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Vernachlässigung

Vernachlässigung ist das Hauptmerkmal, wenn Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden müssen. Die Erfahrung von Vernachlässigung und die Auswirkungen spielen eine große Rolle in den Gefühlen und im Verhalten des Kindes in der Pflegefamilie.

Die überwiegende Mehrheit der Kinder, die in Pflegefamilien vermittelt werden, hat in ihren Herkunftsfamilien (schwere) Vernachlässigung erlebt. Im nachfolgenden Artikel habe ich einmal schwerpunktmäßig Veröffentlichungen benannt und auszugsweise vorgestellt, die sich besonders mit dem Erkennen von Vernachlässigung beschäftigen. Den Abschluss bildet ein Auszug aus einer Schrift des Deutschen Jugendinstituts über die Folgen von Vernachlässigung.

Kindervernachlässigung - Erkennen-Beurteilen-Handeln

Vernachlässigung – eine Herausforderung in unserer Zeit

Kindesvernachlässigung ist ein altbekanntes Problem. Man erinnere sich nur an die im 19. Jahrhundert verfassten Romane von Charles Dickens (z. B. Oliver Twist), die das Schicksal vernachlässigter und verwahrloster Kinder im englischen Frühkapitalismus beschreiben, oder an die von Otto Rühle zu Beginn dieses Jahrhunderts erarbeiteten Studien zur Lebenssituation „proletarischer“ Kinder. Die Vernachlässigung von Kindern ist aber kein ausschließlich sozialgeschichtliches Thema, sondern eines, das seine Aktualität bis heute nicht verloren hat.
Bei einem erheblichen Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich heute in sozialpädagogischen Betreuungsverhältnissen wie Heimen und Pflegefamilien befinden, handelt es sich um Fälle von nicht oder zu spät erkannter Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren. Daher ist es verwunderlich, dass es bislang nur wenige Untersuchungen zu diesem Thema gibt. Der Deutsche Kinderschutzbund musste schon 1993 feststellen: „Das Problem der Vernachlässigung von Kindern ist nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Forschung, Fortbildung und vor allem im Hilfesystem vernachlässigt worden.“

Wie viele Kinder sind betroffen?

Wie viele Kinder in der Bundesrepublik von Vernachlässigung betroffen sind, ist nicht bekannt. Deutschland ist eine der wenigen Industrienationen, in der keine Statistik zur Häufigkeit von Vernachlässigungen geführt wird. Untersuchungen aus anderen Ländern lassen aber darauf schließen, dass auch in der Bundesrepublik die Vernachlässigung die größte Gefahr für das Kindeswohl darstellt. Wenden sich Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zum Schutz des Kindes an die Familiengerichte, liegt jedem zweiten Fall der Verdacht auf Vernachlässigung zugrunde. Dies ergab eine Studie von Münder aus dem Jahr 2000.

Weit seltener lauten die Gründe seelische Misshandlung (12,6 Prozent der Fälle), sexueller Missbrauch (7,9 Prozent), körperliche Misshandlung (6,6 Prozent), Autonomiekonflikte (5,7 Prozent) oder Elternkonflikte (4,1 Prozent).

Aus vielen Jugendämtern und sozialen Diensten kommen immer häufiger Klagen, Warnungen und Hinweise, dass gerade kleine und kleinste Kinder verstärkt Vernachlässigungssituationen ausgesetzt seien. Die sozialen Dienste stoßen dabei zunehmend an ihre Grenzen und können die wachsenden ökonomischen, sozialen und psychischen Problem- und Krisenlagen in vielen Familien nicht mehr auffangen

Wie sieht Vernachlässigung aus?

Der Bericht einer sozialpädagogischen Familienhelferin (s. Kasten) vermittelt einen Eindruck davon, was wir unter dem Begriff der Vernachlässigung verstehen.

