen und nach einer Phase der Eingewöhnung ihre bisherigen Lebensstrategien wieder hervorholen.

Das Pflegekind durchschreitet während seiner Integration in der Pflegefamilie/Adoptivfamilie verschiedene Phasen.

Hierzu Nienstedt/Westermann „Pflegekinder – und ihre Entwicklungschancen nach frühen traumatischen Erfahrungen“ Seite 26 und 27.

Bei der Untersuchung bestehender Pflege- und Adoptivverhältnisse haben wir charakteristische Übereinstimmungen und Divergenzen zwischen den Entwicklungen in Pflegebeziehungen und der Entwicklung in der psychotherapeutischen Beziehung gesehen, die es uns ermöglichten, den Prozess der Integration als Theorie zur Entwicklung neuer Eltern-Kind-Beziehungen zu beschreiben. Der Prozess der Entwicklung neuer Eltern-Kind-Beziehungen ist abhängig von den besonderen traumatischen Erfahrungen, die das Kind in der Ursprungsfamilie mit Vater und Mutter gemacht hat. Denn die aus den früheren Beziehungserfahrungen resultierenden Persönlichkeitsstrukturen finden ihren Niederschlag im Erleben, in den Ängsten und Wünschen des Kindes, die die Beziehung zu neuen Eltern prägen. Unter Berücksichtigung dieser Voraussetzungen verläuft die Integration – in Abhängigkeit von Verständnis und Verhalten der Pflegeeltern gegenüber der Entwicklungsgeschichte des Kindes und dem Integrationsprozess – in drei charakteristischen, mehr oder deutlich voneinander unterscheidbaren Phasen.

In der ersten Phase passt sich das Kind passiv den Wünschen und Erwartungen der Pflegeeltern an und gewinnt erst dadurch, dass sich die Eltern vom Kind an die Hand nehmen lassen, Einfluss auf sie. Dadurch gewinnt es die Überzeugung, ein angenommenes Kind zu sein.

In der zweiten Phase werden die Beziehungen zur Pflegemutter und zum Pflegevater durch die früheren Erfahrungen mit Eltern verzerrt. Es entstehen Übertragungsbeziehungen. In diesen werden alle Beziehungsstörungen wieder mobilisiert, die das Kind in der Beziehung zu seinen Eltern entwickelt hat. Die Annahme der Übertragungsbeziehung ermöglicht dem Kind eine Korrektur der prägenden Beziehungsstörungen.

Dies ist die Voraussetzung für die dritte Phase, die Regression: die Rückkehr auf frühkindliche Entwicklungsstufen, die einem Kind die Entwicklung neuer Eltern-Kind-Beziehungen in den Entwicklungsschritten ermöglicht, die für die frühkindliche Entwicklung charakteristisch sind. Die Integration ist dann gelungen und abgeschlossen, wenn sich das Kind in geschlechtsspezifischer Weise mit den Pflegeeltern identifiziert und seine Selbstdefinition als Kind durch die Zugehörigkeit zu diesen Eltern geprägt ist.

Nach dem Grunsatz von Lewin (1943), „dass nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie“, die die Theorie der Integration wie eine Landkarte der Orientierung in einem unübersichtlichen Gelände. Ihr Gebrauch ermöglicht die Vorbereitung auf die Schwierigkeiten und Probleme bei der Aufnahme eines Pflege- und Adoptivkindes, die Diagnose des Integrationsverlaufs, die Feststellung von Abwegen und Umwegen oder Fehlern und die Beantwortung der Frage, ob die Integration gelungen und abgeschlossen ist. Bei ihrem Gebrauch ist jedoch – wie bei einer groben Landkarte – zu berücksichtigen, dass sie nicht unter allen Umständen gilt und richtig gehandhabt wird, was jedem, der einen Stadtplan oder eine Wanderkarte benutzt, geläufig ist. Bei der Aufnahme eines zehn Tage alten, in der Schwangerschaft nicht geschädigten Säuglings in Adoptionspflege oder der Aufnahme eines siebzehnjährigen Jugendlichen ist der Gebrauch der Integrationstheorie nicht angemessen. Ihr praktischer Nutzen würde aber ebenso durch Missverständnisse in Frage gestellt werden, wenn man z.B. die Integrationsphasen nicht wie Abschnitte eines Entwicklungsprozesses mit unscharfen Grenzen versteht, sondern erwartet, dass es keine Überschneidungen der phasentypischen Probleme geben könnte.

Das Besondere im Umgang mit traumatisierten Adoptiv- oder Pflegekindern ist die Tatsache, dass die Kinder auf die neuen Pflege-/Adoptivfamilien ihre alten Erfahrung mit Familie bzw. Eltern übertragen und nach einer Phase der Eingewöhnung ihre bisherigen Lebensstrategien wieder hervorholen.

Viele Kinder haben daher:

  • Essensprobleme – Horten, Klauen, Überfressen usw. (Vernachlässigungserfahrungen).
  • Verlassenheitsprobleme – nicht allein bleiben können – wann kommst du wieder? – gesucht werden wollen – was muss ich mit DIR tun, damit DU mich auch verlässt?
  • Vertrauensprobleme: bisherige Erfahrung von nicht verlässlichen Eltern, die ihren Elternfunktionen (versorgen, schützen, fördern, da-sein) nicht gerecht wurden.
  • Beziehungsprobleme – besonders gravierende Auswirkungen, da im kindlichen Leben eigentlich alles über Beziehung läuft.

Die Grundfragen eines Pflegekindes bzw. Adoptivkindes an seine neuen Eltern sind:

  • kann ich mich auf dich verlassen?
  • tust Du was du sagst?
  • kannst du mich schützen?
  • bin ich dir wichtig?
Letzte Aktualisierung am: 
04.12.2008

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