Die Lebensrealität vernachlässigter Kinder ist von chronischer Unterernährung, unzulänglicher Bekleidung, mangelnder Versorgung und Pflege, fehlender Gesundheitsvorsorge, unbehandelten Krankheiten und gesteigerten Unfallgefahren geprägt. Diese Kinder werden ohne die notwendige Versorgung, Betreuung, Zuwendung und Anregung allein gelassen. Dabei ist es ein besonderes Problem, dass die Lebens- und Leidenssituation der von Vernachlässigung bedrohten oder betroffenen Kinder gerade bei Säuglingen und Kleinkindern im Privatbereich der Familie verborgen wird und verborgen bleiben kann.
Die Eltern dieser Kinder sind nicht selten erschöpft, resigniert und apathisch. Sie können oft ihre eigene Lebenssituation und ihre eigene Zukunft so wenig steuern und gestalten wie die ihrer Kinder. Wenn sie nicht gelernt haben, für sich selbst gut zu sorgen, können sie auch ihren Kindern nicht genügend Fürsorglichkeit entgegenbringen.

Leitfragen zur Kindeswohlgefährdung im Säuglingsalter der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Hannover

Ausreichende Körperpflege

  • Trifft man das Kind ständig in durchnässten, herabhängenden Windeln an?
  • Sind größere Teile der Hautoberfläche entzündet?
  • Finden sich regelmäßig Dreck- und Stuhlreste in den Hautfalten (Genital- und Gesäßbereich)?

Geeigneter Wach- und Schlafplatz

  • Liegt das Kind tagsüber stundenlang in einem abgedunkelten oder künstlich beleuchteten Raum und bekommt kaum Tageslicht?
  • Sind Matratzen und Kissen ständig nass und muffig?
  • Liegt das Kind immer in der Wippe, der Tragetasche oder im Bett?

Schützende Kleidung

  • Bietet die Kleidung hinreichend Schutz vor Hitze, Sonne, Kälte und Nässe?
  • Ist das Kind der Jahreszeit entsprechend gekleidet oder wird es oft schwitzend oder frierend angetroffen?
  • Ist die Bewegungsfreiheit des Kindes in seiner Kleidung gewährleistet oder ist es zu eng eingeschnürt, sind Kleidungsstücke zu klein oder viel zu groß?

Altersgemäße Ernährung

  • Gibt es eine stete Gewichtszunahme (Gewichtskurve im Vorsorgeheft)?
  • Bekommt der Säugling überalterte oder verdorbene Nahrung?
  • Reicht die Flüssigkeitsmenge?
  • Sind hygienische Mindeststandards (Reinigung der Flasche) gewahrt?

Behandlung von Krankheiten und Entwicklungsstörungen

  • Ist das Recht des Kindes auf Vorsorge (z. B. Impfungen) gewährleistet?
  • Werden Krankheiten des Kindes nicht oder zu spät erkannt und/oder wird die Behandlung verweigert?
  • Werden Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen nicht erkannt und/oder unsachgemäß behandelt?

Schutz vor Gefahren

  • Wird das Kind z. B. ohne Aufsicht auf den Wickeltisch oder in die Badewanne gesetzt?
  • Wird das Kind für sein Alter zu lange allein gelassen?
  • Werden Gefahren im Haushalt übersehen (defekte Stromkabel, Steckdosen, für das Kind zugängliche Medikamente/Alkohol, ungesicherte Treppen, gefährliches Spielzeug etc.)?
  • Sind Eltern durch psychische Beeinträchtigungen, Suchtabhängigkeit o. ä. in ihrer Wahrnehmung getrübt oder in ihrer Verantwortungsfähigkeit eingeschränkt?

Zärtlichkeit, Anerkennung und Bestätigung

  • Wird das Kind beim Füttern in den Arm genommen oder bekommt es lediglich eine Flasche, die es allein trinken muss?
  • Erfolgt das Wickeln grob und ohne Ansprache?
  • Wird dem Kind bei Krankheit oder Verletzung Trost verweigert?
  • Wird der Säugling bei unerwünschtem Verhalten (z. B. Strampeln beim Wickeln) gezüchtigt, geschlagen, gekniffen, geschüttelt usw.?

Sicherheit und Geborgenheit

  • Bleibt das Kind trotz anhaltenden Schreiens unbeachtet?
  • Ist das Kind einer gewalttätigen Atmosphäre ausgesetzt?
  • Machen die Eltern dem Säugling durch Anschreien, grobes Anfassen, Schütteln oder Schlagen Angst?

Individualität und Selbstbestimmung

  • Wird das Kind als Besitz betrachtet, über den man nach Belieben verfügen kann?
  • Wird mit dem Kind nur dann geschmust, wenn das eigene Bedürfnis nach Körperkontakt, Zuneigung und Zärtlichkeit befriedigt werden soll?

Ansprache

  • Wird nicht oder kaum mit dem Kind gesprochen?
  • Wird nicht oder kaum mit dem Kind gespielt?
  • Steht kein altersentsprechendes Beschäftigungsmaterial für das Kind zur Verfügung?
  • Wird dem Kind kein ausreichender Körperkontakt angeboten?

Verlässliche Betreuung

  • Wird das Kind ständig verschiedenen Personen zur Betreuung überlassen?
  • Hat das Kind eine verantwortungsfähige Bezugsperson, die beabsichtigt, langfristig für das Kind zu sorgen?
  • Ist das Kind sozial isoliert, kommt es nie mit anderen Kindern/Erwachsenen in Kontakt

Die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow

Physische Grundbedürfnisse:

  • Essen, Trinken, Atmen, Gesundheit, Kleidung

Sicherheitsbedürfnisse:

  • Wohnung, Recht und Ordnung, Sicherheit, festes Einkommen

Soziale Bedürfnisse:

  • Freunde, Liebe, Familie, Platz in einer Gemeinschaft, soziale Zugehörigkeit

Individualbedürfnisse:

Wertschätzung und Anerkennung

  • Lob, Erfolg, positive Beachtung, Einfluss

Selbstverwirklichung

  • das Leben in Freiheit selbst gestalten, Individualität, Talententfaltung

Auszug aus Broschüre "Kindervernachlässigung - Erkennen-Beurteilen-Handeln", herausgegeben vom Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V., Bildungsakademie BiS, Institut für soziale Arbeit e.V.

Kennzeichen von Vernachlässigung

Körperliche Vernachlässigung

  • Unzureichende Ernährung (quantitativ und/oder qualitativ)
  • Mangelnde Hygiene, mangelnde Zahn- und Körperpflege
  • Kein angemessener Wohnraum
  • Keine saubere und den Witterungsverhältnissen entsprechende Bekleidung
  • Unzureichender Schlaf
  • Unzulängliche (zahn-)medizinische Vorsorge (keine Früherkennungsuntersuchungen, Impfungen) und Verzögerung/ Verweigerung der (zahn-)medizinischen Versorgung
  • Vernachlässigung während der Schwangerschaft und Geburt (Alkohol-, Drogen-, Tabakabusus, unzulängliche medizinische Betreuung und Vorsorge)
  • Verdrängung/Verleugnung der Schwangerschaft

Emotionale Vernachlässigung

  • Mangelnde Zuwendung, Wärme, Liebe, Geborgenheit, Respekt
  • Fehlende Kommunikation und Interaktion und Verlässlichkeit in der Bindung
  • Aussetzen ständiger Partnerschaftsgewalt
  • Mangelnde Wahrnehmung, und unzureichendes Reagieren auf Gefühle des Kindes
  • Verzögerte oder keine psychiatrische oder psychologische Hilfe
  • Weigerung der Eltern, dringend erforderliche psychologische, soziale und erzieherische Unterstützung und Hilfen für das Kind zuzulassen
  • Fehlende Unterstützung bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

Erzieherische oder kognitive Vernachlässigung

  • Fehlende Konversation, Förderung, Anregung, Beachtung, Spiel
  • Keine Förderung sozialer Kompetenz und Selbständigkeit
  • Keine Festlegung von Grenzen, keine Aufklärung über Gefahren
  • Kein erzieherisches Eingreifen
  • Keine Beachtung eines Förder- oder Erziehungsbedarfs
  • Fehlende erzieherische Zuwendung bei Suchtmittelgebrauch des Kindes bzw. Jugendlichen oder bei der Entwicklung delinquenten Verhaltens

Unzulängliche Beaufsichtigung

  • Unzulängliche Beaufsichtigung (Kind ist längere Zeit unbeaufsichtigt und auf sich allein gestellt)
  • Keine Sicherung von Gefahrenquellen und Gefahren des Alltags

Grundsätzlich lässt sich über die Auswirkungen von Vernachlässigung konstatieren: Je früher die Vernachlässigung im Leben eines Kindes beginnt, je tiefgreifender diese ist und je häufiger bzw. länger sie andauert, desto gravierender und lang anhaltender sind die Beeinträchtigungen und Folgen für das Kind. Mängel in der Versorgung können beispielsweise für Säuglinge bereits nach kurzer Zeit lebensbedrohlich werden.

Zudem ist physiologisch das Gehirn des Kindes in seiner Entwicklung umso anfälliger gegen Störungen, je jünger es ist. Dies kann gerade bei früh einsetzender mangelnder Fürsorge zu funktionellen, strukturellen und biochemischen Veränderungen führen.

Darüber hinaus ist das Ausmaß der Schädigung davon abhängig, wie die eigene Konstitution ist und ob das Kind die Vernachlässigung anderweitig kompensieren kann. So wirkt z. B. die Vernachlässigung bei einem schwächeren und empfindsamen Kind stärker als bei einem robusten. Beziehungen zu Verwandten können dem Kind wiederum Geborgenheit und Schutz geben und damit bestimmte Formen und Folgen der Vernachlässigung in gewissem Maße ausgleichen.

Auszug aus einer Expertise der Bundesärztekammer

Merkmale, die bereits in der Anamnese auf eine Vernachlässigung hinweisen

Viele Risiken, ungenügende Ressourcen, z.B.:

  • Eltern können sich trotz Belastungen nur unzureichend Hilfe holen, verfügen über keine ausreichend stützenden inner- und/oder außerfamiliären sozialen Beziehungen.

Entwicklungsauffälligkeiten, z.B.:

  • Hinweise auf kindliche Entwicklungsdefizite,
  • Eltern fördern kindliche Entwicklungsbedürfnisse nicht ausreichend.

Körperliche und seelische Grundbedürfnisse werden nicht ausreichend befriedigt, z.B.:

  • Vermehrte Unfälle, mangelnde Gefahrenvermeidung.
  • Eltern lassen unangemessenen Konsum von Genussmitteln zu (z. B). Tabak, Alkohol).
  • Eltern lassen unangemessenen Medienkonsum zu, der die kindliche Entwicklung beeinträchtigt.
  • Früherkennungsuntersuchungen werden nicht (ausreichend) wahrgenommen, angemessene Maßnahmen bei Krankheit nicht ergriffen.
  • Ältere Kinder/Jugendliche: Eltern wissen nicht um den Aufenthalt des Kindes bzw. Jugendlichen.
  • Desinteresse am Kind: Betreuung des Kindes wird häufig an andere Personen abgegeben.

Verhaltens- und Interaktionsbeobachtung

Neben Hinweisen aus der körperlichen Untersuchung eignet sich zur Einschätzung einer konkreten Vernachlässigung am besten die Verhaltensbeobachtung der primären Bezugsperson(en) in Interaktion mit dem Kind. Die Verhaltensbeobachtung kann bereits während der Anamnese sowie im Laufe der weiteren Untersuchungen erfolgen und durch die Beobachtung einer Pflegesituation (Wickeln, Füttern) sowie eines spielerischen Dialogs ergänzt werden. Auf folgende Merkmale sollte besonders geachtet werden:

Untersuchungssituation

Kind:

  • wirkt apathisch, passiv.
  • zeigt regulatorische Probleme (nicht spezifisch): ist wenig vorhersagbar in seinem Verhalten; entgleist rasch, unvorhersehbar, kann sich unzureichend selbst regulieren; reagiert panisch, lässt sich nicht von der Bezugsperson trösten.

Bezugsperson (Mutter, Vater)

  • verhält sich barsch, wenig einfühlsam.
  • hält wenig Körperkontakt, zeigt wenig Freude, Zärtlichkeit im Umgang mit dem Kind.
  • erkennt Gefährdungs- oder Grenzsetzungssituationen nicht ausreichend, reagiert in diesen nicht oder nur verzögert.
  • kein bzw. unzureichendes Tröstungsverhalten.

Wickel-, Fütter- oder Spielsituation zwischen Eltern und Kind

Kind:

  • wenig Blickkontakt mit Mutter/Vater, Blickvermeidung.
  • Dysphorie, Irritabilität, motorische Unruhe.
  • Apathie, freudloser Affekt, mangelndes Lautieren, mangelndes Interesse an der Umgebung.
  • Kind vermeidet Körperkontakt mit Mutter/Vater.
  • Jactationen (Schaukeln), stereotype Bewegungen, Trichotillomanie (Haarezupfen).

Bezugsperson:

  • redet wenig, verhält sich wenig zärtlich/positiv im Umgang, wenig Lob/Bestärkung des Kindes.
  • äußert sich vor allem negativ oder abwertend über das Kind, schreibt dem Kind wiederholt Schuld zu.
  • Verhalten sehr wechselnd (emotional instabil/impulsiv), nicht ausreichend an kindliche Bedürfnisse in unterschiedlichen Situationen angepasst.
  • verzögerte/fehlende oder nicht angemessene Reaktion auf kindliche Signale, emotional unzugänglich.
  • unrealistische, nicht angemessene Erwartungen an das Kind, Rollenumkehr.
  • Verhalten eher auf physische Aspekte konzentriert, wenig/keine Spielbereitschaft

Auszug aus dem Ärzteleitfaden Bayern

Folgen der Vernachlässigung

Sowohl bei der körperlichen als auch bei der geistigen und sozialen Entwicklung ließ sich nachweisen, dass bestehende Beeinträchtigungen meist wenigstens teilweise wieder ausgeglichen werden können, wenn zuvor vernachlässigte Kinder dauerhaft eine bessere Fürsorge und Anregung erfahren. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass lange anhaltende und ausgeprägte Formen der körperlichen und emotionalen Vernachlässigung bei einem Teil der betroffenen Kinder zu dauerhaften, kaum mehr reversiblen Schädigungen führen.

Körperliche Entwicklung beeinträchtigt: Dass Kinder in Deutschland durch Vernachlässigung zu Tode kommen, ist die Ausnahme, aber es kommt vor. Pro Jahr wird bei etwa drei bis fünf zumeist sehr jungen Kindern Vernachlässigung als Todesursache festgestellt – das geht aus rechtsmedizinischen Befunden hervor. In einer durchschnittlichen kinderärztlichen Praxis in Deutschland werden im Mittel pro Jahr fünf Kinder mit gesicherter Vernachlässigungsdiagnose und acht weitere Verdachtsfälle gesehen (wenn z.B. durch Vernachlässigung eine ärztliche Behandlung erforderlich wurde). Wissenschaftler haben wiederholt festgestellt, dass viele vernachlässigte Kinder im körperlichen Wachstum zurückgeblieben sind. Wie viele Kinder in Deutschland zeitweise unter Nahrungsmangel leiden, ist nicht bekannt. Vom Bundesverband der Tafeln in Deutschland wird berichtet, dass mehr als 150.000 Kinder regelmäßig Lebensmittelspenden erhalten, aber nicht alle bedürftigen Kinder erreicht werden können. Wie oft in Vernachlässigungsfällen in Deutschland Mangel- oder Fehlernährung eine Rolle spielt, ist bislang nicht untersucht.

Verzögerungen des körperlichen Wachstums, insbesondere des Kopfwachstums, können in der Folge die geistige und soziale Entwicklung beeinträchtigen: Mangelbedingte Verzögerungen im körperlichen Wachstum haben sich in Längsschnittuntersuchungen als schwache, aber beständige Vorhersagefaktoren für die weitere geistige und soziale Entwicklung erwiesen. Zugleich erscheint es möglich, dass Zeiten der Mangel- und Fehlernährung in der Kindheit dauerhafte Veränderungen im Stoffwechsel bedingen, die bei einer später üppigeren Ernährung Stoffwechselerkrankungen und Fettsucht begünstigen.

Erst seit Kurzem beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, inwieweit Vernachlässigung nachweisbare neurophysiologische oder neuroendokrinologische Veränderungen bedingt, d.h., die Funktionsweise des Nerven- und Hormonsystems verändert. Belegbar erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass schwere Formen der Vernachlässigung zu einem verlangsamten Gehirnwachstum in den ersten Lebensjahren und zu einem herabgesetzten Stoffwechsel in einigen Gehirnarealen führen.

Geistige und soziale Entwicklung: Studien zeigen, dass die kognitive Entwicklung von Kindern sowohl durch körperliche Vernachlässigung, insbesondere durch Mangelernährung, aber auch durch emotionale Vernachlässigung beeinträchtigt wird. Zudem kann sich eine erzieherische Vernachlässigung auf die schulischen Leistungen negativ auswirken, da sie Störungen im Sozialverhalten von Kindern begünstigt. Erzieherische Vernachlässigung besteht etwa dann, wenn verbindliche Regeln in der Familie fehlen, die dem Kind Grenzen setzen und ihm gleichzeitig soziale Orientierung bieten könnten.

Kognitive Beeinträchtigung zeigt sich bei Kindern, die stärker oder über längere Zeit vernachlässigt wurden. Schwerwiegende, frühe Erfahrungen von Vernachlässigung machen sich durch kognitive Entwicklungsrückstände in der Regel bereits in den ersten Lebensjahren und während der Kindergartenzeit bemerkbar.
Vernachlässigung scheint auch die Lernbereitschaft, das Interesse und Selbstvertrauen von Kindern nachhaltig zu untergraben und auf diese Weise das schulische Engagement zu behindern. In Beobachtungsstudien fielen vernachlässigte Kinder bereits während ihrer ersten Lebensjahre in Aufgabensituationen durch geringe Ausdauer auf, durch wenig Enthusiasmus, eher geringe Kreativität und durch eine geringe Fähigkeit, die Hilfestellung von Erwachsenen angemessen zu nutzen. Aufgrund dieser Defizite werden ihre Wissenslücken immer größer, was die Kinder zusätzlich demotiviert. Viele vernachlässigte Kinder bringen solche Lücken bereits zu Schulbeginn mit – in einer anregungsarmen und teilweise chaotischen familiären Umwelt konnten sie sich nur bedingt Wissen aneignen. Im Lauf ihrer Schulzeit gelingt es den meisten vernachlässigten Kindern kaum, ihre Lerndefizite auszugleichen: Zu Hause erhalten sie keine Unterstützung. Mitunter tragen häufige familiäre Veränderungen dazu bei, dass sie sich nicht auf das Lernen konzentrieren können – etwa wiederholte Umzüge, Trennungen und neue Partnerschaften der Eltern.
In einem Dutzend tragfähiger internationaler Studien zeigte sich, dass vernachlässigte Kinder sowohl in ihren Schulnoten als auch in standardisierten Tests ihrer kognitiven Fähigkeiten deutlich unterdurchschnittliche Leistungen erbrachten. In beispielhaft ausgewählten Studien waren die Effekte erheblich: Die vernachlässigten Kinder fielen in einer Studie mehrheitlich in den Bereich der Lernbehinderung, in einer anderen Studie wiesen sie im mittleren Leistungsstand in Kernfächern einen Abstand von mindestens einem Schuljahr zu ihren Mitschülern auf und besuchten mehr als doppelt so oft eine Sonderschule.

Soziale und emotionale Entwicklung: Beeinträchtigungen der sozioemotionalen Entwicklung wirken sich nicht nur nachteilig auf schulische Leistungen aus. Körperlich und/oder emotional vernachlässigte Kinder, die in ihrer Ursprungsfamilie nur eine hochgradig unsichere Bindung zur Mutter aufbauen konnten, hatten Studien zufolge im Kindergarten- und Schulalter Schwierigkeiten bei der Integration in Gleichaltrigengruppen und beim Schließen von Freundschaften sowie im Jugend- bzw. im jungen Erwachsenenalter beim Aufbau erster Partnerschaftsbeziehungen. Frühe Deprivationserfahrungen beeinflussen nachhaltig das Selbstvertrauen, das Vertrauen in andere Menschen und den Zugang zu eigenen Gefühlen.

Bindungsdesorganisation und Bindungsstörungen sind darüber hinaus Risikofaktoren für die spätere Ausbildung von psychischen Störungen. Kinder, die sehr schwere Formen von Vernachlässigung erfahren hatten, zeigten in einem Drittel der Fälle selbst noch Jahre nach der Unterbringung in einer Adoptivfamilie Anzeichen einer Bindungsstörung. Später im Jugendalter litten 54 Prozent von ihnen als Folge der körperlichen Vernachlässigung an zwei oder mehr psychiatrischen Störungen; bei emotionaler Vernachlässigung waren es sogar 73 Prozent. Vernachlässigte Kinder sind deutlich stärker durch nach innen gerichtete Probleme (Internalisierung) belastet als Kinder, für die ausreichend gesorgt wurde. Zu diesen Problemen gehören z. B. Ängste, Depression und sozialer Rückzug. Aber auch bezüglich des Ausagierens der Probleme (Externalisierung), etwa durch Aggression oder Unruhe, waren vernachlässigte Kinder auffälliger als nicht vernachlässigte Kinder.

Auszug aus der Webseite des Deutschen Jugendinstituts

Letzte Aktualisierung am: 
30.11.2014

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